Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 274

Von den Essäern und ihren Scheinwundern.

01] Sagte der Wirt: »Ich möchte Dich wohl um noch etwas fragen; aber Du dürftest mir darum nicht gram werden!«
02] Sagte Ich: »Frage, um was du willst!«
03] Sagte der Wirt: »Nun gut denn! Sieh, als ich im Tempel noch ein Levite war, da trug es sich einmal bei einer Mission wegen eines Zehentrückstandes zu, daß ich da mit etlichen Essäern zusammenkam! Diese waren sehr freundlich und erzählten mir mit der größten Wahrheitsversicherung, daß in ihrem Tempel, größer als jener zu Jerusalem, die größten Wunderwerke verrichtet werden.
04] Da werden alle Kranken geheilt, ja sogar die Verstorbenen wieder ins Leben zurückgerufen. Sogar die Elemente und Kräfte der gesamten Natur haben sie in ihrer vollen Gewalt, und Sonne, Mond und alle die Sterne müssen sich fügen ihrem Willen, und so erscheine in und bei ihnen der Mensch erst als ein wahrer Herr der Natur, so, wie es einst der Urvater Adam war, bevor er gesündigt hatte. Bei ihnen müssen sogar die Bäume, das Gras, die Steine, das Wasser, die Luft und alle Kreaturen reden und ihnen das Zeugnis der vollsten Wahrheit gehen, und wenn ich solches nicht glauben könne, da solle ich nur mit ihnen gehen und mich selbst von allem dem persönlich überzeugen.
05] Nun, mein dem Tempel dienliches Geschäft hatte eben keine Eile; denn was man bei uns in einer Woche nicht verrichten kann, das kann man ganz bequem in der dritten Woche auch ohne irgendeinen Anstand zustande bringen. Ich hatte sonach Zeit und folgte der sehr freundlichen Einladung der beiden Essäer. Wir kamen mit Hilfe von drei schnellfüßigen Kamelen, die die beiden bei sich hatten, bald an Ort und Stelle an, weil mein Zehenteinhebungsgeschäft ohnehin nicht ferne von der Essäer Besitzung zu verrichten war.
06] Ich ward von den beiden bald ihrem Obersten, einem äußerst freundlichen Manne, vorgestellt, der mich mit vieler Liebe empfing und es mir an nichts abgehen ließ. Seine Bewirtung ließ wahrlich nichts zu wünschen übrig! Ich hielt mich da bei acht Tage lang auf und überzeugte mich von allem dem, was mir die beiden vorher angezeigt hatten, selbst der vollsten Wahrheit nach. Oft dachte ich daran und wäre selbst gerne zu ihnen übergegangen; aber ich ward nicht angenommen meiner Jugend wegen, was mir wahrlich sehr leid tat.
07] Nun, da möchte ich nun von Dir erfahren, was denn Du von dieser Anstalt sagst. Denn ihre Wundertaten sind ganz den Deinen ähnlich, so daß ich geheim nun immer der Meinung war, daß Du vielleicht auch ein Essäer seist. Denn auch sie sagten mir, daß aus ihnen der Weltmessias hervorgehen werde. Kläre mich darin mehr auf!«
08] Sagte Ich: »Lasset euch von den Essäern nicht berücken; denn ihre Worte sind Lügen, ihre Taten Betrug, und ihre Freundschaft ist die purste Heuchelei! Bei ihnen heiligt der Zweck das Mittel, durch das er erreicht wird; sei dieses an und für sich noch so elend und schlecht, so werde es dadurch gut und geheiligt, wenn für die Menschheit nur ein guter Zweck erreicht werde. Sie tun den Menschen natürlich nur fürs Geld viel Irdisch-Gutes; aber das Gute ist kein Gutes, weil es ein purster Betrug ist.
09] Denn käme ein Mensch, was denn doch eben in einer aufgeklärten Zeit nichts Unmögliches wäre, irgend erwiesen schon hier in diesem Leben dahinter, so wäre er dann doppelt unglücklich - einmal, weil er um viel Geld auf das schmählichste hintergangen worden ist, und zum zweiten Male, daß er dazu noch schweigen müßte, auf daß ihm nicht ein ärgeres Übel zugefügt würde.
10] Denn diese so gepriesenen und von allen Weltgegenden überaus gesuchten Essäer haben allenthalben eine große Menge Spione, die unter allerlei menschlichen Charakteren sich in vielen Ländern umhertreiben. Durch diese erfahren die Hauptleiter und Vorstände der großen Anstalt alles, was irgendwo etwa Besonderes ist und geschieht. Und so ist es gar nicht ratsam, irgendwo gegen sie zu Felde zu ziehen, weil sie das sicher bald erfahren und Rache nehmen würden an ihrem Widersacher.
11] Damit sei du, Barnabe, ganz zufrieden; ein Weiteres darüber werden dir eben auch Meine Jünger kundtun. Es ist sogar einer unter Meinen Jüngern, der noch vor kurzem ein Hauptessäer war; der wird dir ihre Wundertaten am besten beschreiben, und du wirst dann sehr staunen über deine damalige Blindheit.
12] Für jetzt aber wollen wir uns noch ein wenig ins Freie begeben und draußen uns ein wenig erheitern an der Betrachtung des heute sehr sternreichen Himmels!«
13] Das war allen recht, und wir erhoben uns von den Bänken und Tischen und waren bald darauf im Freien.


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