Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 240

Das Verhältnis zwischen Hölle und Welt.

   01] (Der Herr:) »Es denke aber von euch ja niemand, als hätte Ich dereinst auch schon die Hölle erschaffen! Das sei ferne von Mir und von euch allen! Auch denket euch nicht, als sei sie ein Ort zur ewigen Bestrafung der Übeltäter dieser Erde! Sie hat sich von selbst gebildet aus jenen gar vielen Menschenseelen, die auf dieser Erde im Fleische jeder göttlichen Offenbarung Hohn sprachen, Gott leugneten, nur taten, was ihrer äußeren Sinnlichkeit behagte, aber sich am Ende göttliche Verehrung erweisen und alles Volk durch ihre Höflinge darin unterweisen ließen, daß sie selbst Götter seien und alles Volk sie anbeten müsse, wie solches Nebukadnezar zu Babylon tat. Wieder erfanden sie Götzen und zwangen die Völker, dieselben anzubeten und ihnen große Opfer zu bringen; aber wer sich weigerte, wurde auf das grausamste gemartert.
   02] Aus dem aber könnet ihr wohl ersehen, welche Gewalt die Hölle über die ganze Erde ausübte, und wie sehr es nun an der Zeit war, daß Ich Selbst in die Materie herabkommen mußte, um dieses alte, aber notwendige Gericht mit aller Meiner Fülle zu durchbrechen und dadurch der sich selbst geschaffenen Hölle einen Damm zu setzen, den sie nimmerdar also durchbrechen wird, wie es bis jetzt der Fall war.
   03] Ich, der Allerheiligste, mußte Mich mit der Unheiligkeit der menschlichen oder geschöpflichen Schwachheit bekleiden, um Mich der Hölle wegen ihrer Besiegung als ein starker Held nahen zu können. Ich habe Mich ihr nun genaht, bin in ihrer Mitte, und alle Teufel und Satane fliehen vor Mir wie lockere Spreu vor dem Sturmwinde.
   04] Und also habe Ich euch nun in einem Beispiel gezeigt, was die Hölle ist, was sie tat, zum Teile noch tut, und was die Erlösung ist. - Habt ihr solches wohl einigermaßen verstanden?«
   05] Sagte nun Agrikola ganz erstaunt: »Herr, solch eine Beschreibung der Hölle ist noch nie zu meinen Ohren gekommen! Wir Römer haben sie nach unserer Phantasie unter den Erdboden, besonders an jene Stellen versetzt, wo es, wie bei uns, solche Berge gibt, die immerwährend rauchen und von Zeit zu Zeit große und alles verheerende Feuermassen ausspeien. Ah, so aber sieht die Sache ja ganz anders aus! Da ist ja nun die ganze Erde mit dem losesten Menschengeschlechte eine vollkommene Hölle; denn in dieser Welt geht es nun gerade also zu, wie Du uns das Walten und Treiben der Hölle beschrieben hast!«
   06] Sagte Ich: »Ja, Mein Freund, die Welt und die Hölle sind geradeso eins, wie da eins sind Leib und Seele. Die große Höllenseele bedient sich der äußeren Welt geradealso, wie sich da bedient die Seele ihres Leibes. Ist die Seele ein Engel durch ihre Liebe zu Gott und zum Nächsten, so wird auch der Leib nur Gutes tun, weil die Seele, die den Leib belebt, nichts Böses tun will und kann; ist aber die Seele schon völlig ein Teufel, so ist dasselbe auch ihr Leib.
   07] Darum aber kam Ich nun in diesen Weltleib, um alle die legionenmal Legionen Teufel aus ihm zu vertreiben. Ich gab dir gestern mit der Maid im Kleinen ein Beispiel dafür, was Ich nun im Großen tue. Ich werde nun das Haus von den alten Teufeln rein ausfegen; aber so die Menschen sich nicht daran halten werden, so werden sie bald mit einer neuen Hölle und ihren Teufeln fertig sein, und diese werden dann bald in das gereinigte Haus einkehren und einen Zustand in der Welt bereiten, der noch ärger sein wird, als da war der erste vor Mir.
   08] Denn wie früher, so muß auch jetzt und fürder eine jede Seele im Fleische ihre Willens- und Erkenntnisfreiheitsprobe durchmachen, und die kann ohne zugelassene Anreizungen zum Guten und zum Bösen nie und nimmer stattfinden. Aber nun haben die Menschen durch Mich die Hilfe in ihrer Hand und können die in ihnen anwachsen wollende Hölle allzeit auf das glänzendste besiegen, was eben die Folge Meiner Erlösung ist. Die aber das nicht tun werden, die werden noch mehr Knechte der neuen Hölle sein, als es da waren die Alten bis zu dieser Zeit.«
   09] Sagte Agrikola: »Ja, Herr, da wäre es ja besser, solche neuen Höllenseelen nach dem Leibesleben sogleich ganz zu vernichten?!«
   10] Sagte Ich: »Ja, Mein Freund, das geht nicht an; denn alle Seelen, gute und böse, sind aus Mir; und wie von Mir ewig nichts vernichtet werden kann, also auch die böseste Seele nicht, sondern eine jede Seele wird fortleben nach ihrer Liebe. - Verstehst du, Mein Freund, dieses wohl so ein wenig?«
   11] Sagten nun alle: »Herr und Meister! Diese Sache ist uns nun ganz klar geworden; aber es tritt nun bei uns ein anderer Fall ein, das heißt, ein ganz eigenes, trauriges Gefühl in unserem Gemüte wird laut, und das notwendig aus zwei Gründen: Der erste ist, daß wir mit Leib und Seele offenbar in der allervollkommensten Hölle leben, und der zweite, daß stets die bei weitem größte Zahl der Menschen dieser Erde offenbar nichts anderes als Höllengeister werden, und das auch offenbar für ewig. Ist denn da für solche Höllengeister im Ernste auch bei Dir, o Herr, keine Hilfe mehr denkbar möglich?«


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