Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 233

Die Wichtigkeit der Erkenntnis.

   01] (Der Herr:) »Moses selbst war ein größter Kundiger in allen möglichen Fächern des menschlichen Wissens. Es bestand in Ägypten kein noch so tiefes Mysterium, in das er nicht eingeweiht worden wäre, und die alten Ägypter besaßen auch derlei Augenwaffen, wenn auch nicht in der Vollendung, in der die erwähnten späteren Gelehrten sie besitzen werden, und konnten dadurch gar gut die Planeten entdecken und ihren Lauf auch so ziemlich wohl berechnen, wovon noch heutigentags ihr Tierkreis zu Diadeira (Diathira) der augenscheinlichste Beweis ist. Die reine Wissenschaft und Hauptwissenschaft lag freilich nur in den Händen der Kaste der Priester; das gemeine Volk aber mußte sich mit dem begnügen, was ihm die Priester sagen wollten.
   02] Moses aber, als gleichsam ein Prinz am königlichen Hofe, ward in alles eingeweiht, ohne dadurch nur im geringsten im Glauben Israels wankend zu werden, den er von seiner Mutter, die am Hofe seine Amme war, erlernt hatte. Und so konnte Moses denn auch am ehesten zur ganz reinen Erkenntnis Gottes gelangen, weil sein ganzer Verstand schon eine reine und gerechte Vorbildung genossen hatte.
   03] Darum sage Ich euch auch, daß eine reine und wohlbegründete Erkenntnis der ganzen Erde - womöglich in allen ihren Teilen - und ihrer Bewegung, samt ihrer wohlgemessenen Größe, und dann des gestirnten Himmels in allen seinen Erscheinungen für ein reines Gemüt vorzüglich dazu dienen kann, um zur wahren, einheitlichen Erkenntnis Gottes zu gelangen, ohne die für den Menschen kein wahres Heil zu erwarten ist. Denn nur jene, die Gott wahrhaft erkennen, kommen zu Gott und sind eigentlich schon bei Gott; die aber Gott nicht erkennen, die können auch nicht zu Gott kommen, weil sie Gott nicht erkennen und somit auch nicht bei Gott sind.
   04] Denn zu Gott kommen heißt, schon durch die reine Erkenntnis und Liebe bei Gott sein, weil ohne die reine und wahre Erkenntnis auch niemand Gott wahrhaft lieben kann.
   05] Was nützt es deiner Seele: wenn du auch an einen irgendwo hinter allen Sternen seienden Gott glaubst und auch glaubst, daß Er von dort aus, wie von einem ewigen Zentrum, vermöge Seiner Allmacht alles hört und sieht und alles erschafft, erhält und regiert, und daß Er also mit Seiner Macht alles durchdringt und überall gegenwärtig ist, so kennst du Gott dennoch nicht im geringsten und bist in deinem Gemüte noch um vieles weiter von Ihm entfernt, als wie endlos entfernt du dir Ihn vorstellst! Du bist also durch eine solche höchst dunstige Nachterkenntnis Gottes sicher noch sehr ferne von Ihm, kannst Ihn unmöglich lieben, sondern nur so eine halbgläubig dumpfe Ahnung und Ehrfurcht vor Ihm haben. Und in dieser Erkenntnis- und Gemütsstellung kann niemand bei Gott sein, und von einer wahren Liebe kann da schon nie eine Rede sein.
   06] Oder was würde ein zum Heiraten reifer junger Mann sagen, dem in der nächsten Nähe so einige Töchter sehr wohl gefielen, von denen er eine aus vollem Herzen lieben könnte, so man zu ihm sagte: »Du, da ist nichts für dich! Im entferntesten Teile der Welt ist eine Braut für dich, in diese verliebe dich, reise hin und nimm sie zum Weibe!«? Wird er euch nicht fragen und sagen: »Ja, wo ist das? Ist es im Aufgange oder im Untergange, im Mittage oder in der Mitternacht?«? Und ihr werdet ihm unmöglich etwas anderes der Wahrheit getreu sagen können als: »Ja, das wissen wir selbst nicht, aber sein wird sie schon irgendwo, liebe sie nur und suche sie!« Meint ihr wohl, daß der junge Mann sich je in eine so weit von ihm entfernte Jungfrau verlieben wird oder euch den Narren machen und sie in allen vier Weltgegenden suchen gehen wird? Ich sage es euch, daß er das gar fein bleiben lassen wird! - Und um nicht gar vieles besser steht es mit der Liebe zu einem völlig unbekannten und irgend endlos ferne abstehenden Gott.
   07] Was ist aber dann die andere schlimme Folge davon? Weil die Menschen einen zu fernen und zu unbekannten Gott weder erkennen und noch weniger lieben können, so machen sie sich selbst nähere Götter, die sie dann ehren, lieben und anbeten, und denen sie allerlei Opfer bringen. Dem einen wahren Gott erbauen sie zwar auch einen leeren Tempel, in den nur sehr wenig Licht dringen darf, - und der ist dem unbekannten Gott geweiht. Die Römer haben daraus ihr blindes Fatum gemacht, das selbst über alle ihre Götter herrscht. Aus dem aber geht doch hinreichend klar hervor, wohin eine schlechte Erkenntnis Gottes mit der Zeit die Menschen bringt.
   08] Und weil Ich als der immer so ferne gedachte und geglaubte Jehova nun euch Menschen am allernächsten bin, so erkläre Ich euch ja gerne das, was euch und eure Nachkommen zu der wahren Erkenntnis Gottes und zur treuesten Liebe zu Ihm bringen kann. Und so will Ich dir denn auch deine zwei Fragen ganz kurz beantworten.
   09] Siehe, der dir erklärte Komet hat in großer Entfernung von der Sonne gar keinen Schweif, sondern nur einen nebelartigen Dunst um seinen Kern! Erst wenn er in die Nähe der Sonne kommt, bildet sich sein Schweif infolge seiner sehr schnellen Bewegung. Denn durch diese schnelle Bewegung, die bei manchen solchen Kometen so außerordentlich ist, daß sie in der Nähe der Sonne oft in wenigen Augenblicken 80, 90-100 000 Stunden Raumweges durchzucken, kann der höchst leichte Lichtätherdunst den Raum nicht so behende durchfliegen wie der offenbar schwerere Kern und der ihn in der nächsten Nähe umgebende dichtere Dunst, und so geschieht dadurch im großen ungefähr dieselbe Erscheinung, als wenn du ein noch stark glühendes und ebenso stark rauchendes Stück Holz nähmest und würfest es auf eine weite Strecke hin durch die Luft; da würdest du sehen, wie der Rauch als ein sehr leichter Körper hinter dem glühend fliegenden Stück Holz eben auch einen förmlichen Kometenschweif darstellt.
   10] Diese atmosphärische Luft ist freilich um sehr vieles dichter als der reine Äther; aber für eine so schnelle Bewegung gibt auch schon der Äther einen Ausschlag. Denn auch er ist noch in Zeit und Raum enthalten und ist somit ein materielles Etwas, obschon seine Urgrundstoffe gegen die verdichteten Stoffe einer Erdenwelt beinahe gewichtlos sind, gleichwie auch diese Erdluft, die für sich immerhin schon ein gewichtiger Körper ist - ansonst sie bei einer starken Bewegung nicht oft die mächtigsten Bäume entwurzeln könnte -, unterm Wasser wie vollends gewichtlos ist.
   11] Weil aber der Äther für sich auch ein materielles Etwas ist, so kann er den Dunst eines Kometen bei dessen höchst schneller Bewegung schon auch in einen nachziehenden Dunstschweif verwandeln. - Das wirst du nun wohl verstehen?!«
   12] Sagten nun Lazarus und alle die andern: »Ja, Herr, Du unsere alleinige Liebe, das ist nun sonnenklar! Wenn diese Dinge so erklärt werden, dann muß sie ja sogar ein Kind verstehen! So war denn sicher auch diese unsere Erde ein solcher Komet?«
   13] Sagte Ich: »Allerdings, - wenn auch nicht gerade aus dieser Sonne ausgeboren, sondern von einer andern gar um sehr vieles größeren, so macht das eben gar keinen Unterschied; denn auch aus den Urzentralsonnen werden derlei Erdenbildungskometen mit einer um so größeren Gewalt in den unermeßlichen Raum hinausgeschleudert, kommen dann den kleinen Planetarsonnen in die Nähe und werden von denselben angezogen, erhalten und ordentlich als eigene Kinder gepflegt und zu ordentlichen Erdkörpern großgezogen.
   14] Das wisset ihr nun, und so wollen wir nach des Lazarus Wünsche noch einen Blick in die einst kommenden Augenwaffen tun. Nun, diese Sache euch zu erklären, wird etwas schwerhalten; doch wir wollen sehen, was sich da wird tun lassen!«


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