Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 172

Jesus und die Seinen in der Herberge des Lazarus auf dem Ölberg.

   01] Als wir draußen im Freien waren, da hieß es (die Jünger und Lazarus): »Was werden wir jetzt machen? Sollen wir nach Bethanien zurückkehren, oder sollen wir irgend etwas anderes unternehmen in Jerusalem?«
   02] Lazarus fragte Mich um Meine Meinung.
   03] Und Ich sagte zu ihm: »Du für dich kannst tun, was du willst und magst; aber Ich kann heute nicht nach Bethanien gehen, denn die Templer haben auf dem Wege gen Bethanien Spione aufgestellt, um zu erfahren, ob Ich Mich etwa bei dir aufhalte. Und würden sie das erfahren, so würden sie dir dann noch mehr Verdruß bereiten. Ich habe Mir darum vorgenommen, diesen Tag und auch die Nacht auf dem Ölberge in der kleinen und stets sehr armseligen Herberge zuzubringen.«
   04] Sagte Lazarus: »Das ist ja sehr löblich; denn der halbe Ölberg und die Herberge gehören ja auch mir! Oh, da wird es uns ganz gut gehen! Die Herberge war noch vor drei Jahren sehr stark besucht; aber seit meinen Reibungen mit dem Tempel geht das Besuchen sehr schwach, weil die Pharisäer es für jeden Juden als eine Sünde erklärten, meine Herberge auf dem Ölberge zu besuchen. Der Grund scheint einfach allein darin zu liegen, daß ich auch diese meine Besitzung unter die römische Gerichtsbarkeit stellte, als die Templer sich alle Mühe gaben, mir die Besitzung abzuschwätzen. Ich habe ihnen dadurch einen Riegel vor die Tür geschoben, was sie natürlich ganz ungeheuer ärgerte. Da aber nun auch diese Besitzung der römischen Oberherrschaft untertan ist, so erklären die Templer sie für völlig unrein, und ein jeder Jude, der diese Herberge besuche, verunreinige sich auf ein volles Jahr. Siehe, darin liegt der eigentliche Grund, warum meine Ölbergsherberge nun um vieles weniger besucht wird als zuvor; nur Römer und Griechen besuchen sie zu öfteren Malen. Aber darum ist die Herberge dennoch mit allem bestens versehen, und es wird uns darin nichts abgehen. Gerade von der Herberge aus hat man eine schöne Aussicht beinahe über ganz Jerusalem und in die weite Umgegend, und ich bin überzeugt, daß es Dir oben sehr wohl gefallen wird.«
   05] Sagte Ich: »Ganz gut, Mein lieber Bruder! Ich weiß darum und habe Mir eben deshalb vorgenommen, diesen Tag und diese Nacht auf dem Ölberge zuzubringen; denn da oben sind wir vor all den lästigen Besuchen der Juden und Pharisäer sicher. Und so können wir uns nun schon auf den Weg dahin machen!«.

  • joh.08,01] Jesus aber ging auf den Ölberg.
       06] Alle waren damit ganz vollkommen zufrieden, und a Ich ging mit den Jüngern auf den Ölberg. Lazarus aber eilte voraus, um seinen Dienern anzugeben, was sie zu tun und zu bereiten hätten. Es wurden da sogleich alle Füße und Hände in tätigste Bewegung gesetzt, damit für uns ein wahrhaft festliches Mittagsmahl bereitet würde. (a Johannes.08,01*)
       07] Wir aber ließen uns Zeit und bestiegen ganz gemächlich unseren Ölberg, der daher den Namen hatte, weil er auf seinen felsenfreien Flächen sehr reichlich mit lauter Ölbäumen bepflanzt war. Den größten Teil des ölreichsten Berges besaß unser Lazarus; der kleinere stadtseitige und am meisten felsige Teil aber gehörte einem Griechen, der sich sehr wenig um diesen Besitz kümmerte und die jährliche Ölfechsung (Ölernte) stets um einige Silberlinge dem Lazarus überließ, und dieser war somit auch zur Hälfte Besitzer des stadtseitigen Ölberges.
       08] Der Ölberg war gerade kein hoher Berg, hatte aber doch einige Stellen, die ziemlich steil waren, und man hatte darum doch beinahe eine halbe Stunde Zeit vonnöten, um ganz auf seine höchste Kuppe zu gelangen. Der Tempel stand auch auf einer ziemlichen Anhöhe und war selbst ein sehr hohes Bauwerk; aber von der Höhe des Ölberges mußte man seine Blicke doch ziemlich abwärts richten, so man des Tempels hohe Kuppel sehen wollte. Kurz, in der Nähe von Jerusalem war der Ölberg wohl der höchste Berg.
       09] Wir kamen denn auch dem vorangeeilten Lazarus bald nach und lagerten uns um die Herberge unter den Ölbäumen und machten unsere Betrachtungen, bis Lazarus kam und uns zum bereiteten Mahle zu kommen bat. Wir erhoben uns vom Boden und gingen in die Herberge, in der der Speisesaal durchaus nicht zu den kleinen gehörte; denn hundert Gäste hatten in ihm ganz bequem Raum zur Genüge. Der große Tisch war vollbesetzt mit Brot,Wein und allerlei edlen Früchten, und in den Schüsseln dufteten wohlzubereitete Fische aus dem Flusse Jordan und aus dem starken Bache Kidron. Den Jüngern wässerte schon der Mund bei dem Anblicke. Wir setzten uns denn auch alsbald zu Tische und aßen und tranken mit vieler Lust.
       10] Lazarus aber freute es ungemein, daß auch Ich mit recht viel Freude und Lust aß und trank.
       11] Ich aber sagte zu ihm: »Freund, du hast nun eine große Freude, daß auch Ich so recht wacker esse und trinke; aber glaube es Mir: So gut es Mir hier auch schmeckt, was da auf dem Tische aufgesetzt ist, so hat Mir dennoch das heutige Morgenmahl im Tempel noch besser geschmeckt, - denn heute habe Ich eine große Ernte gehalten für Mein Reich im Himmel. Morgen aber wird eine neue Ernte für Mein Reich wohl bedeutend schlechter ausfallen. Was heute Mein ward, das wird Mein verbleiben; aber morgen wird nicht viel Neues hinzukommen. Die schwarze Brut da unten wird Mich versuchen, - aber dafür an den Pranger der Schande gestellt werden vor dem Volke! - Aber nun essen und trinken wir und begeben uns dann wieder ins Freie! Heute werdet ihr noch manches sehen.«


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