Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 219

Epiphans Mut.

01] Sagt Epiphan: »Oh, das ist die allervollkommenste Wahrheit und ist mir ganz klar auch ohne irgendeine weitere Erläuterung! Angenommen, ich oder ein anderer wollte sich ein neues Wohnhaus aufrichten. Er zieht darüber einen Baukundigen zu Rate, daß er ihm erkläre mit Wirt und Bild, wie er als Bauunternehmer sein Haus erbauen solle. Der Bauunternehmer tut aber hernach nicht nach dem Rate des verständigen Baumeisters, sondern weil ihm das zu mühsam und zu zeitraubend vorkommt, so fügt er lieber selbst Steine und Balken ohne alle Verbindung zusammen, verfügt sich dann in seine neue Wohnung und wohnt, keine Gefahr ahnend, eine kurze Zeit ganz behaglich darin. Alsdann kommt aber ein großer Sturm zur Nachtzeit und stößt an des Hauses lockere Wände, und diese stürzen alsbald zusammen und erschlagen den Eigentümer und zugleich Baumeister. - Was hat dieser nun dabei gewonnen, da er sich nicht nach dem Rate des verständigen Baumeisters richten wollte?!
02] Und so, meine ich, ist fast der ganz gleiche Fall zwischen Dir und uns blinden und nichts wissenden Menschen. Du bist offenbar derjenige Baumeister, der die Welt, das ganze All und auch den Menschen, wie er ist, geistig und materiell gewisserart aufgebaut hat und somit auch am besten wissen muß, was demselben frommt, und was er als ein vernünftiges, denkendes, selbsturteilendes und sich selbst bestimmendes Wesen zu tun und zu unterlassen hat. Und so Du ihm, dem Menschen, denn nun durch Worte und Taten zeigst, daß Du unwiderruflich Derselbe bist, dem er sein Dasein verdankt, und ihm ferner zeigst, was er zu tun hat, um das zu erreichen, für was Du ihn erschaffen hast, so ist der blinde und dumme Mensch dann nur selbst schuld, so er sich aus irgend nichtigen, materiellen Gründen das ewige Leben verwirkt und dafür den Tod überkommt. Und so meine ich, daß ein jeder Mensch, der von Dir Selbst einmal belehrt ward und Dich als Den erkannt hat, der Du bist, unmöglich mehr unterlassen kann, mit aller Liebe und Freude allergenauest also zu leben und zu handeln, wie Du ihm befohlen hast.
03] Wohl möchten bei der nun sehr argen, total blinden und über alle Grenzen selbstsüchtigen, stolzen und herrschsüchtigen Menschenwelt sich so manche Hindernisse und Schwierigkeiten dem Befolger Deiner Lehre entgegenstellen, da es der argen Menschengeister um gar sehr viel mehr gibt als der guten; aber so man einmal weiß, was man an Deiner Lehre hat, und was man durch ihre Befolgung zu gewärtigen hat, da mögen sich die Berge dagegenstemmen und alle Stürme dagegenwüten, so wird man ihnen dennoch allen mit dem beharrlichsten Mute von der Welt Trotz bieten können. Denn verteidigt sich der von Feinden überfallene Wanderer doch nicht selten mit einem Löwenmute, um nicht zu verlieren dies kurze und ohnehin ehest vergängliche Leben, an dessen Verluste wahrlich ohnehin nicht gar zuviel gelegen ist, - warum dann nicht mit einem wahren Tausendlöwenmute sich verteidigen gegen Feinde, die dem durch dies Leben wandernden Menschen das ewige Leben zu nehmen drohen?! Ich meine, daß ich in dieser Hinsicht ganz der rechten Ansicht bin.
04] Ja, Menschen, die an dieser eitlen Welt hängen, ihr ganzes Heil im Kote dieser Erde suchen und von Deiner Lehre nicht mir gleich durchdrungen sind und ihren Lebenswert nicht einsehen und begreifen mögen, wollen oder können, die werden bei Gefahren freilich allen Mut verlieren und bald wieder in den alten Kot zurücksinken; aber Menschen wie unsereiner werden sich so leicht nicht ins Bockshorn treiben lassen.
05] Ich sage es Dir, o Herr und Meister: Wer keine Furcht vor dem Leibestode hat, für den dürften die Kaiser und Könige schwer Gesetze zu machen haben! Laß nun die ganze Erde in Trümmer gehen, und ich werde nicht erschrecken vor dem sicheren Untergange meines Leibes: denn ich weiß ja nun aus Deinen Worten, daß meine Seele mit Deinem Lebensgeiste in ihr nicht zugrunde gehen wird! Unter dieser Zuversicht mögen denn Feinde kommen, woher und wieviel ihrer wollen, und sie werden mir, dem Aziona und dem Hiram wahrlich keinen Schreck bereiten; ihr Veto wird unangehört und ihre Drohung unbeachtet bleiben. - Und nun sage uns Du, o Herr und Meister des Lebens, ob ich recht habe oder nicht!«
06] Sage Ich: »Ganz vollkommen recht hast du, und das um so mehr, weil du auch im Notfalle dich also verhalten würdest, gleichwie auch ihr alle in diesem Orte. Aber da wir nun schon also im Vertrauen beisammen sind und uns gegenseitig wohl haben kennen gelernt, Mir aber sicher sehr daran liegt, daß ihr bei allerlei Vorkommnissen und Versuchungen nicht wankend werdet, so muß Ich euch nun schon auch mit noch so mancherlei bekannt machen. Und so höret Mich!«


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