Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 112

Der abergläubische Fischereimeister am Euphrat.

   01] Wir gingen zu dem Strome hin, und zwar an die Stelle, wo sich das aufgefangene Holzfloß befand, das noch in seiner ganzen Größe unaufgelöst dalag, und wo gerade die Fischer des Jored ihre Netze zu einem größeren Fischfange ausgeworfen hatten. Wir sahen ihnen zu, wie sie einen Zug um den andern vergeblich machten.
   02] Da sagte Jored zu dem Fischmeister: »Ja, was ist denn das heute? Sind denn gar keine Fische mehr in unserem sonst so fischreichen Strome?«
   03] Sagte der alte Fischmeister: »Herr, das ist mir selbst ein Rätsel! Es wäre die Zeit sonst sehr günstig, und es kommen auf des Wassers Oberfläche stets eine Menge Bläschen zum Vorscheine, was sonst eines der besten Zeichen zum Fischfange ist. Also haben wir auch keinen Wind, und die Sonne steht gerade in der rechten Neigung; dazu kommt noch, daß der Mond im Aufnehmen und in das Himmelszeichen der Fische getreten ist, was wieder zum Fischfangen außerordentlich gut ist. Sonst habe ich bei so überaus günstigen Umständen stets einen reichen Fang gemacht mit geringer Mühe, heute aber ist alles wie rein verhext. Wir haben nun schon fünf Züge gemacht, und das beinahe über den ganzen breiten Strom, und ich habe den Neptun und den Triton und alle Nymphen dieses Stromes angerufen, aber alles rein umsonst! Nicht ein Fisch kommt uns in die guten Netze! Es ist schon rein zum Verzweifeln!
   04] Da unten die Fischer in Malaves sollen gestern eine ungeheure Menge Fische gefangen haben; sie müssen einen Zauberer unter sich haben. Aber auch ich verstehe mich auf allerlei Fischverzauberungsdinge und habe bereits schon alle angewandt; aber es nützt heute alles nichts! Alle Auspizien
(Voraussetzungen) sind gut, und doch kein Erfolg! Jetzt sage mir ein Mensch, was denn doch da um aller Götter willen dahinter stecken mag! Am Ende sind die Götter alle auf uns zornig geworden, weil der fremde Magier ihre Statuen, die wir verehrten, auf einen Wink vernichtet haben soll, - was ich gehört, wovon ich mich aber noch nicht selbst überzeugt habe. Wenn die Sache wahr wäre, mein Herr, da möchte es mit uns bald sehr schlimm aussehen; denn die einmal erzürnten Götter sind so leicht nicht wieder zu besänftigen. Das würde uns große Opfer kosten! Aber ich will nun doch noch ein paar Züge versuchen; fallen die auch leer aus, so tue ich heute nichts mehr!«
   05] Sagte Jored: »Tue das, vielleicht kommt doch etwas zum Vorscheine!«
   06] Darauf ordnete der Fischmeister schnell wieder einen neuen Zug an. Es ging alles in der besten Ordnung, und als das Netz an das Ufer gebracht ward, da war es wieder wie früher leer, was dem Fischmeister viel Ärger machte, und worauf er sagte (der Fischmeister): »Ich sage es ja: heute ist ein verhexter Tag, und da ist jede Arbeit und Mühe vergeblich! Wenn ich nun noch einen Zug anordne, so wird er sicher wieder genau also ausfallen, wie dieser ausgefallen ist, und ich glaube, daß man für heute diese Arbeit einstellen sollte. Wenn du für heute Fische benötigst, so können sie von Malaves hergeschafft werden; denn die dortigen Fischer sollen gestern einen großen Vorrat gefangen haben. Auch soll ein Magier durch einen geheimen Zauberschlag ihre Häuser in einem Moment derart hergestellt haben, daß sie uns Stadtbewohner ganz ordentlich auslachen könnten! Was in dieser lieben Welt doch alles zum Vorscheine kommt, - ja, es kennt sich jetzt schon kein ordentlicher Mensch mehr aus! Was meinst du, Herr, sollen wir uns noch einmal die sicher sehr vergebliche Mühe machen, oder sollen wir lieber diese Arbeit für heute einstellen?«
   07] Sagte nun Ich: »Höre, du Mein alter, sehr abergläubischer Fischer, solange aus dem Wasser die gewissen Bläschen aufsteigen, ist das fürs Fischen nie ein gutes, sondern allzeit ein schlechtes Zeichen, weil das ganz natürlich anzeigt, daß die Fische am Boden ruhen. Denn um das zustande zu bringen, müssen, durch ihren Instinkt geleitet, sich ihre Luftsäcke, die sie im Leibe haben, der Luft entledigen, und das macht bei einem fischreichen Wasser stets die Erscheinung des Aufsteigens der gewissen von dir bemerkten Bläschen. Wenn du diese Bläschen vermissest, dann erst wirf die Netze aus, und du wirst Fische in Menge bekommen! Denn wenn der Fisch aus seinem Luftsacke keine Luft mehr ausstößt, dann braucht er sie, weil er nur durch sie auf die Oberfläche heraufkommen kann.
   08] Siehe, nun hat das Aufsteigen der Bläschen aufgehört, und die Möwen und Reiher fangen an, ins Wasser zu stoßen! Jetzt mache noch einen Zug, und du wirst ohne alle Zauberei Fische in die schwere Menge bekommen!«
   09] Dem Fischmeister wollte das zwar nicht sehr einleuchten, doch weil es ihm auch sein Dienstherr Jored befahl, so ordnete er noch einmal einen Zug an, warf die Netze aus und bekam eine solch kolossale Menge Fische, daß er die Netze kaum ans Ufer zu bringen imstande war. Nun gab es natürlich Arbeit über Arbeit, um die vielen und zumeist sehr großen Fische in den Behältern unterzubringen.
   10] Nach einer Stunde waren diese untergebracht, und der Fischmeister konnte sich nicht genug verwundern über diesen nun auf einmal so überreichen Fischfang und sagte am Ende seines Staunens: »Das soll zwar keine Zauberei gewesen sein, - aber ich sage: Das war dennoch die höchste und noch nie dagewesene Zauberei aller Zaubereien! Der Mann, der mir riet, noch einen Zug zu machen, scheint mir mehr zu wissen und zu kennen, als bloß die reiche Fischfängerei aus dem Ausbleiben der Bläschen und aus der Aktion der gewissen Wasservögel einem alten Fischmeister zu verkünden. Am Ende ist eben er derjenige, der die Statuen des Tempels wegzauberte und den Malavesern bessere Wohnungen hinhauchte! Aber lassen wir nun das, und ich frage nun bloß, ob wir noch einen Zug wagen sollen!«
   11] Sagte Ich: »Tuet das, und ihr seid dann auf Wochen lang versorgt!«
   12] Da beeilten sich die Fischer und machten noch einen Zug, der ebenso reich ausfiel wie der frühere.
   13] Als die Fische in den großen, leeren Behältern untergebracht worden waren, da befahl der Fischmeister seinen Dienern, die Boote und das Fischerzeug in Ordnung zu bringen, und er trat darauf zu Mir hin und sagte: »Höre, du mir bis jetzt noch ganz unbekannter Mann! Du kannst und verstehst mehr, als was sonst ein gewöhnlich erfahrener, kluger Mann kennen und verstehen kann! Du mußt die große Magie irgendwo tief in Hinterindien studiert haben; denn hier unter den Griechen und teilweise Römern und Juden ist so etwas völlig unerhört. Diesen reichen Fischfang hast allein du uns in die Netze hineingezaubert! Ich bin ein alter Fischer; aber noch nie habe ich, selbst in der allerbesten Fischzeit, einen solchen Fang - und das von lauter Edelfischen - gemacht. Oh, mit dir möchte ich wohl so manches und vieles reden; denn du mußt viel gelernt und viel erfahren und auch schon von der Geburt an viele Talente besessen haben! Dich müssen die Götter wahrlich sehr stark angehaucht haben, weil in dir dein Wille zu eine solchen Macht gediehen ist!«
   14] Sagte nun Jored: »Ganz gut, mein alter, treuer Diener, wir werden davon einmal allein noch vieles reden! Aber nun sorge du, daß für den heutigen Abend noch einige der schönsten und besten Fische in die Küche geschafft werden; denn wir wollen noch heute davon einen Genuß haben! Sorge aber auch, daß ihr mir nicht irgend zu kurz kommet!«
   15] Das tat der Alte sogleich, war aber darauf bald wieder bei uns, indem wir unterdessen uns an den Floßholzstämmen gelagert hatten, um von da zu betrachten, wie eine große Menge von großen Möwen und Reihern ihre Auskundschaftungen über die großen und offenen Fischbehälter anzustellen anfingen und unter sich gewisserart einen Rat hielten, wie aus diesen ein Fisch zu bekommen wäre.
   16] Da fragte Mich der Fischmeister, sagend: »Du lieber Mann, was wäre denn da gegen diese befiederten Fischdiebe zu unternehmen, damit sie uns in den Behältern keinen Schaden anrichten können? Denn sieh, wenn diese Tiere dir auch keinen von diesen großen Fischen aus dem Wasser zu heben imstande sind, so verwunden sie aber die Fische dennoch mit ihren langen und spitzen Schnäbeln durch ihr pfeilschnelles Herabstoßen. Die Fische werden dadurch krank und sind nicht mehr so gut für den menschlichen Genuß, oder sie verenden gar nach einer stärkeren Verwundung, werden von diesen Vögeln als auf der Wasseroberfläche tot schwimmend derart zerfleischt, daß sie am Ende zu Boden sinken und das Wasser im Behälter verpesten, was dann für die gesunden Fische auch nachteilig wirkt. Dir wird dagegen sicher auch ein Mittel bekannt sein! Habe doch die Güte und gib es mir kund!«
   17] Sagte Ich: »Du meinst noch immer, daß Ich ein Zauberer sei; aber Ich sage es dir für ganz wahr und bestimmt, daß das bei Mir nicht im geringsten der Fall ist und sicher nie war. Daher werde Ich dir da bloß als ein naturkundiger Mensch auch ein ganz natürliches Mittel ansagen, und dieses besteht darin: Decke die Behälter mit einem alten Fischnetze zu, dergleichen ihr genug habt, und diese Vögel werden durch das Netz den Fischen nichts mehr anhaben können! Siehe, das ist ganz wahr etwas Natürliches und leicht ohne alle Zauberei Ausführbares, und wenn es gut und fleißig gemacht ist, so ist es auch von einer entschieden guten Wirkung!«
   18] Hier ging der Alte wieder, da er die Sache gut fand, berief seine Diener und setzte Meinen Rat schnell ins Werk und hatte darauf selbst eine Freude, dadurch den gefräßigen Vögeln einen solchen Riegel vor ihre lüsternen Schnäbel gesteckt zu haben.


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