Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 156

Eine bevorstehende Mondfinsternis.

   01] (Der Herr:) »Sehet, die Sonne ist bereits untergegangen, das Firmament ist rein, und schon lassen sich einige Sterne sehen; dort im Osten aber steigt eben der Vollmond über den etwas umdunsteten Horizont. Es wird aber eben heute in zwei Stunden eine Mondverfinsterung durch den ganz natürlichen Schatten dieser Erde erfolgen, die da gerade zwischen die Sonne und den Mond zu stehen kommen wird. Das wird bei den Jerusalemern und namentlich bei den dummen Pharisäern einen Mordsspektakel abgeben, weil diesmal der Mond beinahe auf eine Halbstundendauer gänzlich verschwinden wird. Da wird geheult werden, und große Opfer werden in den Gotteskasten gelegt werden; wir aber werden hier dieses kleine Schauspiel der Natur mit ganz ruhigen Augen betrachten und uns daran vergnügen.
   02] Übrigens ist diese ganz natürliche Erscheinung unserem gegenwärtigen und jetztmaligen Wirken ganz günstig; denn die Priester wie das Volk halten solch eine Erscheinung für ein Anzeichen des Zornes Gottes, und es wird das an Mich haltende Volk den Priestern laut vorwerfen, daß sie Mich heute haben aufgreifen lassen wollen, und da werden die Priester einen schweren Stand haben. Aber dann werden die Priester sich entschuldigen und die Schuld den ihnen über alles verhaßten Essäern in die Schuhe schieben und werden diese recht zu verwünschen und zu verdammen anfangen. Währenddem wird der Mond wieder zum Vorscheine kommen, und die Priester werden mit großem pathos zum Volke sagen: "Siehe, du überblindes und dummes Volk,da wir die ärgsten Feinde Gottes nun mit unserer von Gott uns allein verliehenen Machtvollkommenheit gerichtet haben, so hat sich Gottes Zorn wieder gelegt, und wir können wieder frei atmen und Ihm aus großem Danke gar reiche Opfer in Seinen Kasten legen!"
   03] Darauf wird gleich in der Nacht wieder ein Opfergang angeordnet werden, und das blinde und dumme Volk wird opfern nach allen seinen Kräften. Aber Meine vielen Anhänger werden sich an dem Opfergange nicht sehr beteiligen, und viele anwesende Essäer werden die Pharisäer herausfordern und ihnen eine Gegenpredigt über die Mondfinsternis halten, die ganz rar sein wird; denn die Essäer wissen wohl um den Grund der Mondverfinsterung und haben diese wie noch andere schon zum voraus berechnet, was sie den Priestern vor dem Volke dartun werden.
   04] Da wird das Volk die Priester sehr angehen, und viele werden die Rückgabe ihrer Opfer verlangen, aber diese nicht erhalten; denn die Priester werden ihnen dartun, daß dieses Opfer für diesen und jenen wohltätigen Zweck verwendet werden wird. Das wird einen Teil des Volkes beschwichtigen, den andern Teil aber noch mehr aufbringen, so daß darum ein rechter Tumult im Tempel und auch außer dem Tempel entstehen wird, und es wird die römische Wache bewaffnet einschreiten und mit großem Ernste die Ruhe herstellen müssen. Sehet, das alles wird in dieser Nacht die ganz natürliche Mondverfinsterung bewirken; aber uns wird das nicht im geringsten irgend stören. Es werden wohl einige sich bis hierher flüchten vor dem Ernste der Römer; aber wir haben uns vor ihnen doch nicht zu fürchten. - Nun, wie gefällt euch das?«
   05] Sagten alle: »O Herr, ganz außerordentlich gut; nur den argen Priestern geschieht bei weitem zuwenig dabei! Für die wäre so eine Steinigung, wenigstens von seiten der Essäer, ganz in der schönsten Ordnung!«
   06] Sagte Ich: »Oh, da irret ihr euch sehr! Die Wortsteinigung von seiten der Essäer ist um sehr vieles angezeigter und besser; denn diese erklären ganz klar vor dem Volke die Natürlichkeit dieser Erscheinung, und das Volk fällt dann erst recht über die Priester her und kündigt ihnen für die Zukunft den Glauben an sie ganz auf und schwört, ihretwegen nie mehr den Tempel zu betreten. Und sehet, so etwas ist für die Templer ärger, als so sie mit Steinwürfen bedient würden!«
   07] Sagte Lazarus: »Herr, wenn die Mondfinsternis noch nicht alsbald eintreten dürfte, da könnten wir ja vorher noch das Abendmahl einnehmen!«
   08] Sagte Ich: »Lieber Bruder, wir sind erst vor einer Stunde vom Tische aufgestanden, und so wäre es ein förmlicher Übermut, jetzt schon ein Abendmahl zu nehmen. Lassen wir die ganze Erscheinung vorübergehen, die im ganzen bei drei Stunden währen wird, - dann werden wir schon eine Stärkung zu uns nehmen!«
   09] Damit war Lazarus ganz zufrieden und sagte zu den beiden Schwestern, daß sie nun nicht um die Bereitung eines Abendmahles, wohl aber hernach um die Herstellung eines ordentlichen Nachtmahles besorgt sein sollen. Darauf fragte Mich Lazarus, was denn so ganz eigentlich der Mond sei.
   10] Sagte Ich: »Lieber Bruder, sieh, das wissen Meine Jünger genau, und Ich Selbst habe dir schon einmal - bei einer geheimen Unterredung bloß zwischen uns - auch angedeutet, was die Sonne, die Sterne und der Mond sind; aber du scheinst die Sache nicht ganz gut aufgefaßt zu haben. Allein das macht nichts! Ich werde euch hernach eure innere Sehe auftun, und ihr werdet da den Mond ebenso besehen können, wie ihr nun die Gegenden dieser Erde besehen könnet, und das wird besser sein, als so Ich euch diese Sache mit vielen tausend Worten erklärte.«
   11] Damit waren auch alle zufrieden und dankten Mir schon zum voraus.


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