Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 116

Die Floßbesitzer und Jesus.

   01] Jored aber sagte zu ihnen: »Seid nun vor allem froh, daß ihr das Holz wieder habt; was ihr mir aber hier anzeiget, das habe ich vor nahe einer Stunde schon gewußt durch einen Fremden, der Sich mit Seinen Jüngern schon ein paar Tage bei mir aufhält. Dem aber habt ihr es auch allein zu verdanken, daß ihr zu eurem teuren Holze wieder gekommen seid; denn ohne Den wäre euer Holz wahrscheinlich schon über Samosata hinaus. Denn diese wären Tag und Nacht bis tief nach Persien oder gar Indien fortgefahren, und hättet ihr sie auch eingeholt, so hätte euch das auch nichts genützt, da sie, als vierundzwanzig Mann an der Zahl, euch dreimal überlegen gewesen wären. Darum seid vor allem froh, daß ihr euer Holz wieder habt, und danket dafür dem einen Manne; denn ohne Den wäret ihr nie wieder zu eurem Holze gekommen!«
   02] Sagten die Flößer: »Ja, ja, Freund, das werden wir allerdings tun, und der gute Mann wird mit uns sicher sehr zufrieden sein; aber zuvor muß denn doch dafür gesorgt werden, daß diese elenden Schurken den Gerichten überantwortet werden?!«
   03] Sagte Jored: »Sehet sie an auf den Flößen! Keiner von ihnen kann sich entfernen und irgendeine Flucht ergreifen! Wer hält sie fest? Ich sage es auch: bloß der eine Mann; denn hielte Der sie nicht, so wären sie schon lange ins Wasser gesprungen und hätten als sicher gute Schwimmer das jenseitige Ufer erreicht, und wir hätten ihnen auf dem Wege nicht nachsetzen können! Aber so will es der eine Mann, und es kann nicht anders geschehen, als wie gerade nur Er es will. Und ich sage euch das, daß ihr nicht Hand an die Diebe leget, sondern alles Gericht über sie dem einen Manne anheimstellt, und ihr werdet da das Beste tun!«
   04] Sagten die Flößer: »Wenn also - womit wir ganz einverstanden sind -, so führe uns zu dem merkwürdigen Manne hin, und wir wollen selbst mit ihm reden!«
   05] Sagte Jored: »Sehet, dieser hier knapp an meiner Seite ist es!«
   06] Hier knirschten die Diebe aus Zornwut Mir ihre Zähne entgegen und hätten Mich gerne laut zu verwünschen angefangen; aber Ich hatte ihnen schon zuvor den Mund gesperrt, das heißt zum Reden, und so glichen sie den Stummen, die auch nichts reden können.
   07] Die Flößer aber verneigten sich tief vor Mir und sagten: »Freund, daß dir ungemeine Kräfte und Eigenschaften innewohnen, das haben wir aus dem ersehen, was uns unser Freund Jored von dir ausgesagt hat! Wer du bist, und wie du zu solchen wunderbarsten Eigenschaften gekommen bist, das geht uns Lacotenaer nichts an; aber da wir durch die Freundlichkeit des lieben Oberzöllners Jored es erfahren haben, daß wir allein dir alles zu verdanken haben, und daß wir es ganz allein dir überlassen sollen, die Schurken nach Gebühr zu richten und zu züchtigen, so bitten wir dich als allzeit ehrliche Bürger aus Lacotena, du wollest uns gütigst bestimmen, was wir dir für deine unschätzbare Bemühung zu unserem großen Vorteile schulden, und daß du nach deinem sicher allzeit gerechtesten Ermessen die argen Diebe richten möchtest.«
   08] Sagte Ich: »Seid ruhig, - was Ich tue, das tue, Ich ohne Entgelt! Ihr aber habt Arme in eurer Stadt; denen erweiset Gutes und denket, daß auch die Armen Menschen und eure Erdenbrüder sind! Seid nicht karg gegen sie, und gebet ihnen gerne von eurem großen Überflusse, und ihr werdet dadurch am allerergiebigsten eure Gegend vor Dieben und Räubern sichern und reinigen! Vor allem aber sei euch gesagt, daß eben auch diese Diebe sehr arme Tröpfe sind, und daß sie nicht so sehr ein böser Wille, sondern nur ihre Armut zu dieser und noch anderen, schon früheren, kleineren Diebereien genötigt hat.
   09] Wenn diese Menschen, die recht kräftige Arbeiter sein könnten, irgend von gerecht und bieder denkenden Dienstgebern in eine angemessene Arbeit gegen eine verhältnismäßige Belohnung genommen würden, so würden sie sicher sehr gerne dies ihr schnödes Treiben aufgeben. So aber daß der Fall nicht ist, da bleibt ihnen denn auch wahrlich sonst nichts übrig, als bei dem zu verbleiben, was sie nun notgedrungen sind.
   10] Sie können kein Feld bebauen, weil sie keines haben; denn alles Feld und alle Wälder und Berge gehören euch, und ihr lasset sie viele Stunden weit brachliegen, weil ihr sie nicht bearbeiten könnet. Warum gebt ihr nicht den Armen Felderstrecken zur nützlichen Bearbeitung?! Dadurch würden diese Leute dann auch etwas haben und euch noch obendrauf, so einmal die nun wüsten Felder und Berge kultiviert wären, einen mäßigen Tribut bezahlen. Saget selbst, ob das nicht besser wäre, als so ihr wenigen Reichen am Ende alles selbst besitzen wollt, was euch keinen Nutzen bringt, sondern nur einen kaum glaublichen Schaden!
   11] Ich will aber mit diesen vierundzwanzig Dieben kein Wort reden, weil diese nun schon zu tief in ihren Diebssinn verfallen sind; aber ihr habt in eurem Orte und in eurer großen und weitgedehnten Umgegend noch eine Menge ähnlicher Leutchen. Tut ihnen das, was Ich euch nun geraten habe, und ihr werdet bald über keine Diebereien mehr zu klagen haben!
   12] Stellet so viele Wächter aus, als ihr wollet und könnet, und ihr werdet damit wenig oder nichts erreichen; denn ihr werdet dadurch die Armut noch mehr zum Zorne reizen, und sie wird Tag und Nacht studieren, wie sie euch nur immer auf die empfindlichste Weise irgend schaden könnte! So ihr aber Meinen Rat befolget, so werden eben die von euch versorgten Armen selbst eure besten Wächter sein.«


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