Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 165

Geistereinflüsse und Willensfreiheit des Menschen. Die Bestimmung der Tierseelen.

   01] Sagte Lazarus: »Ja, Herr, das sehe ich nun nur zu gut ein; aber ich kann Dir dennoch nicht ganz gutstehen, daß ich mich, selbst bei meiner bestwilligen Vornahme, bei vorkommenden ähnlichen verdrießlichen Fällen nicht wieder ärgern werde, denn es ist das Ärgern schon zu meiner zweiten Natur geworden. Ein Unrecht kann ich selbst beim besten Willen unmöglich ertragen!
   02] Aber es ist das auf dieser Erde schon merkwürdig: Ein jeder Mensch weiß, daß er einmal sterben und alles Zeitliche verlassen muß; er kennt die Gesetze der göttlichen Ordnung und des göttlichen Willens; er hat Vernunft und Verstand, um zu unterscheiden das Falsche vom Wahren, das Böse vom Guten, das Recht vom Unrecht und die Nacht vom Tage; er weiß - teils aus Offenbarungen und teils oft aus selbsterlebten, hellen Erfahrungen -, daß die Seele nach dem Tode des Leibes fortlebt und zwar in derselben Gestalt, wie sie an der Erde geleibt und gelebt hat; und dennoch trachtet er nur nach den toten irdischen Gütern, kehrt den wohlerkannten göttlichen Gesetzen den Rücken, tritt alles Rechte, Gute und Wahre mit Füßen, haßt außer sich alles und begeht eine Todsünde auf die andere; er hurt, bricht die Ehe, betrügt, stiehlt, raubt und mordet, und Gott ist ihm soviel wie nichts! Ja, da fragt es sich denn doch, wie möglich Gott das zulassen kann!
   03] Tut der Mensch das alles aus seinem freien Willen, so ist er ja ärger denn der Satan und alle seine Teufel, von denen die Schrift häufig die Erwähnung macht; wird er aber gleich wie Saul von einem bösen Geist zu all dem Bösen angetrieben, so daß er dann unmöglich anders als nur böse handeln kann, trotzdem er das Gute und Wahre einsieht und als solches erkennt, so ist er, der also durch unsichtbare Mächte genötigte Mensch, für sich ja doch offenbar unschuldig, und die Schuld fällt da auf den bösen Verführer und teilweise - aufrichtig gesprochen - auch auf Den, der solch eine Versuchung für den armen, schwachen Menschen zuläßt. Denn vor einem offenen Feinde kann man sich durch allerlei Mittel schützen; aber wer kann sich vor einem unsichtbaren Feinde, der als ein Geist ganz durchdringlich den Menschen gefangennehmen und sogar dem menschlichen Willen die mächtigsten Leitfesseln anlegen kann, schützen und sich mit ihm in einen entscheidenden Kampf einlassen? - Siehe, Herr, das sind so sonderbare Dinge, die selbst der verständigste und beste Mensch nicht unter ein Dach bringen kann!
   04] Wenn der Mensch ohne irgendeine fremde, böse Einwirkung pur aus seinem eigenen freien Willen das Böse tut, so ist er vor mir ein verabscheuungswerter Sünder und ist als solcher aus allen guten Gemeinden zu entfernen - denn ein solcher Unmensch ist nach meinem Urteil sicher für ewig nichts Besseres wert, so er sich nicht ernstlich in allem bessert -; aber wer kann über einen von einem Teufel verführten Menschen ein böses Urteil fällen?! Solch ein Urteil käme mir geradeso vor, als so man einen Menschen darum strafen wollte, weil er sich von einer bösen Krankheit hat befallen lassen, - Herr, gib mir auch darüber ein rechtes Licht!«
   05] Sagte Ich: »Ja, Mein liebster Bruder, deine Beurteilung dieser Sache hat viel Gutes für sich, und Ich kann dir nicht sagen: »Sieh, du hast da unrecht geurteilt!«; nun aber verhält sich die Sache denn doch bedeutend anders, und so fällst du mit deinem Urteil in den Bach!
   06] Auf einer Welt, auf der es sich darum handelt, daß die Menschen zu vollendeten Gotteskindern erzogen werden sollen, müssen sie nebst dem freiesten Willen und dem hellsten Verstande auch von Gott gegebene Gesetze, in denen sich Gottes Wille klar ausspricht, haben, die ihr Wille ergreifen und ausüben soll. Wie aber könnten sie das, wenn in ihnen nicht auch eine gleich mächtige Anreizung zur Nichthaltung der Gesetze vorhanden wäre?
   07] Diese entgegengesetzte Anreizung verschafft dem menschlichen Willen ja erst die vollkommenste Freiheit und gibt ihm auch die volle Kraft, ihr selbst zu widerstehen und den erkannten Willen Gottes an ihre Stelle zu setzen.
   08] Ich sage es dir: Ein Mensch, der in sich nicht die vollste Fähigkeit hat, ein vollendetster Teufel zu werden, kann auch nie ein völlig gottähnliches Kind Gottes werden.
   09] Wäre die Unendlichkeit des Raumes mit irgendeiner Beschränkung wohl noch eine Unendlichkeit, oder würde Gott wohl völlig allmächtig sein, wenn Ihm auch ein kleinstes Ding zu erschaffen unmöglich wäre? Oder ist Gott darum weniger Gott, weil Er neben den heilsamen Kräutern auch die gar schädlichen Giftpflanzen erschaffen hat, und weil Er das viele Unkraut gleich dem Weizen besamte, auf daß es gleich den edlen Pflanzen fortwuchern kann?
   10] Siehe, gleichwie in Gott Selbst keine wie immer geartete Beschränkung - weder nach oben noch nach unten - stattfinden kann, ebenso kann und darf auch im Menschen, aus dem ein wahres Gotteskind werden soll, keine Beschränkung - weder nach oben noch nach unten - je stattfinden; denn mit irgendeiner solchen Beschränkung wäre der Mensch kein Mensch mehr, sondern rein nur ein intelligenteres Tier, dessen Wille nur insoweit einen Schein von einer Freiheit hat, daß er das Tier gerade zu jener Tätigkeit antreibt, für die es die instinktmäßige Befähigung in sich hat, - darüber hinaus aber dann auch ewig nicht um ein Haar mehr!
   11] Aus einer einfachen Tierseele kann aber nie eine Menschenseele werden, und man sagt darum auch, daß die Tierseele mit dem Tiere stirbt, - was aber natürlich nur also zu verstehen ist, daß nämlich eine Tierseele nach dem Verenden des Tieres, zum Beispiel eines Ochsen, völlig aufhört, eine Ochsenseele zu sein, weil sie sich bei ihrem Austritt aus dem Tierleibe alsbald mit noch gar vielen anderen freien Tierseelen zu einer neuen und vollendeteren Seele vereinigt, sich eine Zeitlang zu einer Menschenseele qualifiziert und nachher in einen Menschenleib eingezeugt werden kann, - eine alte Wissenschaft, die bei den Urvätern in ihrer vollsten Klarheit gang und gäbe war und bei den Hochindiern noch heutigentages gang und gäbe ist.
   12] Allein darüber nun noch ein Weiteres zu verhandeln, wäre nutzlos, da es völlig genügt, daß der Mensch sich als Mensch und daraus Gott als seinen Schöpfer. Wohltäter und endlich als seinen alleinig wahren Vater erkennt, dem er als Mensch im Geiste völlig ähnlich werden soll in allem und auch werden kann, wenn er nur will. Sage du Mir nun, ob du das alles wohl begriffen hast!«
   13] Sagte Lazarus: »Ja, Herr und Meister von Ewigkeit! - Aber es fängt nun an, schon sehr abendlich zu werden. Wie wäre es denn, so wir uns wieder ins Haus begäben?«
   14] Sagte Ich: »Tun wir nun das! Aber sage den Jüngern nichts von all dem, was wir hier unter uns verhandelt haben; denn sie wissen von derlei Dingen ohnehin gar vieles, und es ist somit gar nicht nötig, ihnen das wieder kundzutun. Wir werden aber heute in der Nacht noch ein kleines Spektakel erleben, das aber nicht arger Art sein wird; darum sollst du auch nicht ängstlich werden, so es auftauchen wird, jetzt aber gehen wir, sonst werden wir geholt werden, da deine Schwestern das Abendmahl schon bereitet haben!«


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