Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 93

Jesu Besuch des heiligen Haines und die Vernichtung der Götzenstatuen.

   01] Als wir aber die Straßen der Stadt durchzogen, da fehlte es natürlich nicht an allerlei Neugierigen, die uns von allen Seiten angafften und emsig fragten, wer wir etwa doch wären. Der Arzt, der Zöllner und seine mitgehenden Kinder, besonders der vom Tode erweckte Sohn Jorab ("Jorab" ist wohl eine Abkürzung für "Jorabe"), mußten sich von den Fragenden viel gefallen lassen, da die Menschen nicht begreifen konnten, wie dieser, der volle sieben Jahre krank war und gestern dem Verlauten nach gar gestorben sei, nun ganz gesund dahergehe. Allein die Fragenden wurden freundlich mit dem abgefertigt, daß sie in den nächsten Tagen schon alles erfahren würden, und sie gaben sich damit zufrieden.
   02] Aber am Ende einer langen Gasse begegneten uns drei Priester des Apollo, dann ein Zeus- und ein Minervapriester in ihren abenteuerlich und sehr magisch aussehenden Priesterornaten.
   03] Sie blieben vor uns stehen, und ein Apollopriester fragte uns, ob wir als Fremde etwa in den heiligen Hain, in welchem den allerersten und allerhöchsten drei Gottheiten ein Kommunetempel (Gemeindetempel) erbaut sei, gehen wollten. So das unsere Absicht wäre, da würden sie uns dahin geleiten und uns gegen Entrichtung eines kleinen Opfers zur Besänftigung der drei Götter alles zeigen, was es darin Sehenswertes und Wunderbares gebe.
   04] Da sagte der diesen fünf Priestern nur zu wohlbekannte Zöllner Jored: »Das sind meine Gäste; die werde schon ich freihalten, und so wollet uns denn den Tempel und eure Merkwürdigkeiten zeigen!«
   05] Damit waren die Priester ganz zufrieden und führten uns freundlich in den Hain, in dessen Mitte auf einem kleinen Hügel ein runder Tempel von einer ziemlichen Ausdehnung stand. Die Hälfte des Tempels war offen, und sein Dach ruhte auf zehn Säulen; die andere Hälfte aber war eine geschlossene Mauer und bildete einen festen Halbkreis. An dieser Mauer waren die marmornen Statuen der obbenannten drei Götzen angebracht. In der Mitte saß auf einem Throne der Zeus, zu seiner Rechten stand die Minerva in ihrer Kriegsrüstung und zu seiner Linken der Apollo, aber bloß mit der Leier; denn ein Apollo mit dem Sonnenwagen und mit den Pferden wäre für diese kleine Stadt zu teuer zu stehen gekommen.
   06] Als wir zum Tempel kamen, da sagte der Zeuspriester: »Wollen die Herren etwa, daß eine von den drei Gottheiten etwas reden soll, so bitte ich gefälligst, mir eine Frage gütigst anvertrauen zu wollen!«
   07] Sagte Ich: »Freund, dessen hat es für uns wahrlich keine Not; denn wir kennen als sehr erfahrene Menschen alle diese Vorkehrungen und wissen nur zu genau, auf welche Weise diese Statuen reden. Daher lassen wir das, und du erspare dir diese Mühe! Aber da heute niemand mehr hierherkommen und diese Götter um einen Rat fragen wird, so lasset die drei Sprecher hinter den Götzen frei, und sie sollen als sonst ganz ehrliche Menschen zu uns herausgehen!«
   08] Hier stutzte der Priester und sagte mit einem gewissen magisch-priesterlichen pathos: »Freund, du bist ein Fremder; daher rate ich dir freundlich, den ernsten Göttern gegenüber ja nicht zu freveln, da dir darum leicht etwas Übles begegnen könnte! Denn ich sage es dir, daß da hinter den Göttern kein Sterblicher lauert und Fragen für die Götter beantwortet.«
   09] Sagte Ich: »Dieweil du Mich nicht kennst, so vergebe Ich dir deine Lüge; aber überzeugen muß Ich dich denn doch, daß nur Ich, und nicht du, ganz das vollste Wahrheitsrecht habe! Sieh, Ich will nun, daß diese drei Götzen im Augenblicke zunichte werden und die drei armen Sprecher frei werden und zu uns hervorgehen!«
   10] Hier sagte der Priester: »Wenn du das imstande bist, dann fallen wir vor dir nieder und wollen dich als den Gott aller Götter und Menschen anbeten!«
   11] Sagte Ich: »Dessen bedarf Ich nicht, und dennoch sollt ihr eine andere Herrlichkeit der Macht des wahren Gottes, verbunden mit der Macht des Menschengeistes, dadurch kennenlernen, und Ich sage nun: Ich will es, und also sei es!«
   12] Sowie Ich das ausgesprochen hatte, da war von den drei Götzen auch keine allerleiseste Spur mehr vorhanden, und die drei in engen Nischen hockenden Sprecher waren sichtbar geworden und krochen ganz erschreckt und verblüfft aus ihren finsteren Verstecken ans helle Tageslicht hervor.
   13] Als die fünf Priester das sahen, wurden sie sehr betrübt, und einer, der unter ihnen der beherzteste war, sagte zu den andern: »Brüder, gegen die Allmacht des Willens eines Gottmenschen ist kein Schwert zu ziehen, sondern da ist es am geratensten, sich in seinen Willen zu ergeben! Wir sind nun freilich auf einmal erwerbs- und somit auch brotlos; aber was wollen wir machen? Wir aber sind diesem Amte stets mit aller Würde vorgestanden und haben durch den kleinen frommen Betrug nie jemandem geschadet, haben über die Gebühr auch nie von jemandem ein Opfer erpreßt, haben die Menschen stets über so manches belehrt und sind ihnen stets mit einem guten Beispiele vorangegangen. Und so hoffe ich mit Zuversicht, daß uns dieser wahrhaft allmächtige Gottmensch nicht ganz verstoßen wird, so wir ihn darum bitten.«
   14] Sagten die andern: »Das wäre schon alles recht; aber was wird nun das Volk, das zum größten Teile doch noch große Stücke auf unsere drei Götter hielt, dazu sagen, so es herkommen und nicht mehr finden wird seine alten, treuen Götter? Was werden wir dann zum Volke sagen?«
   15] Sagte der eine: »Auch das wollen wir diesem allmächtigen Gottmenschen anheimstellen, dann wird sich dafür wohl auch noch irgendeine gute Entschuldigung auffinden lassen, und es wird das um so leichter gehen, als nun bei dieser außerordentlichen Begebenheit unser erster Vorsteher Jored zugegen war. Es handelt sich nun vor allem nur einzig und allein darum, was wir in diesem Augenblicke machen sollen.«
   16] Sagte Ich: »Leget vor allem eure lächerlichen Kleider ab, und ziehet euch als ordentliche Menschen an! Kommet dann wieder zu uns, und wir werden dann schon noch weiter reden über diesen Punkt!«
   17] Hier gingen die fünf schnell in ihr Wohnhaus, das gleich hinter dem Tempel erbaut war, zogen sich um und kamen alsbald mit ihren Weibern und Kindern zu uns. Weiber und Kinder aber machten ein großes Gejammer, als sie den Tempel ganz leer fanden, und fragten nach Mir, der Ich ihnen ein so großes Unglück bereitet habe.
   18] Da trat Ich zu ihnen hin und sagte: »Ich bin, den ihr suchet! Wollt ihr euch denn nicht lieber mit dem Werke der Wahrheit als mit diesen Werken des Betruges und der losesten Lüge ernähren?«
   19] Da sagten die Weiber: »Das wollten wir allerdings lieber; aber wer wird uns für Werke der Wahrheit etwas geben?! Wir wissen es schon lange, daß an unseren Göttern nichts Wahres mehr haftet. Aber was nützet uns das?! Wo nehmen wir denn bessere und wahrere her? Diese unwahren haben uns doch ernährt; wie werden uns denn die wahren ernähren, die wir noch nicht haben?«
   20] Sagte Ich: Darum habt ihr Weiber euch nicht zu sorgen und zu kümmern; das werden schon eure Männer tun, wenn sie, anstatt Götzenpriester zu sein, Priester und Diener des lebendigen Wortes Gottes werden!«
   21] Sagten die Weiber: »Und wer wird ihnen solches geben?«
   22] Sagte Ich: »Auch um das habt ihr euch nicht zu kümmern! Ich aber sage nun euch albernen Weibern: Gehet mit euren Kindern nun nur fein wieder dahin, von wannen ihr gekommen seid, ansonst Ich genötigt wäre, euch dazu zu zwingen; denn ihr habt noch zu essen und zu trinken genug! Wenn ihr nichts mehr haben werdet, dann wird schon gesorgt werden, daß ihr mit euren Kindern nicht verhungern werdet! Gehet einmal hinaus auf eure Äcker, Gärten und Wiesen, und arbeitet auch ein bißchen! Das wird euch dienlicher sein als eure Götterwascherei und Göttermacherei aus Lehm und Wachs.«
   23] Hier schoben die fünf Priester ihre Weiber und Kinder zurück in ihre Wohnungen; sie selbst aber kamen bald voll Freundlichkeit zu uns zurück.


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