Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 164

Haltung des Lazarus zum Tempel. Schädliche Folgen des Ärgers.

   01] Ich aber ging mit Lazarus und seinen beiden Schwestern ins Freie. Als wir in den großen Hofraum kamen, da verspürten die großen Hunde, daß sich Fremde dem Orte Bethania nahten, und sie rannten mit starkem Gebell an die Tore des großen Hofraumes, und Lazarus fragte Mich, was dies zu bedeuten habe.
   02] Ich sagte zu ihm: »Etliche Juden und ein paar alte Pharisäer, die heute gerade nichts zu tun hatten, wollten dich besuchen und dich bei der Gelegenheit vor Mir warnen; aber sie haben das nur darum unternommen, um bei dir auszukundschaften, ob Ich Mich etwa bei dir aufhalte, oder wohin Ich von dir weiter etwa den Weg eingeschlagen habe. Und sieh, die Hunde merken das genau, daß das keine Freunde von dir und von Mir sind, und laufen darum an die Tore, um jene Juden und Pharisäer zum schnellen Rückzug zu nötigen! Denn sowie die Ankommenden nur von weitem dieser Tiere ansichtig werden, werden sie jählings umkehren und so fußgeläufig als möglich das Weite suchen. Darauf werden die Hunde auch wieder ganz ruhig heimkehren.«
   03] Wir bewegten uns darauf nach derselben Richtung hin, in der die Hunde vorausliefen. Wir hatten aber noch kaum das Tor erreicht, als wir auch schon eines schwarzen Klubs Menschen ansichtig wurden. Da verließen die Hunde das Tor mit furchtbarem Gebell und rannten mit wütiger Hast den Ankommenden entgegen. Als aber diese der Hunde ansichtig wurden, da kehrten sie pfeilschnell um und liefen in völliger Raserei davon.
   04] Als sie sich von den Hunden nicht mehr verfolgt sahen, fingen sie an, langsamer zu gehen, und schmollten sehr über den Lazarus, daß er sich nun schon von reißenden Bestien bewachen lasse, um sich und sein Haus von den Besuchen der Männer des Tempels freizuhalten; aber er solle die Geduld des Tempels nicht auf die Spitze treiben, sonst werde es ihm noch ganz übel ergehen. Von wo er sich etwa doch diese Bestien wieder verschafft habe? Und so schmollten sie bis nach Jerusalem; aber daheim sagten sie nichts, da sie sich schämten, vor den Hunden die Flucht ergriffen zu haben.
   05] Als Ich solches dem Lazarus mitteilte, da fragte er Mich, was er im äußersten Falle wohl von den Templern zu befürchten habe.
   06] Sagte Ich zu ihm: »Gar nichts; denn so sie dir etwas anhaben möchten, so hast du ja das römische Gericht, und an dem hast du des weltrechtlichen Schutzes zur Genüge, da eben dieser dein Ort sich schon seit über fünfzig Jahren rein unter der ausschließlichen Gewalt der Römer befindet. Ja, wenn das nicht wäre, so hätten dich die Templer schon ganz anders zur Leibe genommen; aber so haben sie kein Recht. Sie versuchen nur, dich als Juden so zu ihrem Vorteile auszubeuten, und machen dir allerlei blinde Drohungen; aber im Ernste können sie dir nichts anhaben. Deinen Verpflichtungen kommst du allzeit gewissenhaft nach, und so können sie auch keine eigentliche Sache gegen dich aufbringen. Das aber ist auch ihr ärgster Grimm gegen dich.
   07] Sie wissen es nur zu gut, daß du der reichste Mensch von ganz Judäa bist, da deine Besitzungen für sich schon ein kleines Land ausmachen und alle rein unter der römischen Gerichtsbarkeit stehen. Sie haben also kein Recht, dich zu besteuern, und das ist ihnen ein Greuel. Sie möchten es so bestimmen, daß du dich von den Römern ablösest und dich dann als ein reiner Untertan des Tempels bekennst. Weil du das aber trotz aller ihrer großen Zudringlichkeit nicht tust, so belästigen sie dich an allen Orten deines Besitztumes, reden (wiegeln) dir die Dienerschaft auf und tun dir heimlich bald dies, bald jenes. Aber von nun an bist du gesichert; und somit mögen sie heimlich über dich ergrimmt sein, wie sie nur immer wollen, so können sie dir doch nichts anhaben, - und so magst du von nun an ganz ruhig sein!«
   08] Sagte Lazarus: »Herr, ich danke Dir für die gute Aufklärung! Ich habe nun vielen und großen Trost in mir, und wahrlich, ich atme nun wieder freier; aber nichtsdestoweniger ist mir das eine angenehme Erscheinung, so ich mir selbst rein ins Gesicht sagen muß: »Du bist ein Mensch, der stets nach seinem besten Wissen und Gewissen bereitwilligst alles mögliche getan hat, was man auch nur unter einem Schein von Gesetzlichkeit von ihm verlangt hat, und überdies noch aus freiem, gutherzigem Antrieb gar vieles Gute, was man von ihm niemals hätte verlangen können, offen und geheim ausübte, - und dafür werde ich nun von den elenden Templern noch gehaßt!« Ach, Herr, das wird mir offenbar zu dick!
   09] Diese elenden Kreaturen wollen rein alles für sich allein besitzen und berücksichtigen das nicht im geringsten, daß ich, um dem Tempel seine pflichtmäßigen Armenunterhaltungskosten zu ersparen, jährlich mindestens tausend Arme ganz verpflege und dazu noch alljährlich eine ganz bedeutende Summe in den Armutsbeutel lege. Ich habe dem Tempel auch schon so manche große Spende gemacht, - und das alles ist bei diesen Elenden nichts! Sie suchen mich dafür nun noch obendrauf ganz zugrunde zu richten, - was sie augenblicklich sogar an einem Sabbat tun würden, so ihnen das möglich wäre! Ja, Herr, ich weiß es nun nur zu bestimmt, daß sie mir nichts anhaben können; aber mich ärgert es dennoch ganz entsetzlich, daß mich diese Elenden nun noch hassen, wo ich ihnen doch so viele Gefälligkeiten erwiesen habe!«
   10] Sagte Ich: »Aber sieh doch Mich an! Habe Ich nicht diese Erde und Sonne, Mond und alle die Sterne erschaffen? Versorge Ich nicht gleichfort die Erde, daß sie allerlei Nahrung für alle Kreatur hervorbringt? Erhalte Ich nicht jedem Menschen das Leben? Ich habe diese Erde zur Zucht Meiner Kinder bestimmt, bin nun Selbst allen bekannten Weissagungen zufolge auf diese Erde gekommen, um Mich durch Wort und Tat als der Herr Himmels und der Erde in Menschengestalt zu zeigen, um sie dadurch Selbst dahin zu belehren, daß sie wahrhaft Mein Ebenmaß sind. Und was tun diese Tempelhelden? Sie hassen Mich, verfolgen Mich und jeden, der an Mich glaubt, weil Ich ihnen zeige, daß ihre Werke böse sind. Sie trachten in einem fort, Mich zu töten, und es wird bald die Zeit kommen, wo Ich es Selbst zulassen werde, daß sie auch diese Greueltat an Mir verüben. Und siehe, Ich habe in Mir keinen Ärger über sie! Ich werde aber auch jenseits ewig der Herr bleiben, und es wird ihnen dort wahrlich nicht unvergolten bleiben, was sie hier tun!
   11] Da Ich als der Urerste und als der alleinig größte Wohltäter der Menschen Mich aber darum nicht ärgere, so ärgere auch du dich nicht über sie, der du ihnen im Vergleich zu Mir nur etwas ganz weniges getan hast! Da sieh diesen Stein an, der auf dem Wege vor uns liegt! Wer erhält ihn denn als das, was er ist, - außer Mir? Ziehe Ich in diesem Augenblick Meinen ihn erhaltenden Willen von ihm zurück, so ist er nicht mehr als Materie da, sondern er tritt in seinen geistig-spezifischen Zustand, also in den Bereich Meiner Urideen zurück, und dasselbe könnte Ich in einem Augenblick auch mit der ganzen Erde tun, so Mich ihrer Bewohner Taten ärgern könnten. Weil sie Mich aber eben nicht ärgern und nie ärgern können, so besteht alles gleichfort und Ich lasse Meine Sonne scheinen über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte gleich. Erst jenseits werden sich die großen Unterschiede zeigen, und ein jeder wird seinen Richter in sich tragen.
   12] Willst du aber jenseits völlig bei Mir sein für ewig, dann mußt du Mir auch in diesem gleich sein, daß du dich über niemanden ärgerst. Wer Mir nachfolgt, der muß Mir ganz nachfolgen, ansonsten er nicht vollkommen Mein Jünger ist.
   13] Zudem aber sage Ich dir noch etwas, und das besteht darin, daß der Ärger der nötigen leiblichen Gesundheit gar nicht zuträglich ist; denn er erzeugt zuviel Galle, und diese verpestet das Blut und setzt das menschliche Leben jeden Augenblick aufs Spiel. Also hüte dich auch in dieser Hinsicht ganz besonders vor zu großem Ärger, ansonst du bald dein Leibesleben einbüßen würdest! Bedenke das alles wohl, so wirst du auch physisches Übel nicht zu befürchten haben!«


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