Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 155

Selbstverschuldete und unverschuldete Krankheiten und Unglücke.

   01] Als wir uns auf dem Hügel gelagert hatten, da sagte Lazarus: »Wahrlich, es ist ewig schade um diese große und schöne Stadt, daß sie dereinst gar so gänzlich zerstört wird! Aber wer kann da helfen, so ihre argen Bewohner es selbst also wollen?«
   02] Sagte Ich: »Du hast nun ganz gut gesprochen; denn dem, der selbst irgend etwas noch so Arges über und für sich will, dem geschieht in Ewigkeit kein Unrecht. Ich war schon oft da und wollte sie versammeln unter die Fittiche Meines Schutzes, gleichwie da versammelt eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel; aber es war bis jetzt alle Mühe vergeblich, und so sind sie ganz allein schuld an allem Ungemach, das ihnen begegnen wird.
   03] Ich werde es aber darum an allerlei Lehren und scharfen Ermahnungen niemals fehlen lassen, auf daß doch noch einige gerettet werden mögen. Und was Ich Selbst nun tue, dasselbe werdet auch ihr nach Mir um so leichter tun, weil euch Mein letztes und größtes Zeichen, das von Mir in Jerusalem gewirkt werden wird, dazu befähigen wird. Wer euch hören wird, der wird auch Mich hören - da ihr nur das reden werdet, was euch Mein Geist in den Mund legen wird -, und es wird ihm geholfen werden; die aber bleiben werden in ihrer alten Verstocktheit, die sollen auch deren Früchte ernten.
   04] Weil dem Menschen das Wasser wie das Feuer den Tod gibt, wenn er entweder in ein tiefes Wasser fällt oder bei einem großen Brande vom Feuer ergriffen wird, soll Ich etwa deshalb auf der Erde kein Wasser und kein Feuer mehr bestehen lassen? Oh, mitnichten! Der Mensch hat darum Verstand und Kraft und den freien Willen. Er kennt die guten und schlechten Eigenschaften sowohl des Wassers wie des Feuers. Er gebrauche beides mit Vernunft und die beiden Elemente werden ihm nützlich sein; so er aber entweder mutwillig oder aus großer Unvorsichtigkeit in ein tiefes Wasser fällt oder in einen Kalkofen springt, dann ist er offenbar - freiwillig oder öfter noch unfreiwillig - selbst schuld daran, daß er dabei um sein irdisches Leben kommt. Dem wahrhaft verständigen und vorsichtig klugen Menschen wird solch ein Unglück nicht leichtlich begegnen - und denen, die nach Meiner Lehre wandeln werden, aber schon gar nicht!«
   05] Sagte ein Judgrieche: »Herr, aber überall reicht der Menschenverstand samt aller seiner Vorsicht dennoch nicht aus! Man nehme nur diesen Fall zum Beispiel her: Ich müßte in dringenden Geschäften zu Schiff übers große Meer nach Rom reisen. Ich bin aber inmitten des Meeres, und es erhebt sich ein Sturm. Das Schiff scheitert an einer unterseeischen Klippe und geht mit Mann und Maus unter. Wer trägt wohl da die Schuld an meinem Unglück? Ich gewiß nicht, und der Schiffshauptmann auch nicht; denn woher sollte er wissen, daß sich plötzlich ein Sturm erheben werde, und woher hätte ich wohl so etwas wissen können?«
   06] Sagte Ich: »Mein Freund, wenn so etwas geschieht, so ist das ganz gewiß eine bestbegründete Zulassung von oben, und es ist ungefähr dasselbe, als so jemand an irgendeiner Krankheit dahinstirbt, weil die Krankheit eine böse und unheilbare war. Denn kein Mensch auf der ganzen Erde bleibt am irdischen Leibesleben, und es kann daher ein Mensch ebensogut im Wasser wie im Feuer ganz unverschuldet ums Leibesleben kommen. Ich meine, daß wir darüber kein weiteres Wort mehr zu verlieren haben sollten. Und somit gehen wir jetzt zu etwas anderem und um vieles Wichtigerem über!«


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