Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 111

Der Weg zur Gotteserkenntnis und Gottesliebe.

   01] Hierauf sagte der Schriftgelehrte nichts mehr; aber Ich sagte zu der Priesterin: »Höre, du stark weltweise Priesterin, es war das einerlei, ob Ich oder dieser Jünger mit dir geredet hat; denn ein jeder Meiner Jünger, der irgend in Meinem Namen den Mund auftut, kann nicht anders reden, als wie ihm von Mir Selbst die Worte in den Mund gelegt werden! Er hat dir gerade das gesagt, was Ich dir gesagt hätte! Daß ihr gar losen Stoiker nichts als den Tod und die endliche völlige Vernichtung eures Daseins in euch fühlet, daran schuldet niemand denn ihr selbst.
   02] Warum gibt es denn gar viele Heiden, die so gut wie die besten Juden an das Fortleben der Seele nach dem Tode nicht nur fest und ungezweifelt glauben, sondern alles dessen in sich auch fest und lebendig bewußt sind?! Warum seid denn ihr das nicht?
   03] Ich werde euch aber sagen, was bei und in euch daran schuldet! Sehet, daran schuldet euer Hochmut, eure Selbstliebe und die Gier, vor den Menschen als hochtrabende Viel-oder gar Alleswisser zu glänzen und jeden andern mit den alten, weltweisheitlichen Brocken in den Staub hinabzureden! Wer soll euch denn etwas sagen oder raten, wenn ihr allzeit nur darauf euer Gewicht leget, daß ein jeder nur von euch belehrt werden kann, ihr aber von niemandem? Darin aber besteht der allergefährlichste Hochmut, dem der Spruch gilt: Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen!
   04] Solange ihr aber in diesem Hochmute verharren werdet, ebenso lange werdet ihr auch anstatt des Lebens nur den ewigen Tod in euch fühlen; denn der Hochmut treibt die Seele mit aller Gewalt in ihres Leibes Fleisch, und diese, sich in sich selber stets mehr und mehr aufblähend, wird dadurch ordentlich völlig eins mit ihrem Fleische und kann in solch einem Zustande dann nichts anderes fühlen und empfinden als den Tod des Fleisches.
   05] Wo aber die Seele von ihrem Hochmute absteht und sich demütigt, da isoliert sie sich auch stets mehr von ihres Leibes grobem Fleische und steht mit demselben nur allein durch den ihr verwandten Nervengeist im Verbande. Ist das bei einer Seele einmal eingetreten, dann wird sie auch schon lebensfühlend in sich werden, und bestrebt sie sich, auch mehr und mehr in der Nächstenliebe und dadurch auch in der reinen Liebe zu Gott, den sie in ihrer Demut auch bald und leicht finden wird, recht tüchtig zu werden, so ruft sie dadurch auch ihren jenseitigen Geist aus Gott wach und fängt an, sich mit demselben zu einen. Wenn das aber einmal vor sich geht, dann geht sie schon in das vollkommene, ewige Leben ein und wird dadurch Gott ähnlicher und ähnlicher in allem, und das ewige Leben ist in ihr zur großen Klarheit geworden.
   06] Solange aber eine Seele in ihrem Welthochmute verharrt und sich von ihren Nebenmenschen über alle die Maßen nur Weihrauch über Weihrauch streuen läßt, so lange versenkt sie sich selbst auch stets mehr in ihr grobes Fleisch und somit auch notwendig stets mehr und mehr in des Fleisches Tod. Welche Worte und welche Taten und Zeichen aber sollen dann einer todvollen Seele den Beweis liefern können, daß sie nach des Leibes Tode fortlebt, und daß es einen einigen und wahrhaftigen Gott gibt?!
   07] Du meinst nun freilich, daß ein höchst weiser, allwissender und allmächtiger Gott solchem Menschen doch auf irgendeinem Wege ein Licht geben könnte, daß er gewahr würde, daß es mit ihm also steht. Das tut Gott immer; aber der Hochmut des Menschen läßt es nicht zu, daß der Mensch alles dessen in sich innewerden möchte.
   08] Ich sage es euch: Wer immer einmal anfängt, daran zu denken, daß es einen Gott gibt, der alles, was da ist, erschaffen hat und alles erhält und leitet, der wird auch bald einsehen, daß alles, was da ist, gut und zweckmäßig eingerichtet ist. Er wird aus der weisen Einrichtung auch bald dahin ins klare kommen, daß der Schöpfer alles dessen, was da ist, höchst gut sein müsse. Denkt der Mensch recht oft daran und beurteilt also Schöpfer und Geschöpfe, so wird er den Schöpfer zu lieben anfangen, und von Tag zu Tag, immer mehr und mehr wird sich die Liebe zu Gott im Herzen des Menschen mehren und festen, und diese Liebe ist dann eben der jenseitige Geist des Menschen, von dessen Lichte die Seele durchdrungen und von dessen Lebenswärme sie belebt wird. Und ist das beim Menschen einmal der Fall, so ist es ihm dann auch nicht mehr möglich, sich je irgend einen Tod in sich zu denken.
   09] Daß aber das leicht ein jeder Mensch mit und in sich bewerkstelligen kann, könnt ihr aus dem entnehmen, daß ein jeder Mensch Augen hat zum Sehen, Ohren zum Hören und den Geruchsinn, den Geschmack, das Gefühl und zu allem dem Verstand, Vernunft und Hände und Füße und einen freien Willen, durch den er nach Belieben seine Glieder in eine Tätigkeit setzen und seine Liebe ordnen kann. Also ausgerüstet, sieht er die Sonne auf- und niedergehen, - also den mond. Er sieht die Sterne und zahllos viele Arten und Gattungen der Geschöpfe, die er betrachten und aus denen er Gott den Herrn stets mehr und mehr erkennen kann.
   10] Ein jeder Berg, eine jede Ebene mit den vielen Früchten, ein jeder Strom, alle die verschiedenen und mit aller Schönheit geschmückten Gräser, Pflanzen, Gesträuche und Bäume und die gesamten Tiere geben ihm ja doch Stoff zur Genüge, der ihn über ihr Entstehen und Bestehen zu denken nötigt.
   11] Denkt aber ein Mensch darüber nach, so wird ihm eine innere Stimme sagen, daß alles das nicht irgend von und aus sich selbst hat entstehen können, sondern daß da ein höchst weiser, liebevollster und allmächtiger Schöpfer dagewesen sein muß, der alles dieses geschaffen und geordnet hat, es jetzt noch forterhält und in einer stets veredelteren und vervollkommneteren Art ewig forterhalten wird, weil Er es schon seit für den Menschenverstand undenklichen Zeiten bis jetzt erhalten hat.
   12] Wer also sich einen Gott und Schöpfer vorstellt, der muß dann ja doch auch eine große Achtung vor Ihm und Liebe zu Ihm stets mehr in sich wachrufen. Ist aber diese einmal da, so ist auch der Anfang zum inneren Lebendigwerden der Seele in ihrem Geiste da, und wächst dann fort mit der Zunahme der Liebe zu Gott, welche Zunahme um so leichter stattfindet, weil der Liebegeist die Seele stets mehr erleuchtet und sie über das Wesen Gottes in eine stets größere Klarheit gelangt.
   13] Hat ein Mensch auf diese Weise den Weg zu Gott und somit zum wahren, ewigen Leben gefunden, so kann er dann aus Nächstenliebe solchen auch seinen Nebenmenschen zeigen und ihnen einen rechten Führer abgeben, und er wird dafür von Gott aus mit noch mehr Licht und Weisheit begabt werden, und seine Jünger werden ihn lieben und mit allem Nötigen unterstützen.
   14] Hättet ihr das von jeher getan - wie ihr schon eben durch euren Mentor, der Platoniker war, auf ganz gutem Wege euch befindet -, so würdet ihr uns nun nicht mit eurem Diogenes vollends totreden wollen; denn ihr hättet da selbst schon eine große Lebensfülle in euch. Aber euer Diogenes und euer geheimer großer Hochmut haben euch ganz verkehrt, und so werdet ihr nun nach Meiner euch hier gegebenen Lehre ganz von vorne euer inneres Leben zu bilden anfangen müssen. Mit recht viel Eifer und Liebe werdet ihr bald große Fortschritte machen; aber so ihr in eurem Eigensinne verharren werdet, so werdet ihr auch verharren in eurem inneren Tode. - Habt ihr das wohl begriffen?«
   15] Sagte die Priesterin: »Ja, Herr und Meister, das war klar, und ich habe die Wahrheit alles dessen nun ganz wohl eingesehen; aber es wäre das von seiten eines einigen, wahren und allmächtigen Gottes ja eben auch ein leichtes gewesen, uns den Geist unseres verstorbenen Mentors erscheinen zu lassen, weil er uns das als den endgültigen Beweis seiner Seelenlebenslehre oft auf das feierlichste unter Eid versprochen hatte. Wäre er uns erschienen, so wären wir in seinen Lehren befestigt worden und hätten nach ihnen auch unser ganzes Leben eingerichtet; aber da er uns das bis jetzt noch schuldig geblieben ist, so ist es selbstverständlich, daß wir darum an der Wahrheit seiner Lehren zu zweifeln haben anfangen müssen. Warum erschien er uns denn nicht?«
   16] Sagte Ich: »Er ist euch sieben Male im Traume erschienen und hat euch stets den gleichen Grund angegeben, warum er euch nicht anders denn nur im Traume besuchen kann. Warum glaubtet ihr ihm denn nicht? Weil ihr als sehr schöne Töchter eines Oberpriesters schon zu eitel und zu hochmütig geworden seid und euren braven Mentor schon bei seinen Lebzeiten nur mehr belacht denn irgend mit einem freudigen Lebenseifer angehört habt! Eure Seelen verkrochen sich zu mächtig ins Fleisch; dadurch verloret ihr die zum Geistersehen notwendige Außenlebensäthersphäre, und da war es dem Geiste unmöglich, sich euch ersichtlich zu zeigen.
   17] Wer aber durch die Fülle seines inneren Lebens auch außer seinem Leibe eine Lebensatmosphäre überkommt, der kann die Seelen verstorbener Menschen sehen und sich mit ihnen über die wichtigsten Lebensdinge besprechen, wann und wie oft er will. Aber dazu gehört freilich eine innere, nahe gänzliche Lebensvollendung.
   18] Nun aber denket darüber nach, besprechet euch mit euren Männern, die Meine Lehre bereits überkommen haben, und ihr werdet dann schon in euch zu einem rechten Urteile kommen! Ist das einmal geschehen, so werden wir am Abend schon noch etwas hinzutun, das euch etwas mehr erleuchten wird.
   19] Die Menschen dieser Erde haben die große Bestimmung, selbstmächtige Kinder Gottes zu werden; daher müssen sie auch in aller Selbsttätigkeit aus sich selbst geübt und gebildet werden. - Und nun gut vor dem Abend!«
   20] Da wurden die Weiber still, und ich begab Mich mit den Jüngern und Hausleuten hinaus ins Freie.


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