Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

26. Kapitel: Ausrede der jungen Jüdin.

   01] Hier dachte die Junge eine Weile nach, was sie denn jetzt darauf sagen solle; denn sie fühlte sich ganz getroffen.
   02] Da wollte ihr aber gleich ihre gefaßtere Mutter aus der Verlegenheit helfen und sagte zur Tochter (die Mutter): »Ei, was denkst du nun gar so ängstlich und verlegen nach, was du reden sollst? Hat denn je jemand den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gesehen? Niemand weiß etwas anderes von Ihm, als was er aus den von lauter Menschen geschriebenen Schriften von Ihm gelesen oder von den Priestern reden gehört hat. Die Priester aber, die den alten Gott am meisten kennen und Seine Gebote am eifrigsten in allem und jedem befolgen sollten, tun gerade das Gegenteil und legen durch solches ihr Tun und Lassen vor jedem denkenden Menschen den Beweis ab, daß der alte Gott der Juden ein ebenso erdichteter ist wie alle Götter der Heiden, die auch nie von einem Menschen dieser Zeit gesehen worden sind. Diesen Gott aber sehen wir, hören Seine weisen Reden und bewundern Seine außerordentlichen, nur einem allmachtsvollen Gotte möglichen Taten. Was soll uns da weiter abhalten, Ihn als einen allein wahren Gott anzuerkennen und Ihm allein die Ehre zu geben?!«
   03] Sagte darauf die Tochter: »Ja, ja, Mutter, es wäre das also wohl schon alles ganz recht, wenn wir mit der größten Bestimmtheit behaupten könnten, daß es nie einen Moses und nie einen Propheten gegeben habe und alle Schrift von Moses an nichts als eine Dichtung der stets gleichen Pharisäer sei. Doch weil sich das denn doch nicht so ganz vollkommen erweisen läßt, und weil es bekanntlich im Moses und in den andern Propheten dennoch gar viele Dinge gibt, die außerordentlich gut und wahr sind, und die meines Wissens den Pharisäern stets eine gar zuwidere und von ihnen nur zu bekanntermaßen nie beachtete Sache waren, so können wir denn doch nicht so ganz eigentlich annehmen, daß eben die aufeinanderfolgenden Pharisäer die ganze sogenannte Heilige Schrift unter allerlei fingierten Namen zusammengestellt haben, sondern es haben dieselbe offenbar von Gott begeisterte Menschen geschrieben, und das ist denn auch Gottes Wort, wenn auch jene gottbegeisterten Männer Gott niemals geschaut haben! Und es ist da immer eine wahrlich sehr gewagte Sache, einen Menschen ob seiner Reden und sicher höchst wunderbaren Taten sogleich als einen Gott anzuerkennen und anzupreisen.
   04] Ich habe solches in meiner ersten Überraschung auch getan und habe in meinem Wahne die große Blindheit meines Herzens auch nicht in die allergeringste Berücksichtigung gezogen, der nach ich bald zwei Götter angebetet hätte. Der herrliche Mann hat mich jedoch gleich auf den rechten Weg gebracht, indem er mir ganz klar und sehr verständlich zu erkennen gegeben hat, daß er eben kein Gott, sondern nur ein großer, von Gott begeisterter Prophet sei, - und eines Weiteren bedürfen wir nicht.
   05] Wissen wir denn nicht, daß der Prophet Elias noch früher kommen wird, als da kommen wird der große Messias?! Und ich irre mich eben - wie du, Mutter, es weißt - einmal nicht gar zu leicht, und so sage ich, daß dieser gar überaus herrliche Mann der Rücksendling Elias und jener überholde Junge sein Jünger Eliseus (Elisa) ist. Aber von nun an dürften wir wahrlich nicht lange mehr auf den großen Messias zu warten vonnöten haben!
   06] Das ist nun so meine Ansicht, und weil eben dieser sonst gar so herrliche, weise und wundertätige Mann meint, daß ich im Glauben ein Schilfrohr bin, so will ich ihm aber nun von seiner Meinung auch das hartnäckigste Gegenteil zeigen. Wie in der Welt nicht alles Gold ist, was also aussieht und glänzt, als wäre es Gold, so will ich aber hier auch zeigen, daß eben auch nicht gar alles schwach ist, wenn es auch dafür ein Aussehen hat.
   07] Gott gibt es nur einen; doch der Propheten kann es eine große Anzahl geben, zu denen ich diesen herrlichen Mann nun auch ganz offenbar zähle. Und so glaube ich nun, dir und diesem sonst herrlichen Manne auf seine Frage an mich doch gewiß ganz sicher die beste Antwort gegeben zu haben. Es war seine Bemerkung an mich wegen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz gut, und ich habe mich durch sie eben sehr ermahnt gefühlt und bin ihm für solch eine Ermahnung und für alle andern uns allen erwiesenen Wohltaten im höchsten Grade allen Dank schuldig; aber ob er der verheißene Messias ist, das lassen wir noch hübsch lange auf sich warten! Oh, ich bin alles eher als ein schwaches Schilfrohr!«
   08] Hier ermahnte die Mutter die Tochter, daß sie nicht so eitel und stützig (widerspenstig) sein solle.
   09] Sagte die Tochter: »Ich bin nicht stützig und noch um vieles weniger eitel; aber ich kehre mich an die Belehrung dieses herrlichen Mannes und großen Meisters und bin ihm von ganzem Herzen dankbar für die übergroßen Wohltaten, die er uns erwiesen hat. Was kann ich und was können wir alle wohl noch mehr tun? Ich will aber auch in dem nicht stützig sein, diesen herrlichen Meister als einen wahren Messias und Heiland der Menschen anzusehen; denn das war ja in einer gewissen Hinsicht ein jeder große und auch, nach Umständen, jeder kleine Prophet, weil er den in alle Nacht des Lebens versunkenen Menschen wieder das Licht der Lebenswahrheiten brachte und sie aus dem Schlamme der Sinnlichkeit wieder in ein reineres geistiges und wahrheitsvolles Leben erhob. Und das tut, wie ich es nun gar wohl merke, auch dieser Mensch voll Herrlichkeit und voll wahrhaft göttlicher Kraft und Macht und ist darum denn auch sicher ein wahrer Messias der Menschen, die sich von ihm belehren lassen.
   10] Mit solchem meinem Urteil über ihn kann ich mich unmöglich in einer großen Irre befinden; denn ich urteile nun nur nach dem, was ich von ihm selbst gehört und gesehen habe. Es kann sich die Sache vielleicht auch noch ganz anders verhalten - was wir nicht wissen können -, doch wir können da unmöglich fehlen, wenn wir jetzt nur das annehmen, was wir nach dem Gehörten und Gesehenen annehmen können. Gottes Geist, Kraft und Gnade leite ihn zum Wohle aller Menschen fort und fort!«
   11] Sagte die Mutter: »Meine liebe Tochter, ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht gar so entsetzlich gescheit wärst! Der alte Rabbi hat dir die zwei Jahre hindurch den Kopf mit allem möglichen, was ein Mensch auf dieser Welt nur immer wissen kann, voll angestopft, und du hast hernach schon gleich alles besser gewußt als wir, deine Eltern, und dadurch bist du manchmal wohl ganz unausstehlich geworden, und ich merke es nun, daß du auch diesem großen Meister nahe auch schon widerlich geworden bist! Daher halte ich es nun für geraten, daß wir ihn um Vergebung bitten und uns dann auf unsere Plätze zurückziehen!«
   12] Sagte nun Ich: »Oh, da hat es noch lange keine Not; denn Ich habe ja mit der Tochter Helias noch nichts reden können, weil nur du als ihre Mutter mit ihr verkehrt bist (gesprochen hast)! Lasse nun auch Mich mit der schönen Helias verkehren (sprechen), auf daß sie als eine geweckte Jungfrau für sich und dann auch für viele andere, mit denen sie in Verkehr kommen wird, der vollsten Wahrheit nach erfahre, mit wem sie es in Meiner Person zu tun hat; denn bis jetzt weiß sie noch nichts, und du als ihre Mutter noch weniger! Darum rede du, Mutter, erst dann, wenn Ich dich zum Reden auffordern werde!«
   13] Hier sagte die Mutter nichts mehr, bat Mich aber, dennoch in Meiner Nähe bleiben zu dürfen, was Ich ihr denn auch gestattete.


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