Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 41. Kapitel: Raphael und die Griechen.

   01] Auf diese Rede des Lazarus wandte sich der Grieche an den Jungen (Raphael) und sagte: »Du lieber Junge, der Wirt hat uns mit unserem Anliegen an dich beschieden, du würdest uns etwa schon das Rechte kundgeben! Um was es sich handelt, das hast du ohnehin erfahren, und so kannst du schon gleich zu reden anfangen!«
   02] Sagte der Engel: »Ja, meine Lieben, das geht nicht sogleich, wie ihr euch das so vorstellet! Denn es steht in unseren auch euch nicht mehr ganz unbekannten Büchern geschrieben: "Das Land Kanaan ist gegeben den Kindern Jehovas, und Götter werden darin wohnen." Und so seid ihr nun im Lande der Götter, und ihr habt es da mit Göttern zu tun und nicht mit puren Weltmenschen, gleich wie ihr es seid. So ihr aber von Göttern etwas erreichen wollet, so müsset ihr sie zuvor sehr ernstlich bitten können, ansonst verschließen die Götter ihren Mund und geben euch keine Lehre und keinen Rat. - Verstehet ihr mich?«
   03] Da machte der Grieche große Augen und sagte zum Jungen: »Na, na, du mein lieber, junger Jude, mit eurer Götterschaft scheint es eben nicht gar zu weit her zu sein; denn wäret ihr Götter, so hätten euch die Römer nicht unterjocht! Aber es macht das eben nichts, wenn du als ein junger, wahrscheinlich noch nicht sehr erfahrungsreicher Jude dir auf eure alten, mystischen Schriften etwas zugute tust und dir einbildest, irgendein Gott zu sein. Ich kann dich ja auch bitten, mir einiges von eurem Kochgeheimnis mitzuteilen, und so sei denn darum auch ganz ernstlich gebeten!«
   04] Sagte der Engel: »Jetzt sage ich dir und jedem von euch noch weniger von unserem Kochgeheimnis denn zuvor; denn jetzt bist du sogar etwas grob geworden, und mit der Grobheit ist bei uns Göttern schon gar nichts auszurichten! Denn ihr Menschen habt euch nach uns, nicht aber wir uns nach euch zu richten, da wir ohne euch ganz gut leben und ewig bestehen können, ihr aber ohne uns nimmer. - Habt ihr dieses auch wieder verstanden?«
   05] Sagte der Grieche: »O ja, nur zu gut, und wir haben daraus ersehen, daß eben du als ein noch unbärtiger Jüngling ein sehr sonderbarer Kauz bist! Aber so du dir auf deine Götterschaft denn schon gar soviel zugute tust, so gib uns eine Probe davon, und wir werden dann schon auch sicher wissen, was wir dir gegenüber zu tun haben werden! Denn mit Worten allein kann sich ein scheinbarer Mensch uns Menschen gegenüber nie und niemals als ein Gott manifestieren, sondern nur durch eine Tat, die nach dem Zeugnisse aller in allerlei Künsten und Wissenschaften Kundigen notwendigerweise als eine nur einem Gott mögliche angesehen werden kann, - Hast du als ein als Gott verehrt sein wollender Junge auch das verstanden?«
   06] Sagte Raphael: »O ja, doch mit derlei griechischen Weisheitsfloskeln richtet ihr bei mir nichts aus; denn ich besitze göttliche Macht und Kraft und habe darum auch keine Furcht vor irgendeinem Menschen und auch vor allen Menschen auf der ganzen Erde nicht. Wer von mir etwas erhalten will, der muß mich zuvor vollernstlich darum bitten mit reinem und demutsvollem Herzen; aber mittels eurer Weisheitskniffe erhaltet ihr nichts und allzeit nichts von mir. - Verstehet ihr das?«
   07] Sagte der Grieche: »Höre, du bist ein ganz unbändiger Junge, und es ist mit dir, wenn du im Ernste etwelche Geheimnisse besitzest, mit aller menschlichen Vernunft nichts zu machen, was wir nun schon ganz klar heraushaben! Du hast dich darauf gut einstudiert, vor den Menschen einen Gott zu spielen; fahre du nur fort! Wenn du also fortfährst, so wirst du noch einmal ein großer und sehr berühmter Mann werden. Doch wenn du im Ernste so eine göttliche Allmachtsnatur besitzest und dabei offenbar ein Jude bist, so kannst du kein Freund der Römer sein. Es wäre dir ja doch ein leichtes, alle Römer über Nacht aus diesem deinem Götterlande hinauszutreiben. Warum lasset ihr euch denn ihre harten Gesetze gefallen?«
   08] Sagte der Engel: »Der Römer Gesetze sind zwar hart, aber dabei gerecht und dienen nun den besseren Juden selbst zum Schutze gegen jene bösen Juden, die sich zwar Juden nennen, aber in ihrem Herzen weder Juden und noch weniger Kinder Gottes sind. Und so sind die Römer nun unsere Freunde und schon lange keine Feinde mehr und halten eine gute Zucht unter den verworfenen Menschen dieses Landes wie vieler anderer Länder, und wir sind darum eher ihre Beschützer als solche, die sie aus diesem Lande vertreiben möchten. Daß wir aber, so es nötig wäre, auch die sehr mächtigen Römer wie der Sturmwind die Spreu aus diesem Lande treiben könnten, davon will ich euch ein kleines Pröbchen geben, und so habt denn alle sehr wohl acht darauf!«
   09] Sagte der Grieche: »Junge, was willst du uns denn zeigen oder so aus deiner allfälligen Zauberei vormachen?«
   10] Sagte Raphael: »Lasset eure Vorbemerkungen gut sein und urteilet erst nach der Tat!«
   11] Sagte der Grieche: »Ganz gut; so wollen wir erst nach der Tat urteilen!«
   12] Sagte Raphael: »Gut denn; also urteilet nach der Tat! Wie ich es euch ganz klar gesagt habe, so urteilet nach eurer hochweisen griechischen Vernunft, und saget es mir dann, was eure hochweise Vernunft dazu spricht!«
   13] Sagte der Grieche: »Gut denn, so gib uns ein Pröbchen, und wir werden dann schon recht wohl einsehen, was daran ist! Denn bei uns in Athen hat es schon gar sehr verschiedene Weise gegeben, und wir Griechen wissen darum gar sehr wohl zu beurteilen, was da Zauberei und was da eine wahrhaftige Götterwundersache ist. Und darum nur heraus mit deinem götterhaften Allmachtspröbchen!«
   14] Sagte der Engel: »Aber gebet darauf wohl sehr acht, daß euch dabei der ganz natürliche Odem nicht zu kurz wird!«


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