Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 87

Jesus über die innere Entwicklung eines Geistesmenschen.

   01] Sagte Ich: »Freund, daran liegt vorderhand wenig oder nichts! Es genügt, daß die Regeln aufgefunden sind, deren Echtheit und vollste Wahrheit du nicht in Abrede stellen kannst. Wer sie kennen und befolgen wird, der wird in sich wachrufen des Lebens Kraft und wird dann leben und wirken können aus dieser Kraft, und Ich werde ihn erwecken durch die Kraft des Geistes Meiner Worte am jüngsten Tage seiner inneren, geistigen Neugeburt.
   02] Wahrlich, wahrlich, Ich sage dir: Ich Selbst bin - nun da, wie überall - die Wahrheit und das Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre tut, der wird für sich und in sich den Tod nicht sehen in Ewigkeit!«
   03] Sagte der Zöllner: »Meister, diese deine Worte klingen sonderbar! Mir kommt es gerade also vor, als wärest du so eine Art höheren, göttlichen Wesens, zwar im Fleische und Blute der Erscheinlichkeit wegen seiend, aber im Grunde für dich dennoch ein purer Geist, der sich nach seinem Belieben mit der Materie umgeben kann, wie und wann er will. - Habe ich recht oder nicht recht geurteilt?«
   04] Sagte Ich: »So und so, es liegt etwas daran! Aber was da eben daran liegt, das fassest du nicht. Was du aber zu fassen meinst, das ist es nicht! Denn Ich kann nun ebensowenig aus diesem Meinem Leibe treten wie du; will Ich als Geist aber hinaustreten, so muß dieser Leib zuvor getötet werden. Aber der Geist, der nun vollwach in Mir lebt und wirkt, kann ewig nicht getötet werden, sondern wird ewig fortleben und - wirken.
   05] Du hast doch schon sicher oftmals die Schöpfung betrachtet in ihrem Sein und Wirken, und es kann dir nicht entgangen sein, daß darin eine gewisse Ordnung besteht, und daß die Formen eine Beständigkeit in sich nach allen Richtungen hin haben, aus der du stets leicht erkennen kannst, was dies oder jenes für ein Ding ist. Also erkennst du auch, welche Wirkung eines und das andere hervorbringt, und wozu es nach der erkannten Wirkung gut und also zu gebrauchen ist.
   06] Wenn aber die ganze Schöpfung nach eurer neuen Weltweisheit nur ein Werk des blinden Zufalls wäre, würden da die Dinge in der Natur auch die gegenwärtige Seinsbeständigkeit nach allen Richtungen hin beibehalten? O mitnichten! Sieh, der Wind ist so eine mehr blinde Macht, obwohl nur zum Teile! Hast du schon je wann gesehen, daß er irgendeine bestimmte Form, die eine Beständigkeit hätte, allwo hervorgebracht hat? Er wühlt wohl den Staub auf und trägt ihn in losen Wolkenformen durch die Luft, wo sich die Formen in jedem Augenblicke verändern und nimmer als ganz dieselben je wieder zum Vorscheine kommen. Kannst du dir die Gestalt einer Wolke derart merken, daß du etwa nach ein paar Tagen sagen könntest: "Siehe, das ist ebendieselbe Wolke, die ich schon vor ein paar Tagen gesehen habe!"?! Oder kannst du am Meer irgend von einer Woge ein gleiches behaupten?!
   07] Aus dem aber kannst du nun ganz leicht ersehen, daß eine blinde Kraft nie auch nur ein Moospflänzchen, das in derselben und ganz gleichen Form stets viele Jahrtausende hindurch wiederkehrt, hervorgebracht hat.
   08] Wenn aber also, leuchtet da einem besseren Menschenverstande nicht von selbst ein, daß alles Werden, Sein und Bestehen, worin erstens eine bestimmte, unwandelbare Form, Beschaffenheit, Eigenschaft, Nutzwirkung und Endzweck gar absonderlich wohl und bestimmt zu erkennen sind, von einer solchen Kraft hervorgebracht werden muß, die eine unbegrenzte und unwandelbare, wennschon allumfassende Einsicht und Weisheit besitzt, ohne die du nie einen bestimmt geformten Gegenstand, sei es ein Stein, ein Metall, eine Pflanze oder ein Tier, je zu Gesichte bekämest?! Solch eine Kraft muß sicher eine einheitliche und ihrer selbst gar sehr wohlbewußte sein, weil ohne sie nichts eine bestimmte und in sich einheitliche Form annehmen könnte.
   09] Und nun zweitens: Da du eine solche Kraft notwendig annehmen mußt, die als Ursein in sich allem Sein zugrunde liegt, so muß denn diese Grundurkraft ja doch auch einen entsprechenden Namen haben, durch den sie sich anfänglich in der Erinnerung und im Gedächtnisse der Menschen, die dazu da sind, diese Kraft zu erkennen, erhalten kann. Wer wird aber je nach der näheren Erkenntnis einer Sache fragen, von der er nicht einmal den Namen jemals gehört hat?! Wir wollen diese Urkraft allgemein einmal "Gott" nennen. Haben wir aber nun einmal einen Gott, so werden wir weiter fragen und sagen: "Wo ist denn dieser Gott, und wie sieht Er aus? Wie erschafft Er die Dinge, wie bringt Er als ein purster Geist die grobe Materie aus Sich zum Vorscheine?"
   10] Und sich, wenn ein Mensch einmal also zu fragen beginnt, dann ist er schon auf einem besseren Wege! Er wird allen Geschöpfen eine höhere Aufmerksamkeit widmen und in ihnen forschen, wieviel von der göttlichen Urweisheit sich darin vorfinden möchte. Und je länger er also prüfen wird, desto mehr der göttlichen Weisheit und Ordnung wird er auch leicht und bald darin finden.
   11] Hat er die gefunden, so wird er in seinem Herzen auch bald eine Anregung von Liebe zu Gott wahrnehmen und aus solcher Liebe stets mehr und mehr innewerden, daß Gott in Sich Selbst von der mächtigsten Liebe erfüllt sein muß, damit Er eine so große Lust und Freude hat, eine unzählige Menge von Dingen und Wesen, die nicht nur Zeugen von Seinem Dasein, sondern vielmehr noch Zeugen von Seiner Weisheit, Macht und Liebe sind, so wunderbar weise zu erschaffen.
   12] Wenn der Mensch in solchen Betrachtungen und Innewerdungen wächst und zunimmt, da nimmt er offenbar auch in der Liebe zu Gott zu und nähert sich Demselben mehr und mehr; je größer und gediegener aber solche Annäherungen eines Menschen zu Gott hin werden, desto mehr des Geistes Gottes sammelt sich auch in seinem Herzen, in welchem dadurch der eigene Geist genährt und stets mehr und mehr erweckt wird zur wahren Erkenntnis des eigenen inneren Lebens und seiner Kraft, im Vereine mit der Kraft des göttlichen Geistes in ihm.
   13] Hat ein Mensch es einmal dahin gebracht, so ist er schon in der Lebensmeisterschaft, und es geht ihm da nur noch die völlige Einung mit dem göttlichen Liebe- und Willensgeiste ab. Bewerkstelligt er auch das, dann ist er ein ganz vollkommener Lebensmeister und kann alles das bewirken, was Ich nun bewirke und auch Größeres noch.«


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