Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 102

Die listigen Weiber der Heidenpriester.

   01] Am Morgen warteten aber schon eine Menge Menschen vor dem Hause, daß sie Mich sahen; aber Ich blieb mit den Jüngern im Saale und ging diesmal vor dem Morgenmahle nicht ins Freie.
   02] Es kam aber dennoch Jored zu uns, um nachzusehen, ob wir noch schliefen. Und da er uns völlig wach fand, so sagte er zu Mir (Jored): »Herr und Meister, das Morgenmahl ist bereitet; so es Dir genehm wäre, möchte ich es sogleich hereintragen lassen! Auch die fünf Priester und unser Arzt sind schon da und möchten Dich sehen und grüßen. Dann umlagert mein Haus eine ordentliche Volksmasse und verlangt nichts, als Dich nur einmal zu sehen. Herr, was ist da Dein Wille?«
   03] Sagte Ich: »Laß das Morgenmahl hereintragen und die Priester und den Arzt zu uns hereintreten und natürlich auch deine Mir gar recht liebgewordene Familie! Das neugierige Volk aber soll harren; denn das verliert und gewinnt vorderhand nichts durch das, daß es Mich beschaut. Tue also das; nach dem Mahle werden wir schon sehen, was da zu machen sein wird!«
   04] Darauf geschah sogleich das, wie Ich es angeordnet hatte. Der Arzt und die Priester traten ein, und wir setzten uns an den Speisetisch. Da wurden sogleich die Eßwaren als ganz wohl bereitet aufgetragen, da die sieben Weiber des Jored ganz gute Köchinnen waren, und wir aßen und tranken abermals recht wacker und tranken den Wein nach den Fischen.
   05] Nach einer halben Stunde war das Morgenmahl beendet, und einer der Priester bat Mich, ob er reden dürfe.
   06] Ich aber sagte zu ihm: »Mein Freund, du kannst für dich reden, soviel es dir beliebt; aber Ich mache dir hier die Bemerkung, daß Ich es ohnehin von Wort zu Wort genau weiß, was du Mir sagen und um was du Mich fragen möchtest, und so kannst du dir die Mühe wohl ersparen, in solch einer höchst unbedeutenden Angelegenheit den Mund aufzutun!
   07] Siehe und höre! Als ihr in der Nacht - freilich schon beim Morgengrauen - nach Hause kamet, da habt ihr in eurem Haine heulen und wehklagen hören. Ihr ginget mit einiger Furcht tiefer in den Hain und vernahmet sogar drohende Worte dahin, wie sich die Götter, die ihr meineidig verlassen habet, an euch rächen würden. Ihr eiltet dann mit keiner geringen Furcht zu euren Weibern und erzähltet ihnen das, was ihr vernommen hattet, und habt dadurch erst so recht das Wasser auf ihre Mühle getragen. (Es gab schon zu Jakobs Zeiten derlei Mühlen.)
   08] Wisset ihr, warum eure pfiffigen Weiber und Kinder und Diener euch gestern abend holen gekommen sind? Sehet, sie hatten euch einen solchen Spuk bereitet und hätten euch schon früher gerne ins Bockshorn gesetzt! Sie waren darum also erbittert, weil ihr ihnen für ihren euch bereiteten Schreck zu lange verzoget.
   09] Obwohl Ich gestern so gut wie jetzt davon nur zu klar wußte, was die Weiber im Sinne hatten, so ließ Ich es doch geschehen, aber nicht etwa, um auch von euren Weibern ein paar Stunden lang ängstigen zu lassen, sondern um eben heute dadurch euch zu helfen, eure Weiber und Kinder und Diener auf den rechten Weg zu setzen.
   10] Ich habe darum eurer Weiber Listwerkzeuge auf ihren Plätzen bis dahin festgebannt, bis wir nun bald dahin kommen werden und eure Weiber ins Angesicht überzeugen, welche Wunder sie zur Nachtzeit mit den in den Gebüschen an den Schweifen fest angebundenen Katzen und mit einigen gedungenen feilen Knechten und Dirnen, die sich auf den dicken Baumästen befanden, für euch gewirkt haben.
   11] Als ihr euch am Morgen zu Mir herbegabet, da eilten eure Weiber, Kinder und Diener behende in den Hain, und sie geben sich nun alle erdenkliche Mühe, ihre für euch bereiteten Spukwerkzeuge freizumachen; aber es geht das nun so lange nicht, bis wir dahin kommen werden und zuvor den Spukkünstlerinnen einige sehr vernehmbare und kräftige Worte ins Gesicht sagen und dann erst ihre Zauberwerkzeuge in die Freiheit setzen werden. Nun, Freund, rede du, ob es nicht also sich verhält, und ob es nicht das war, was du Mir hast sagen wollen!«
   12] Sagte der Priester: »Ja, großer Herr und Meister, gerade also war es! Ich danke Dir allerinbrünstigst für diese Aufhellung; denn wahrlich, wir waren gestern in keiner kleinen Angst und dachten uns: Na, wenn das so fortgeht, so haben wir binnen kurzem noch einmal den alten Götterkrieg zu erleben, an den wir de facto (tatsächlich) wohl nie geglaubt haben, wohl aber dahin etwas darauf hielten, daß in jener Urzeit auf dieser Erde gar große Erd- und Elementarrevolutionen vor sich gegangen sein mögen, deren Dasein und Geschehen die damaligen, sicher sehr einfachen Naturmenschen in allerlei Bildern und wunderlichen Sagen für ihre Nachkommen aufbewahrt haben. Aber gestern hätten wir schon beinahe an die Wirklichkeit jener Fabel zu glauben angefangen, und das um so leichter, da wir gestern gesehen und gehört haben, was eine göttliche Macht, auch nur in einem Menschen wohnend, alles zu bewirken imstande ist. Wir sahen Dich und Deine Jünger schon ordentlich brennende Berge und riesenhaftest große Eichen mit furchtbarer Kraft gegen den Himmel schleudern. Nun ist
uns aber solch eine Dummheit auch schon ganz vergangen, und ich Redner freue mich nun ganz absonderlich darauf, wie Du, o Herr und Meister, unsere zu verdummten Weiber in eine bessere Ordnung bringen wirst!«
   13] Sagte Ich: »Du sagst mit Recht, daß eure Weiber zu verdummt sind; aber die Schuld an ihrer Verdummung traget ihr. Ihr habt sie also zugerichtet, und somit ist an dem, daß eure Weiber und Kinder nun also sind, wie sie sind, die Schuld an euch selbst, und ihr müsset nun denn, aber mit Liebe und Geduld, das an ihnen selbst wieder gutmachen, was ihr an ihnen verdorben habt! Ich werde das Meinige schon tun, dann aber müßt ihr auch das Eurige tun. Mit Liebe und Geduld werdet ihr vieles ausrichten, - aber mit eurer altgewohnten Strenge gar nichts!«
   14] Sagte der Zeuspriester: »Herr und Meister, an unseren Weibern haben wir unmöglich viel verderben können; diese waren schon von ihrer Kindheit an so sehr in die Götter eingezwängt, daß sie stets unsere Korrektoren machten, so wir irgendwann etwas unterließen, was gewisserart nur als eine pure Nebensache zu unserem zeremoniellen Kultus gehörte, und was man ganz sicher hätte auslassen können.«
   15] Sagte Ich: »Das ist nun zwar wahr, aber ihr werdet euch nun auch gar wohl noch an die Zeit erinnern können, in der ihr um eure Weiber freitet! Da fandet ihr, daß sie als Töchter eines Priesters in Sidon die Schrift der Juden lasen und große Stücke auf sie hielten, wie auch ihr Vater selbst, wenn auch nur geheim für sich. Damals lobtet ihr das, um euch die Töchter geneigt zu machen; als sie aber eure Weiber waren, da finget ihr an, ihnen die Lehre der Juden von Tag zu Tag mehr und mehr zu verdächtigen, zeigtet ihnen allerlei falsche Wunder und behauptetet, daß solches alles die Götter bewirkten. Dann suchtet ihr durch allerlei Mittel der Weiber Phantasie bis auf den höchsten Kulminationspunkt zu treiben, wodurch sie am Ende allerlei Träume und Gesichte bekamen. Diese Träume und Gesichte aber wußtet ihr dann durch eure Redekunst stets also zu deuten, daß sie gerade das bedeuten und anzeigen mußten, was ihr so ganz eigentlich habt haben wollen. Bedenket nun das, und saget dann, wer an der Verdummung eurer Weiber die Hauptschuld trägt!
   16] Aber Ich sage euch nun noch etwas hinzu, und das besteht darin: Gar so dumm, wie ihr es meinet, sind so ganz geheim für sich eure Weiber ganz und gar nicht; denn wären sie das und hielten bei sich etwas auf die Hilfe der Götter, so würden sie sich nimmer getraut haben, so im Namen der Götter, die sie dadurch erzürnen müßten, euch einen ganz natürlichen Spuk zu bereiten. Weil sie aber eben ganz heimlich bei sich auf alle die Heidengötter nie besonders viel gehalten haben, und jetzt schon am allerwenigsten, da sie von euch bei guten Gelegenheiten als eure vertrautesten und notwendigen Helferinnen in allerlei von euren Zauberkünsten sind eingeweiht worden, so haben sie denn ja doch einsehen lernen müssen, wie und auf welche Weise eure Götter ihre Wunder verrichten. Also sehet und bedenket, wer eigentlich an der vermeinten Verdummung eurer Weiber die Schuld trägt!
   17] Aber es macht das nun nichts; denn in der Folge werden eure Weiber, Kinder und Diener euch auch in der Wahrheit, die nun durch Mich bei euch aufgegangen ist, bei weitem übertreffen. Aber nun gehen wir in den Hain hinaus, und Ich will alldort eure Weiber, Kinder und Diener von ihrer großen Verlegenheit und nahen Verzweiflung befreien! Denn nun fangen sie selbst an zu glauben, daß die Götter sie nun darum züchtigen, dieweil sie ungläubig in dem heiligen Haine wider dieselben gefrevelt hätten. Und so erheben wir uns denn und gehen behende hinaus!«
   18] Wir verließen alsbald den Saal und zogen hinaus in den heiligen Hain, wählten aber dazu einen Hinterweg, damit uns nicht das viele Volk, das noch vor der Hauptfront des Hauses Joreds auf Mich harrte, dränge und auf dem Fuße nachfolge.
   19] Unter dem Volke aber befand sich auch unser Judas, der Mich demselben um einige Groschen Gewinnes zeigen wollte, da Mich die Menschen persönlich ja doch nicht kennen konnten. Dieses ward aber dem verräterischen und gewinnsüchtigen Jünger dadurch ganz vereitelt, daß wir einen Hinterweg hinaus in den gewissen Hain wählten.


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