Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 100

Jesu Rückkehr nach Chotinodora.

   01] Darauf kamen die Jünger wieder zu uns bis auf Judas Ischariot. Dieser nahm sich noch die Mühe, für sich die Bewohner den Gebrauch der verschiedenen Gerätschaften zu lehren, und aß und trank von Haus zu Haus; denn er wollte für seine Unterrichtsmühe denn doch auch etwas haben. Wir aber ließen ihm seine Freude und zogen unter manchen guten Gesprächen hinauf nach Chotinodora. Als wir allda ankamen, hatte sich die Sonne schon sehr dem Untergange genaht, und wir waren denn auch schon ein wenig müde geworden und gingen ins Haus Joreds, und zwar in den schon bekannten Saal. Da waren auch die beiden Jünger mit den vier Priestern, die daheim von ihnen unterwiesen wurden, und es kamen bald eine Menge Menschen des Hauses und der Stadt und erkundigten sich emsigst, was etwa bei der kleinen Reise nach dem Fischerdörfchen sich alles zugetragen habe.
   02] Nun, da gab es gegenseitige Erzählungen und Verwunderungen in die schwere Menge bis nahe in die sinkende Nacht. Nur das hereingebrachte Nachtmahl brachte die Zungen zu einiger Ruhe, und die Bürger der Stadt verließen uns auch nach und nach, so daß wir das Mahl in einer größeren Ruhe genießen konnten.
   03] Als wir mit dem Mahle zu Ende waren, da erst kam Judas Ischariot uns nach und machte so ziemlich forschende Augen, ob das Mahl erst angefangen oder schon beendet sei. Er fand es aber schon beendet und ergab sich darum willig in sein Schicksal. Es wollte ihm aber Jored etwas richten lassen; das ließ Judas Ischariot jedoch nicht zu und bat ihn bloß um etwas Brot und Wein, was er auch sogleich bekam.
   04] Aber unser Thomas konnte es ihm dennoch nicht ganz nachsehen, da er durch Mich innewurde, daß Judas Ischariot in dem neuen Dorfe dem dortigen Wunderweine ganz kräftig zugesetzt hatte. Aber diesmal tat Judas Ischariot also, als hätte er den Thomas gar nicht vernommen, ging aber dennoch, als er seinen tüchtigen Becher Wein geleert hatte, hinaus, und wir sahen ihn diese Nacht nicht wieder. Er hatte draußen einen Bürger gefunden, der sich mit ihm über die Geschichten dieses Tages unterhielt und ihn dann auch mit in sein Haus nahm, wo es für ihn dann einen guten und reichlichen Nachtschmaus absetzte.
   05] Als wir aber noch so am Tische saßen, da kamen die Weiber und Kinder und andere Diener der fünf Priester, um nachzuforschen, was mit ihnen geschehen sei, da sie sich den ganzen Nachmittag nirgends hatten sehen lassen, wo ihre Angehörigen hinzukommen pflegten.
   06] Und die Weiber erhoben denn auch ganz ernste Worte, was denn nun in der Folge werden solle, da nun alles zerstört sei, was sonst zu ihrem Dienste gehörte.
   07] Die Priester aber verwiesen ihnen solche Fragen ernstlich und sagten: »Wir - und nicht ihr - waren die Priester der menschlichen alten und unverbesserlichen Blindheit und gräßlichsten Dummheit! Wir wissen nun etwas anderes und werden auch erzfest bei dem verbleiben. Haben uns aber die tüchtigen, alten und total falschen Götter ernährt und erhalten für unseren leeren Dienst, so wird uns wohl der eine und vollwahre, allmächtige Gott auch erhalten, so wir nun alle Ihm allein wahrhaft dienen! - Und nun fraget uns nichts Weiteres mehr; morgen ist auch noch ein Tag, an dem eure weibliche, alberne Neugier befriedigt werden kann!«
   08] Auch diese ganz gute und ernste Rüge der fünf Priester an ihre Familien machte eine gute Wirkung; sie schwiegen und begaben sich ganz geduldig wieder nach Hause.
   09] Hierauf ward noch so manches Gute besprochen, und die zwanzig Neujünger sagten unter sich: »Oh, wäre dieser Ort Jerusalem, welch ein seliges Leben wäre da! Aber geschähe das in Jerusalem, was alles heute hier geschehen ist, so würde das die Templer noch ärger aufregen, und keiner von uns wäre eine Stunde mehr seines Lebens sicher. Und dort sollen die Kinder Gottes wohnen, und hier sind pur finstere und lichtlose Heiden?! Höret uns auf mit den Kindern Gottes in Jerusalem! Dahier sind nun die wahren Kinder Gottes - und zu Jerusalem Kinder des Satans!«
   10] Sagte Ich: »Na, na, ereifert euch nicht zu sehr! Ihr habt wohl recht geurteilt; aber hier ist nicht der rechte Ort dazu. Darum redet lieber von etwas anderem!«


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