Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 136

Der Schönheitssinn, eine Blüte der Wahrheit.

   01] Wir blieben, wie es Mein Wunsch und so auch am Ende der Wunsch aller war, die ganze Nacht wach. Nur eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne gingen wir ins Freie, und zwar in den schön angelegten Garten des Hauptmanns. Da waren anmutige Laubgänge und Rasenbänke, eine Menge Blumen aller Art und Gattung, ein Rosenwald, Jasmingesträuch und auch Nardusölpflanzen in großer Menge vorhanden. Daneben gab es alle Arten edler Fruchtbäume, die nur irgendwo auf der Erde wachsen, und alles bewunderte diesen kunstvoll, schön und nutzbringend angelegten Garten.
   02] Ich aber sagte: »Sehet, gleich wie dieser musterhafte Garten soll auch der rechte Mensch nach dem Willen Gottes bestellt sein! Er soll in sich auch das Wahre und Gute mit dem Schönen und Erhabenen vereinen. Tut er das, so beweist er dadurch, daß er Gott, seinem Schöpfer und Vater, in allem ähnlich ist.
   03] Sehet die große Anmut aller dieser Blumen an! Wie herrlich sie geschmückt sind, und eine übertrifft die andere an Herrlichkeit! Ja, warum denn also? Am Ende folgt der Blüte einer noch so reizend schönen Rose denn doch nur ein höchst einfach und nie besonders schön aussehender Same, dessen Vorgängerin die schöne Blüte war, und zu dessen Hervorbringung es eigentlich keiner gar so schönen Blüte bedurft hätte. Aber Gott wählte darum auch zu allen Seinen Werken die Ästhetik im höchsten Grade, auf daß Er dadurch auch wecke bei den Menschen den zu aller Seligkeit notwendigen Schönheitssinn. Ist dieser in einem Menschen völlig wachgerufen, so ist ein solcher Mensch dann auch empfänglich für alle Wahrheit und für all das Gute, dessen Urheberin eben die Wahrheit ist.
   04] Sehet, unser lieber Freund, der Hauptmann, hat sehr viel Sinn für alles Schöne und darum auch für das Nützliche und Gute! Hätte er solchen Sinn nicht, dann wären ihm auch diese Meine Wahrheiten, die den Menschen zur Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes und zur Erkenntnis seiner selbst führen, ganz gleichgültig gewesen, und er hätte sie nicht angenommen; weil er aber sehr viel Schönheitssinn besitzt - was die Anlegung dieses wunderschönen Gartens mehr als hinreichend beweist -, so war er auch der erste, der sich hier um die Mitteilung Meiner neuen Lebenslehre sehr bekümmerte und sie auch zur streng genauen Beachtung annahm. Tue sonach ein jeder desgleichen, und es wird ihm so etwas bei Gott gut angerechnet werden!
   05] Gehet hin in eines Menschen Haus! Findet ihr es sehr rein und auch nach Umständen möglich zierlich eingerichtet, so könnet ihr da schon bestimmt darauf rechnen, daß dieses Menschen Inneres auch nahe also bestellt sein wird. Kommet ihr aber in das Haus eines andern Menschen und findet im Hause alles voll Schmutz und überhaupt einen gänzlichen Mangel an häuslicher Ordnung, da könnet ihr euch gleich umkehren und den euch Jüngern schon gegebenen Satz beachten, dem nach ihr die Perlen Meines Evangeliums niemals den Schweinen vorwerfen sollet! Da wäre es auch völlig vergeblich; denn wie gesagt: ein Mensch, der keinen Schönheitssinn hat, der eigentlich eine Blüte der Wahrheit ist, der hat auch keinen Wahrheitssinn, der als ein Nutz- und Lebenssame der Blüte folgt.
   06] Ich will aber damit nicht sagen, als solle deshalb ein Mensch nichts anderes tun, als vor allem nur trachten, sein Haus, seine Gärten und seine Äcker und Wiesen durch allerlei irdisch kostbare Mittel zu einer derartigen Pracht zu erheben, daß darob alle Menschen ins größte Staunen versetzt werden müßten. Denn solch ein unermeßlicher Prachtsinn würde nur zu bald in einen dicksten Eigendünkel, in Selbstliebe, Hochmut und Herrschsucht ausarten; er wäre für die ärmeren Menschen nur zu sehr ein Zeugnis, daß der Eigentümer solcher Pracht ein übermäßig reicher Mensch sein müsse. Man würde ihm etwa, um von ihm etwas zu gewinnen, zu sehr, seine Pracht bewundernd, huldigen, wodurch sich dann dieser Mensch bald und leicht übernehmen und dann noch mehr aufbieten möchte, um die Menschen für sich noch dienerischer zu machen und über die Bewunderer am Ende gar ein Herrscherrecht zu erwerben.
   07] Also mit solch einem übertriebenen Prachtschönheitssinne ist es nichts, da er am Ende noch schlechter denn die faule Schmutzhaftigkeit ist. Ein solcher Sinn heißt Hoffart und ist eine Sünde der menschlichen Natur, die der Seele niemals zum ewigen Leben verhilt. Aber der Schönheits- und Ordnungssinn, der nur mit seinem Fleiße und dem wahren Eifer für alles Schöne, Wahre und Gute etwas schafft, wie dieser Garten da ist, ist eine Tugend, die jedermann bestens anzuempfehlen ist.
   08] Doch nun von etwas anderem; denn es kommen nun der Hauptmann und der Zöllner, und denen ins Gesicht will Ich den Garten nicht allzusehr loben; hernach wird es der Hauptmann schon ohnehin erfahren, was Ich damit gemeint habe.«


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