Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 229

Die beiden Pole des Daseins.

01] (Der Herr:) »Du, Epiphan, dachtest dir wohl, daß auch eine aus mehreren Einzelgedanken zusammengestellte Idee schon ein begriffsartiges Bild sein und daher wohl auch dem Gegenpole angehören kann, ja, sogar ein einzelner für und in sich dastehender, ganz ausgeprägter Gedanke! Da hast du ganz recht; wenn so, da ist aber der also fixierte Gedanke und desgleichen eine solche Idee eben keine eigentliche Idee mehr, sondern schon ein für sich dastehender Einzelbegriff, weil er der Seele gegenüber als ein wohlgeformtes Bild oder als eine schon geordnete Handlung dasteht und daher den Gegenpol zum Pole des Lebens ausmacht.
02] Im ersten (positiven) Pole ist Leben, Tätigkeit und Freiheit, im zweiten (negativen) oder Gegenpole der Tod, die Trägheit und das Gericht; und seht, darin besteht dann auch die Hölle, der Satan und die Teufel, - also entsprechende Bezeichnungen eben dessen, was Ich nun als Gegenpol bezeichnete!
03] Seht, die ganze Schöpfung und alles, was ihr mit euren Sinnen nur immer wahrnehmet, sind fixierte Gedanken, Ideen und Begriffe Gottes, - auch ihr Menschen eurem sinnlichen Leibe nach; und inwieweit die Seele mit dem Leibe durch seinen Nerven- und Blutäther verbunden ist, ist auch sie im Gerichte und somit im Tode desselben haftend, von dem sie sich aber dadurch, daß sie durch ihren freien Willen nach den Gesetzen Gottes dem rein Geistigen nachstrebt, befreien und ganz eins werden kann mit ihrem Geiste aus Gott, wodurch sie sonach als selbsttätig und selbständig von ihrem alten Tode in das freie, ewige Leben übergegangen ist.
04] Nun merket aber etwas gar Wichtiges! - Erkenntnis und Liebe bestimmen den ganzen Menschen zu irgendeiner guten oder auch schlechten Tätigkeit. Ist das Erkennen ein geistiges und zu Gott hinlenkendes, so wird die Liebe auch zu dem Geistigen und sonach zu Gott sich hinneigen und auch also tätig werden, und diese Tätigkeit ist eine gute, und ihre Folgen sind der Segen aus den Himmeln des Lebens.
05] Wird aber ein Mensch schon von der Wege an mit nichts anderem in seinem Erkennen bereichert als mit solchem nur, was dem Leibe dient, so wird auch seine Liebe ganz der Materie sich zuwenden und bald über Hals und Kopf danach tätig werden, um sich desto mehr materielle Schätze zu sammeln und durch sie dem Fleische desto mehr Annehmlichkeiten zu bereiten. Bei dieser Gelegenheit geht dann die Seele ganz in die Materie, als in den Gegenpol des freiesten Gottesgeistes, über und bildet also mit dem Gegenpole, als vom selben gefangen, eben auch den Gegenpol. Die notwendige Folge davon ist das Gericht in und durch sich selbst, der Fluch vom Leben in den Tod und also gewisserart der ewige Tod selbst. Und wer schuldet daran - als eben der Mensch selbst, der sich aus seinem Erkennen, Lieben, Wollen und Tun selbst das angetan hat!
06] Merket euch das! Wo ihr mit Menschen reden werdet, da forschet, ob sie nichts wissen von der Seele in sich und nichts vom ewigen Leben derselben! Wenn sie mit den Achseln zu zucken anfangen und gewisserart nur so mitleidig sagen: 'Ja, davon reden haben wir wohl schon zu öfteren Malen gehört; daß aber daran blutwenig oder wohl am gewissesten keine wahre Silbe hängt, das lehrt die tagtägliche Erfahrung, - was darüber ist, ist nichts als eine hohle Schwärmerei von gewissen arbeitsscheuen Hungerleidern!', da könnet ihr mit Sicherheit den Schluß ziehen, daß solcher Menschen Seelen von ihrer Fleischmaterie schon so gut wie ganz aufgezehrt sind und sich samt und sämtlich schon im Gerichte befinden.
07] Da wird es viel kosten, sie wieder aus ihrem Gerichte und ihrer gegenpolischen Gefangenschaft zu erlösen, - diesseits schon sehr schwer und jenseits noch schwerer, obschon gerade nicht unmöglich. Aber dazu wird eine sehr lange Abödung in ihrem eigenen Gerichte und Tode nötig sein, bis das immerhin noch ein bißchen Geistige der Seele das eigene oft weltengroße Materielle in sich ganz aufgezehrt hat und endlich durch den Hunger genötigt wird, nach einer geistigen Nahrung eine große Sehnsucht zu empfinden. Das wird wohl allzeit werden, aber nach einer für euch undenklich langen Zeitenfolge.«


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