Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 270

Der Salzfelsen. Das wundervolle und gesegnete Abendmahl.

01] Als wir wieder im Tale vor der Wandkluft standen, da legten alle Merkzeichen von dort bis zu den nächsten Häusern, auf daß sie für die künftigen Fälle diesen Ausweg wiederfinden möchten. Wir gingen nun ganz entgegengesetzt bis zu dem fernen Nachbar, der sein Haus auf einem recht hohen Hügel hatte und von den anderen Häusern bei einer halben Stunde Weges entfernt war.
02] Allda angelangt, sagte Ich zum Besitzer dieses Hauses: »Siehe, gerade in der Richtung, wo nun bald die Sonne untergehen wird, ersiehst du in geringer Ferne von hier eine weiße Felswand von einer bedeutenden Ausdehnung; sieh, das ist pur Salz, und ihr alle könnet es gleich ohne alle vorhergehende Reinigung gebrauchen! Nur etwas weniger müsset ihr zu euren Speisen nehmen; denn dieses Salz ist kräftiger als das Nahimer, obgleich auch das Nahimer Salz - aber freilich schon sehr in der Tiefe - von diesem Stocke gewonnen wird. Wer von euch dahin gehen will, der gehe und bringe eins herüber!«
03] Der Besitzer dieses Hauses erbot sich gleich, dahin zu eilen, da es nur kaum einer Viertelstunde Weges bedurfte, um mit geläufigen Füßen dahin zu gelangen. Er nahm eine Schaufel und ein Gefäß mit, löste leicht mehrere Stücke von der Wand ab, füllte damit das Gefäß und brachte es ebensobald zu uns herüber. Alle versuchten das Salz und fanden es überaus vortrefflich. Darauf ward Mir wieder gedankt. Ich segnete dieses hochgelegene Haus, und wir begaben uns darauf alle auf den Rückweg; auch der ferne Nachbar ging mit uns und nahm sogar sein Weib und etliche erwachsene Kinder mit.
04] Als wir wieder beim Hause Barnabes ankamen, da erwartete uns schon die ganze Einwohnerschaft des Ortes und wünschte sich laut Glück, Mich wiederzusehen und unter sich zu haben.
05] Und der Nachbar, den Ich am Mittage von dem Natternbiß geheilt hatte, schrie laut auf: »Hosianna in dieser Höhe Dem, der zu uns gekommen ist! Dahier ist nun das wahre, neue Jerusalem, von dem schon ein Prophet geweissagt hat; das alte und schlechte aber wird in Kürze zugrunde gehen!«
06] Diesem Spruche ahmten alle nach, und zwar mit einer solchen Begeisterung und Stimmenkraft, daß solche von den vielen weiten und hohen Felswänden in tausend Echos widerhallte. Die Bewohner, denen solch ein Naturspiel noch fremd war, meinten, Ich müsse schon darum ein höchster Geistmensch sein, weil nun sogar die Luft- und die Berggeister in ihr Lob eingestimmt hätten.
07] Doch Ich Selbst erklärte ihnen solch eine Erscheinung, und sie nahmen auch solche Meine Erklärung dankbar auf, versuchten aber ihre kräftigen Stimmen noch einmal und bekamen die gleiche Rückwirkung auch ohne das Hosianna.
08] Und sie glaubten darauf alle und sagten: »Du bist ein allein Wahrhaftiger; denn ein Templer hätte uns nun schon gesteinigt, so wir es nicht geglaubt hätten, daß dies ganz wahrhaftige Berg- und Luftgeister gewesen wären!«
09] Ich aber sagte zum Wirte, daß er sich nun umschauen solle, wie alle diese vielen Gäste, bei zweihundert an der Zahl, mit einem Abendmahle versorgt würden.
10] Der Wirt aber sagte: »Herr, was und wieviel ich habe, soll hergerichtet und hergegeben werden; nur befürchte ich, daß es kaum für alle auslangen wird!«
11] Ich aber sagte: »So gehe hinein und sieh nach!«
12] Und der Wirt ging hinein und sah nach und fand alle seine Speisekammern voll mit Brot, Wein, Milch, Honig und frischen Fischen und noch einer großen Menge des feinsten Mehles für Semmeln und andere Speisen.
13] Da kam er alsbald zurück, schlug sich auf die Brust und sagte: »Oh, das geht nun schon über alle die Maßen! Ich weiß genau, was sich früher in meinen Speisekammern vorfand; sie waren nur spärlich für meinen Hausbedarf gefüllt, und nun strotzen sie vom höchsten Überflusse! Das warst schon wieder Du, o Herr! Ja, jetzt kann für Tausende gekocht werden, nicht nur für die Zweihundert! Aber wo nun so viele Köche hernehmen? Die lieben Nachbarn müssen heute schon alle Hand uns Werk legen; denn meine Leutchen würden damit bis morgen nicht fertig!«
14] Als die Weiber und Töchter der Nachbarn das vernehmen, da eilten sie schnell in die große Küche und machten sich an ihr Werk, und so ward ein großes Mahl in einer Stunde fertig.
15] Das Mahl war jetzt zwar fertig; aber da kam ein ganz anderer Umstand zum Vorscheine. Der Wirt hatte nun viel zuwenig Tische und Bänke, und seine Zimmer waren für zweihundert Gäste auch zu klein. Kurz und gut, es fehlte ihm an allem für solch ein Vorkommnis. Er trat daher zu Mir hin und bat Mich um einen Rat, was da zu machen wäre.
16] Sagte Ich: »Ja, du Mein Freund Barnabe, auf einem natürlichen Wege wird da nicht viel zu machen sein! Wenn es nicht so kühl wäre hier auf dieser Höhe, da könnten wir uns hier im Freien niederlassen; aber es werden nun die Abende schon sehr kühl und finster, und so tut es sich im Freien wohl nicht mehr. Es haben in einem Schafstalle freilich wohl viele friedliche Schafe Platz; aber da es dir auch an Bänken und Tischen fehlt, so ist die Sache dennoch etwas schwer. Auch mit der Beleuchtung wird es in deinem Hause sicher ein wenig spärlich aussehen! Das ist Mir bekannt. Aber wir werden dennoch Mittel treffen, durch die wir alle recht gut untergebracht werden. Sieh du im Hause nach, wie es mit den Tischen und Bänken aussieht, und komme dann und sage es Mir!«
17] Hier ging der Wirt ins Haus, besah nun alles und kam bald voll Verwunderung zurück. Ich fragte ihn, wie es aussehe.
18] Und Barnabe erwiderte wieder voll Verwunderung: »O Herr, Du Allgütiger, nun erst sehe ich es überaus klar ein, daß Dir gar kein Ding unmöglich ist! Die Zimmer nach rückwärts sind mehr denn um die Hälfte erweitert, und Tische und Bänke gibt es mehr denn zur Genüge, und auch an den schönsten Lichtern hat es keinen Mangel. Auf allen Tischen stehen schon die Speisen bereit und harren unser, und so meine ich armer Sünder, daß wir uns nun in die Zimmer begeben sollten und einnehmen das wunderbare Abendmahl.«
19] Sagte Ich: »Ja, das tun wir nun, und so folget Mir alle; denn an euch habe Ich eine gute Ernte gemacht!«
20] Hierauf ging Ich voran, und alles folgte Mir. In wenigen Augenblicken saßen alle in bester Ordnung an den Tischen.
21] Bevor aber einer einen Bissen in den Mund führte, erhob sich der Wirt und sprach: »Höret mich, meine lieben Nachbarn alle! Dieses Mahl ist ein wahres Gottesmahl im Paradiese, das verlorenging durch die Schuld der Menschen. Der große, heilige Gott und Herr hat es uns Selbst wiedergebracht. Er sitzt, o Wunder aller Wunder, nun leibhaftig in unserer Mitte und hat uns Selbst dieses wahre paradiesische Mahl bereitet! Dieses Mahl ist daher ein höchst gesegnetes und heiliges. Wir aber sind sündige Menschen - und möchten nun aber doch dieses Mahl genießen als Unwürdige. Bitten wir daher zuvor alle den Herrn, daß Er uns vergeben möchte unsere Sünden und uns dann für nur ein wenig würdiger halten, mit Ihm zu genießen dies heilige Mahl! Erhebet euch und sprechet mit mir: O Herr, Du Wunderbarer! Vergib uns unsere Sünden, auf daß wir würdiger werden, mit Dir zu Tische zu sitzen!«
22] Hierauf sagte Ich: »Ich bin ein Arzt und komme, um da zu heilen die Kranken. Ein Sünder aber ist auch ein Kranker, und so waret denn auch ihr krank an Seele und Leib. Und Ich habe euch darum aufgesucht und völlig geheilt, und ihr seid darum nun keine Sünder mehr; darum setzet euch wohlgemut zu Tische, und esset und trinket nach Herzenslust! Deine Worte, du Mein Barnabe, aber haben Mir eine rechte Freude gemacht, und ihr alle sollet darum noch mehr denn bis jetzt an Mir der Herrlichkeit Gottes gewahr werden! Und nun esset!«
23] Hierauf setzten sich alle, dankten Mir und fingen an, mit einer wahren Herzenslust zu essen und zu trinken; und Ich und die Jünger taten dasselbe. Während des Essens und Trinkens aber wurde wenig geredet; nur nach Beendung des Mahles erhoben sich alle die Nachbargäste, legten ihre Hände auf die Brust und dankten Mir laut für dies paradiesisch gute Abendmahl. Als sie aber mit ihrem Danke zu Ende waren, da wollten sie nach Hause gehen; Ich aber bedeutete ihnen, daß sie noch eine Zeitlang verweilen und sich ein wenig besprechen sollten über dieses vergangenen Sabbates Begebenheiten.


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