Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 39. Kapitel: Die Ansichten des jungen Sklaven. Rußlands Zukunft.

   01] Darauf erhob Ich Mich schnell und die drei Berufenen mit Mir, und wir gingen zu unseren Jungen, die wir ganz ruhig und mit heiteren Gemütern antrafen; denn da hatte eines dem andern stets vieles zu erzählen, was ein jedes auf der weiten Reise Absonderliches gesehen und bemerkt hatte, und wie solches auf ihre gegenwärtige Erlösung Bezug genommen habe. Einige hatten Träume, andere wollten andere Erscheinungen bald auf der Erde und bald wieder am Himmel gesehen haben. Und also unterhielten sich diese Jungen die etlichen Stunden untereinander ganz gut und merkten es kaum, daß es schon nahe zum Ende des Tages gekommen war.
   02] Als wir zu ihnen in ihr ganz geräumiges Gemach traten, da war es völlig aus vor lauter Freude, und alle schrien: »Gegrüßet seist du, unser allein rechter und ganz allein wahrer Vater; denn du hast uns ein gutes Brot und einen guten Trank gegeben, hast uns frei gemacht von unseren harten Banden und hast wohl bekleidet unsern nackten Leib, und darum bist du nun ganz allein unser rechter und wahrer Vater, und wir alle lieben dich nun über alles! Aber unsere harten Eltern können wir nun nicht mehr allzusehr lieben; denn sie haben uns nie etwas Gutes getan, außer daß sie uns eine Zeitlang gemästet haben, um uns dann teurer verkaufen zu können. Wir wünschen ihnen darum dennoch nichts Arges, sondern nur das wünschen wir ihnen, daß sie bald zu der Einsicht kommen sollen, daß es höchst unrecht ist, so Menschen wieder Menschen und sogar die Eltern ihre Kinder gleich wie andere Haustiere an gewinnsüchtige Kaufleute verkaufen. Doch da wir nun alle einen so überguten Vater gefunden haben, so sei auch der alte Frevel, den unsere Alten an uns, ihren unschuldigen Kindern, begangen haben, ihnen vergeben, was du, harter Kaufmann Hibram, ihnen daheim wohl vermelden kannst, wenn noch irgendein ehrlicher Blutstropfen in deinen Adern fließt!«
   03] Lazarus und auch Agrikola erstaunten über die große Entschiedenheit dieser Ansprache an Mich und teilweise an den Sklavenhändler Hibram; denn Ich gab den zweien die Gabe, die Sprache dieser nordischen Jungen zu verstehen, wie auch mit ihnen zu reden, da solches höchst notwendig war, auf daß sich besonders der Römer mit ihnen besser verständigen konnte. Ich hätte solch eine Fähigkeit auch allen diesen Jungen geben können; aber es wäre das für sie nicht so gut gewesen, weil sie durch eine vollkommenere Sprache auch eher und vollkommener zur Kenntnis aller möglichen Unarten, Untugenden, Sünden und Laster gelangt wären. Wenn sie aber die ihnen noch fremde Sprache der Römer erst nach und nach erlernen mußten, so wurden sie vorerst in ihrer Sprache von dem Römer, der am Ende doch alle die Jungen mit nach Rom führte und dem Lazarus keinen zurückließ, in Meiner Lehre unterwiesen, die ihnen dann einen immerwährenden Schutz gegen die Torheiten Roms gab; und es war somit alles gut, wie Ich diese Sache angeordnet hatte.
   04] Als sich diese Jungen mit uns ordentlich unterredet hatten und auch Hibram ihnen die teuerste Versicherung gab, daß er daheim für ihre zurückgebliebenen Gefährten schon bestens sorgen werde, und daß er fortan auch keinen Menschenhandel mehr führen wolle, für welches Versprechen sich ihm alle Jungen beiderlei Geschlechts sehr dankbar bezeigten, da sagte Ich, daß sie nun alle mit uns hinaus in die Freie gehen sollten, was ihnen eine große Freude verursachte.
   05] Als wir aber im Freien waren, sahen wir die schöne Landschaft gegen den Sonnenuntergang, und die Jungen sagten ganz wonnetrunken, daß sie noch nie eine so schöne Landschaft gesehen hätten.
   06] Und ein Junge, der eine besonders hervorragende Denk- und Redefähigkeit besaß, sagte: »Wahrlich, in diesem Lande, das gar so schön und warm ist, müssen die Menschen dem guten Gott um vieles näher sein als dort, wo wir geboren sind; denn dort ist es nur eine ganz kurze Zeit warm und darauf eine lange Zeit sehr kalt, so daß vor lauter Kälte das Wasser zu Stein wird, und das ganze Land sieht sehr traurig aus! Daher sind dort die Menschen auch dem bösen Gott näher und sind daher auch böse und schlecht. Denn dort lieben sich die Menschen untereinander nicht, und jeder trachtet nur, wie er seinen Nebenmenschen etwas Arges zufügen könne. Der am meisten Starke ist dort ein fürchterlicher Herr der anderen schwachen Menschen, zwingt sie, ihm die schwersten Dienste zu tun, und gibt dafür keinen Lohn, - das muß dort wahrlich der böse Gott bewirken! Und du, Hibram, bist dort auch ein solcher starker Herr; darum laß du dich in Zukunft daheim ja nicht mehr von dem bösen Gott gefangennehmen in deinem Gemüte und in deinem Verstande und bringe ihm kein Opfer mehr dar, sondern opfere dem guten Gott dieses Landes, dann wird auch unser Land so schön und warm werden, wie nun dieses da ist.
   07] Denn ich meine, daß der gute Gott um vieles mächtiger ist als der böse, der das Wasser wohl töten und zum Steine machen, aber selbst nicht wieder auflösen und lebendig machen kann. Hier hast du den guten und mächtigsten Gott gefunden; nimm Ihn mit in deinem Herzen und opfere Ihm allein, und Er wird dann schon auch segnen unser großes Land! Wirst du aber daheim wieder dem bösen Gott opfern, so wird unser Land nimmer diesem schönen und warmen Lande gleich werden.«
   08] Diese kindlich weisen Worte des Jungen rührten Hibram zu Tränen, und er versprach dem Jungen auf das feierlichste, daß er seinen Rat und Wunsch auf das pünktlichste befolgen und dem vermeinten bösen Gott nie mehr ein Opfer darbringen werde; wohl aber werde er dort allen seinen Untergebenen den guten Gott, den er hier gar wohl kennenlernte, verkünden und zeigen, wie man Ihm allein opfern kann und soll.
   09] Aber bei der Gelegenheit machte er auch alle Jungen darauf sehr aufmerksam, wie auch sie sich nun vor allem emsigst bestreben sollen, den guten und allein wahren Gott stets näher und näher zu erkennen und Ihn über alles zu verehren und zu lieben, und wenn sie es in der Erkenntnis des guten und allein wahren Gottes zu einer Vollendung gebracht haben würden, sie dann ihres Heimatlandes nicht vergessen sollen.
   10] Auch dieses gelobten die Jungen, und der Redner sagte: »So wir einmal des guten, allein wahren und über alles mächtigen Gottes Segen und Kraft also innehaben werden wie diese Menschen hier - wovon wir uns alle auf das hocherstaunlichste überzeugt haben -, dann werden wir auch gar leicht wieder heimfinden und auch heimkehren; denn da wird uns Sein Geist schon den rechten und den nächsten Weg zeigen und auch führen. Aber ohne solch einen Führer, und über alles mächtigen Führer und Beschützer, würden wir unser von hier so überweit entferntes Land wohl nimmer finden können, und das darum um so schwerer, da wir vier Tage lang mit verbundenen Augen und mit Lehm überklebten Ohren auf den Wegen und Karren vom Heimatlande weg geschafft worden sind. Darum lasset auch von dieser bösen Gewohnheit ab; denn es ist etwas gar sehr Entsetzliches, blind und taub als ein Sklave sein Heimatland, wenn es auch ein noch so unfreundliches Aussehen hat, für immer verlassen zu müssen. Also auch dieses merke dir, du daheim starker und die armen Menschen weit und breit beherrschender Hibram!«
   11] Hierauf wandte sich der Junge gar sehr liebfreundlichen Angesichtes an Mich und sagte: »O du, unser guter Vater und weisester und sehr mächtiger und von dem guten Gott sehr erfüllter Mann voll Macht und jeglicher Kraft, sage auch du dem Hibram, daß er das tun soll, was wir Armen ihm durch meinen Mund treuoffenherzig geraten haben, und er wird das dann um so gewisser tun, da auch er auf dich schon viel zu halten scheint! Wenn er daheim das tun wird, so wird dann auch unser Land so schön und warm werden, wie dieses da ist, und der böse Gott wird dann sicher nicht mehr imstande sein, das Wasser zu töten und das ganze große Land mit dem sehr kalten Schnee zu überstreuen, - was für die dortigen Menschen ein gar böses Leben zeiht (verursacht).
   12] O du guter Vater von uns allen, habe doch die Barmherzigkeit nicht nur mit uns, sondern auch mit allen denen, die in unserem schlimmen Lande zu Hause sind und gar oft nichts zu essen haben als das getrocknete Fleisch von wilden Tieren und Fischen! Wenn ich im Namen aller dieser, die dich hier als den guten Vater preisen, eine Fehlbitte getan habe, so magst du mich wohl darum strafen; denn an Macht und Kraft dazu fehlt es dir, du lieber, guter Vater, sicher nicht, wie wir uns alle schon überzeugt haben!«
   13] Sagte Ich: »Warum nicht gar! Ich habe von Ewigkeit her noch kein Wesen gestraft, außer es hat sich selbst gestraft, - um so weniger werde Ich dich je strafen für dein gar gutes und edles Herz. Im Gegenteil, Ich sage dir: Du wirst in sieben Jahren in dein Land zurückkehren, und Ich werde aus deinen Lenden ein Geschlecht erwecken, das des Nordens weite Länder über tausend Jahre hindurch in Meinem Namen beherrschen und leiten wird. Aber deine späteren Nachkommen werden die Herrschaft nicht erhalten, weil sie roh und höchst herrschsüchtig werden. Allein, daraus brauchst du dir nichts zu machen; denn Ich werde Mir da allzeit Lenker wählen, wie Ich sie eben werde brauchen können. Doch das Reich wird stets ein und dasselbe mit wenigen Veränderungen verbleiben; dochin den späteren Zeiten werden die Lenker nicht in Asien, sondern in Europa ihren bleibenden Wohnsitz aufschlagen. Darum aber seid alle besonders fleißig und lernet alles Gute und Wahre und verpflanzet Mein Licht auch nach dem sehr finsteren Norden!
   14] Es wird zwar dort so wie bis jetzt der Winter der Weltnatur die Erde beherrschen; allein das macht nichts. Wenn nur eure Herzen warm sind durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten, dann werden eure toten Ströme schon auftauen und euch vielen Segen ins Land schaffen. Aber ihr müsset euch nun denn so recht emsig in allem Guten und Wahren von denen unterweisen lassen, die euch nach Rom mitnehmen werden, und ihr werdet dann nach sieben Jahren voll Segens in euer Land zurückkehren. Und so ihr euch wieder in eurer alten Heimat befinden werdet, da tut denen Gutes, die euch Böses getan haben, und ihr werdet dadurch viel Segen in euer Land bringen! - Habt ihr das wohl verstanden?«
   15] Alle bejahten das und versprachen, es zu halten.
   16] Und Ich sagte: »So haben wir einen guten Zweck erreicht und wollen uns denn wieder ins Haus zurückbegeben!«
   17] Damit waren auch alle völlig zufrieden, und wir zogen uns wegen der ankommenden Fremden wieder ins Haus zurück, wo wir die Helias in glühendem Gespräche mit dem Engel antrafen.


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