Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 117

Die Geschichte vom reichen Mann und seinen Arbeitern.

   01] (Der Herr:) »Sehet, es war vor alters ein Mann, der mit seiner Familie in ein einsames, noch von keinem andern Menschen bewohntes Land auswanderte und sagen konnte: "Soweit das Auge reicht, ist nun alles mein Eigentum!" Er errichtete sich bald eine ganz erkleckliche Wohnung und nährte sich von der Milch der dort gefundenen großen Anzahl wilder Ziegen, die gar nicht scheu waren, weil sie noch nie von irgendeinem Jäger verfolgt worden waren. Mit den Jahren hatte sich auch seine Familie vermehrt, und es ward aus der früheren schlichten und sehr einfachen Wohnung förmlich eine feste Burg errichtet. Das geschah aber darum, weil er in solch seinem Lande eine große Menge gediegenen Goldes und eine noch größere Menge der edelsten Steine fand, welche Schätze er sich nun nicht mehr getraute in seiner früheren einfachen Wohnung zu beherbergen.
   02] Als sich aber durch sein fleißiges Sammeln seine Schätze von Gold und Edelsteinen noch mehr vermehrten, da suchte er durch Boten in bewohnte Länder seine Schätze gegen andere ihm für seinen Haushalt nötig dünkende Sachen umzutauschen. Er machte anfangs gute Geschäfte und ließ auch mehrere andere Menschen in sein Land kommen, die ihm zu dienen bestimmt waren.
   03] Da er ihnen aber nur wenig Lohn bot und sie für ihn und die Seinen nach seinen Geboten beinahe Tag und Nacht arbeiten mußten, so wurden sie unwillig und begehrten mehr Lohn und eine bessere Behandlung. Der nun reiche Mann aber sagte: "Geduldet euch, bis ich mein Haus werde besser eingerichtet haben, - dann werde ich euch schon geben zu eurer Zufriedenheit!" Da vertrösteten sich die Arbeiter und gingen an ihre Arbeiten.
   04] Der reiche Mann aber dachte bei sich: "Ich habe zwar nun Angst vor euch; aber ich werde meine vertrauten Boten wieder aussenden, daß sie mir Wachen und Streiter bringen. Diese werde ich etwas besser halten, und sie werden dann dem Übermute der Arbeiter schon zu steuern wissen." - Das tat er denn auch, und als die Arbeiter das sahen, wurden sie sehr betrübt und schworen dem harten reichen Manne Rache.
   05] Nun sandten sie heimlich auch in ihr Land um Hilfsleute. Diese kamen bald, weil sie eine reiche Beute zu erwarten hatten. Als die Arbeiter also sehr verstärkt waren, da kamen sie abermals zu dem reich gewordenen Manne, der nun ein großes Land sein eigen nennen konnte, und verlangten voll Ernstes eine rechte Besserung ihres Lohnes und die ihnen schon lange gebührende Behandlung.
   06] Allein der reich gewordene Mann rief die Wachen, die die Arbeiter ihres Frevels willen züchtigen und sie in allem noch mehr beschränken sollten. Da auch den Arbeitern die Geduld, und sie sprachen: "Herr, durch unseren Fleiß bist du so reich geworden! Unsere Hände haben dir diese feste Königsburg erbaut, errichteten allerlei Werkstätten, bebauten das Land mit Getreide und haben Weingärten angelegt. Wir sammelten für dich Gold, Silber und allerlei Edelsteine und trugen sie für dich in alle Welt hin auf den Markt, und du willst uns dafür nun noch härter halten und behandeln?! Na, warte du, das werden wir dir wohl vergehen machen!
   07] Jeder Mensch auf dieser Erde muß das Klaub- und Sammelrecht für sich haben; dient er aber einem Nebenmenschen, so muß dieser ihn ganz gut verpflegen, da er ihm das eigene Klaub- und Sammelrecht abgetreten hat. Wir vielen haben dir das getan und haben dir unsere gerechten Vorteile zugewandt, und dafür willst du uns nun also belohnen?! Weißt du, harter Mensch, daß wir von dir für alle unsere Mühe und unseren Fleiß nicht nur beinahe gar keinen Lohn, sondern dazu noch eine schlechte Behandlung hatten, die nun in der letzten Zeit schon gar dahin ging, daß du frechstermaßen durch deine Schergen unsere Hütten durchsuchen ließest, um zu ersehen, ob wir etwa nicht auch für uns irgendeine Kleinigkeit gesammelt hätten? Und ist bei jemand irgend etwas gefunden worden, so hast du ihm nicht nur alles weggenommen, sondern du hast ihn durch deine Wächter noch sehr grausam züchtigen lassen und hast sogar förmlich ein Gesetz verkünden lassen, dem nach ein jeder, der von den Schätzen etwas verheimlichen würde, mit dem Tode bestraft werden solle.
   08] Wenn du, elender, alter Wicht, uns das auch noch zu tun imstande wärest, ohne nur im geringsten zu bedenken, daß auch wir so gut Menschen sind wie du und von einem Gott aus auf ein Haar dieselben Rechte auf diesen Erdboden haben wie du, - so verlangen wir nun von dir, daß du uns alle die Schätze, die wir für dich mit großer Mühe gesammelt haben, herausgibst; denn sie sind durch unsere Mühe auch unser Eigentum! Die Erde hat sie uns gegeben, und es gab nirgends weder einen Gott noch einen Menschen, der sie uns zu nehmen verweigert hätte, und sie sind vollkommen unser Eigentum. Du aber bist uns gegenüber nur ein Dieb und sogar ein Räuber, so du sie uns vorenthalten würdest! Wir nehmen dir aber nur, was und wieviel wir gesammelt haben, und begehren für das ohnehin nichts, daß wir dir mit großer Mühe diese Burg erbaut haben und damit sieben Jahre hindurch geplagt waren. Gib nun gutwillig her, was da unser ist, sonst brauchen wir Gewalt und nehmen dir alles und zerstören dir auch noch diese feste Burg!"
   09] Als der reiche Mann nun sah, daß er mit den vielen Arbeitern durch irgendeine Gewalt nichts ausrichten könne, da besann er sich und sagte: "Seid ruhig! Ich sehe mein an euch begangenes Unrecht ein, und ich will euch von nun an ganz so behandeln, als wäret ihr meine eigenen Kinder, und erteile euch das vollkommene Klaub- und Sammelrecht, und ihr habt mir als dem, der dieses Land mit Mühe und vielen Ängsten und Sorgen aufgefunden hat, nur den zehnten Teil von all dem Gesammelten abzuliefern, wofür ich euch aber allen Schutz und allen Schirm nach allen meinen Kräften werde angedeihen lassen."
   10] Da sagten die Arbeiter: "Wärest du ein Mann von Wort, so glaubten wir dir, aber da du bis jetzt noch nie das gehalten hast, was du uns versprochen hattest, so glauben wir dir auch diesmal nicht! Denn dein großer Geiz läßt es dir niemals zu, dein Wort zu halten. Wir würden dir das nun wieder glauben, - aber wir wissen nur zu gut, daß du bei unserem ruhigen Abzuge für diesen unseren Gewaltschritt in deine Burg sogleich deine Wachen ums Zehnfache verstärken würdest und uns dann über alle Maßen von deinen uns leicht und bald überlegenen Wachen züchtigen ließest. Darum gib uns unser dir erwiesenes Eigentum heraus, und wir ziehen dann von hier weg für alle Zeiten der Zeiten!" Der Mann aber zauderte und wollte nicht; da nahmen sie ihm darauf von selbst alles und zogen von dannen.«


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