Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 94

Bitte des Priesters um Wiederherstellung der Götzenstatuen. Verschwinden des heiligen Sees.

   01] Und der Minervapriester, als der beherzteste und auch wissenschaftlich gebildetste, trat zu Mir hin und sagte: »Herr und Gottmensch, oder wer du auch seist, ich habe aus deinen wenigen Worten an unsere unbändigen Weiber entnommen, daß du ein guter, weiser und höchst billig denkender Mann bist, der mit sich wahrscheinlich auch ein billiges Wort wird sprechen lassen! Und da ich das als ganz sicher voraussetze, so bitte ich dich, mich gefälligst und mit einiger Geduld anzuhören. Sieh, ich weiß es, daß das, was du uns für diesen alten Heidenkram geben wirst, sicher ums unaussprechliche besser sein wird als das, was wir auch als das Allerbeste in unseren Erkenntnissphären aufzuweisen haben; aber es handelt sich hier nicht um das, sondern um ganz etwas anderes, und das ist es eigentlich auch, warum ich dich um dein geneigtes Gehör gebeten habe!
   02] Sieh, es handelt sich hier erstens um die mögliche Aufrechterhaltung der Staatsgesetze mit Hilfe von allerlei guter Lehre über das Dasein übersinnlicher Kräfte und Mächte in der Natur, die wir im allgemeinen Götter nennen! Um sie dem Volke zu versinnlichen, haben wir sie ihm in entsprechenden Bildern vor seine Augen gestellt in reinen, kunstgerechten Formen. Das Volk hat sich schon von der Wiege an daran gewöhnt und hat sich bei ihrem Anblicke stets erbaut und sicher so manche gute und fromme Betrachtung dabei angestellt. Wir Priester haben aber auch unter Hinweisung auf die erhabenen Bilder ein leichtes gehabt, dem Volke so manche gute und nützliche Lehre beizubringen, was ohne diese Bilder sicher eine viel schwierigere Aufgabe gewesen wäre.
   03] So das Volk an einem bestimmten Tage sich hier versammeln und die altgewohnten drei Gottheitsbilder nicht mehr sehen wird, so weiß ich da wahrlich nicht, wie die Geschichte ablaufen wird. Wir würden uns wohl ganz sicher sehr lebhaft und mit den glühendsten Worten mit dir ausreden und feierlichst entschuldigen; aber wo wirst du als ein fremder Reisender in derselben Zeit sein? Wir haben freilich zum größten Glücke hierortige höchst angesehene Zeugen aufzuweisen; aber es wird uns am Ende auch mit denen gegen ein wild gewordenes, gemeines Volk nicht viel gedient sein, und so hätte ich dich nur noch auf eine kurze Zeit um die dir leicht mögliche Wiederherstellung der drei Statuen der guten Sache wegen flehentlichst gebeten. Wir aber werden dennoch deine Lehre ganz und mit dem dankbarsten Gemüte annehmen und sie auch dem Volke überliefern und so die drei Gottheiten hier ganz entbehrlich machen, dessen du völlig versichert sein kannst; aber nur jetzt auf einmal und mit einem Schlage wird das schwer oder eigentlich schon gar nicht gehen!
   04] Daher wolle du, guter Gottmensch, diese meine aufrichtige Bitte gewähren, was dir sicher ein ebenso leichtes ist wie das, was du früher mit den drei Götzenbildern gemacht hast! Ich weiß wohl, daß wir dich ehedem beleidigt haben dadurch, daß wir die von dir angegebenen Sprecher ableugnen wollten, - allein wir hatten damit ja doch nichts Schlechtes und Böses im Sinne; denn wir wußten es ja nicht, wer du sein könntest. Deine Wundertat hat uns dann freilich gleich eines andern belehrt; aber da war es denn auch schon zu spät. Aber da du noch hier bist, so vergib uns unsere frühere Übereiltheit, und gewähre uns gnädigst die an dich von mir in unser aller Namen gestellte Bitte!«
   05] Sagte Ich: »Ja, was soll Ich mit euch Blinden tun? So euch die Nacht lieber ist denn der Tag des Lebens, so habt denn wieder eure toten Götzen! Aber das werdet ihr auch erleben, daß die Zeit bald hereinbrechen wird, in der das Volk hierherkommen und selbst Hand an diese Götzen legen wird, - aber auch an euch! Hättet ihr aber mit Hilfe erstens dieser bewährten Zeugen und zweitens auch mit Meiner unsichtbaren Hilfe euch an das gehalten, was Ich euch vorderhand kurz angedeutet habe, so wäret ihr gerettet; so ihr aber eure Götter alles dessen ungeachtet lieber wollt, so werden sie auch augenblicklich auf ihren alten Plätzen stehen!«
   06] Sagte der Sprecher: »Herr und Gottmensch, laß uns noch eine kleine Beredungszeit, und wir werden dir treuherzigst unseren Entschluß kundgeben!«
   07] Hier sagte der Zöllner: »Meine Lieben, da beratet euch, und kommet nachher zu mir in mein Haus, dort wollen wir die Sache ausmachen; denn hier wird es uns wahrlich schon so öde wie in einer ägyptischen Katakombe!«
   08] Damit waren die Priester einverstanden, und wir zogen weiter dahin, wo ein kleiner See war, der eine große Tiefe hatte, was bei den asiatischen Seen beinahe durchgehends der Fall ist.
   09] Als wir zu diesem See kamen, da sagte Jored: »Herr, sieh, das ist eine wahre Merkwürdigkeit in dieser unserer Gegend! Zur Nachtzeit sieht man da, besonders an den hohen Sommertagen, stets eine Menge Lichtlein über der ganzen Fläche des Wassers umherschwimmen; einige bewegen sich langsam, einige wieder schneller. Nun, die Sache da näher zu untersuchen, ist eben da wohl nicht leicht möglich, da man sich dem See wegen seiner sehr sumpfigen Ufer nicht nahen kann. Die Priester aber wissen diese Erscheinung, da dieser See noch auf ihrem heiligen Haingebiete liegt, ganz gut zu benutzen; denn wenn die Zeit, die jetzt nicht mehr ferne ist, kommt, so werden große Reden gehalten über die Ankunft der Genien aus dem Elysium, die darum erscheinen, um den Menschen Gnaden zu erteilen. Sie hätten sich darum nur diesen See erwählt, weil er der reinste auf der Welt sei.
   10] Daß der See ein ganz reines Wasser haben wird, ist leicht begreiflich denn es kann ja nichts hinkommen, was es trüben könnte -; aber mit den elysäischen Genien wird es da wohl seine sehr geweisten Wege haben! Es wäre mit der Erscheinung gar nichts so Besonderes, und sie wird auch sicher ganz natürlicher Art sein; aber die Priester, die da ganz geschickte Redner sind, wissen daraus etwas zu machen, daß man am Ende selbst - wenigstens für den Moment - ganz verblüfft wird, besonders zur Nachtzeit, wo man stets magisch erregter ist denn am Tage. Die starke Umschränkung des Sees aber hat ihr Gutes. Denn nur wenige Schritte über die gesetzten Pfeiler und die durch dieselben gezogenen Schranken wäre es niemandem mehr rätlich sich zu wagen; denn wer da einsänke, der wäre ohne alle Rettung verloren.
   11] Nun, Herr und Meister, da wäre auch so eine Erklärung notwendig, und zwar erstens: Warum muß ein so gefährlicher und eigentlich ganz nutzloser See auf dem Erdboden bestehen? Er ist mit keinen Schiffen zu befahren und hat noch nie auch nur einen Fisch zum Vorscheine gebracht. Er hat weder irgendeinen sichtlichen Zufluß und ebensowenig irgendeinen Abfluß und ist daher auch zur Bewässerung der Gegend gar nicht zu gebrauchen. Und zweitens dient er nach Deiner uns gegebenen heilig wahren Lehre nur zur Abgötterei durch seine wahrhaft magischen Lichterscheinungen, gegen die ich an und für sich nichts einzuwenden habe, aber nun in der moralischen Hinsicht sehr vieles. Denn so nun auch die drei plumpen Statuen durch Deine wunderbare, lebensmeisterliche Wunderkraft hinweggeschafft worden sind, so bleibt die Abgötterei sicher also fortbestehen wie ehedem. Wäre es Dir denn nicht auch ein ebenso leicht mögliches Ding, diesem abgöttischen See dasselbe Ende zu machen wie den drei Statuen?«
   12] Sagte Ich: »Oh, allerdings, und Ich werde es auch tun, dieweil du es aus einem guten Grunde wünschest! Aber es hat dieser See eben keine so unwichtige Bestimmung für die Erde, wie du meinst, da er mit dem inneren Organismus dieses Erdkörpers zusammenhängt und von hier aus bis zu seinem Grunde eine Tiefe von mehr denn dreihundert Stunden weiten Weges hat. Er ist ein Kühlungsaufsatz über eine gar heiße Herzader der Erde, aus welchem Grunde sein Wasser ein sehr kaltes ist.
   13] Der See hat einen unterirdischen Zufluß, aber keinen Abfluß, weil sein Überfluß von Wasser stets von der inneren Hitze verzehrt wird auf dem Wege der fortwährenden Verdampfung, die zur inneren mechanischen Belebung ebenso notwendig ist wie die Verdampfung der Speisesäfte im Menschenmagen, und so hat solch ein See freilich wohl keinen außerirdischen Nutzen, aber einen desto größeren innerirdischen.
   14] Du magst nun freilich sagen: "Ja, aber warum muß er denn gerade hier in einer sonst so fruchtbaren, schönen Ebene bestehen? Er könnte ja auch irgend woanders in einer Wüste bestehen!" Ja, da hast du gerade auch nicht ganz unrecht; aber diese Gegend war vor noch kaum zweitausend Jahren auch eine Wüste, die später in diese weiten Flächen verbannte Menschen durch den großen Fleiß ihrer Hände erst urbar und fruchtbar gemacht haben.
   15] Nun, das kann aber auch mit gar vielen Wüsten dieser Erde geschehen, in denen oft 20-30 solcher Seen vorkommen! So jene Wüsten urbar gemacht werden, so werden dann dort die Menschen sicher auch also fragen: "Ja, warum muß denn gerade da dieser oder jener gefährliche See bestehen?" Ich kann dir da nichts anderes sagen als das: Weil ein solcher zur Unterstützung des mechanischen Erdlebens höchst nötig ist, so muß er auch irgendwo auf der Erde sein, und so ist dieser einmal zufälligerweise nach der Ordnung der Weisheit Gottes hier, und mehrere Tausende sind auf eine gleiche Weise irgend woanders, und die allermeisten sind unter dem Meere und unter den Hochgebirgen.
   16] Nun, was seine zumeist im Julius-Cäsar-Monde vorkommenden Lichterscheinungen betrifft, so sind das nichts als leuchtende Insekten, die zur Nachtzeit die vom Wasser aufsteigenden leichten Dämpfe einsaugen und sich damit sättigen. Gehe nach Indien, dort wirst du noch ganz andere nächtliche Lichterscheinungen entdecken!
   17] Allein, das machte alles zusammen nichts aus, denn der See kann fest umschränkt werden, was dann seine Gefährlichkeit aufhebt, und es könnte sogar den Menschen die gewisse Lichterscheinung ganz gut und einleuchtend erklärt werden; aber weil wir diesen Priestern zulieb hier auch alles aus dem Wege räumen wollen, womit sie die Menschen ohne viele Mühe leicht betrügen und in allerlei Irrtümer noch weiter verleiten könnten, so werden wir denn auch diesen See bis auf tausend Mannshöhen tief mit fester Erde überdecken und seine notwendige Öffnung irgendwo mit einem andern großen See in Verbindung setzen, und so wird dadurch euch genützt und dem mechanischen Leben der Erde nicht geschadet sein. Und also sei es und geschehe es!«
   18] In diesem Augenblick war von keinem See irgend mehr etwas zu entdecken, sondern alles war ein festes Erdreich. Man konnte des Sees Umfang nun nur nach den noch stehengebliebenen Schranken bemessen.
   19] Daß das bei allen, die da mit waren, eine ungeheuer große Sensation erregt hat, läßt sich leicht denken. Aber als wir nun heimkehrten und uns aber noch in der Gegend des Sees befanden, da einige die Festigkeit des neuen Bodens mit ihren Füßen versuchten, da kamen auch die fünf Priester uns nach, da sie vorher schon beim Tempel gewahrten, daß wir etwa auch dem heiligen See einen Besuch machen dürften.
   20] Als sie eilenden Schrittes an Ort und Stelle anlangten, da schlugen sie die Hände über den Häuptern zusammen und schrien (die Priester): »Aber um aller Götter willen! Was ist da nun geschehen? Vorher die drei Hauptgötter weg - und nun auch ihr reinster heiliger See! Wehe uns; denn nun sind wir verloren! Es müssen hier die großen Götter irgend gar stark beleidigt worden sein, und sie ließen darum nun zu, daß ein Hauptmagier uns das angetan hat aus ihrer Kraft in ihm, mit der sie ihn werden versehen haben. Oh, wenn uns doch nur der See geblieben wäre! Oh, wer wird uns jetzt helfen und ernähren?«
   21] Sagte Ich: »Gehet nun mit zum Jored; dort werden wir das Weitere besprechen, - hier ist der Ort und die Zeit nicht dazu!«
   22] Damit waren die fünf Priester sehr zufrieden und zogen mit uns zum Jored, allwo schon ein reichliches Mittagsmahl unser harrte.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 6  |   Werke Lorbers