Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel

Die Notwendigkeit des wahren, lichten Glaubens.

01] Sage Ich: »Mein lieber Epiphan, wenn Ich darüber dem Aziona und Hiram nicht schon die hellsten und klarsten Antworten und Lehren gegeben hätte, so möchte Ich deinem ganz gerechten Verlangen sogleich willfahren; aber so habe Ich das bereits getan, und die beiden wissen es genau, woran sie mit Mir sind. Sie werden es euch schon auf eine ebenso einleuchtende Weise kundtun, wie Ich es ihnen kundgetan habe, und dann brauchet ihr nur danach zu leben, und euer Geist selbst wird euch dann alles offenbaren, was ihr auf dem gerechten Wege zu wissen notwendig habt.
02] Aber ganz verwerfen müsset ihr den Glauben nicht; ohne den würdet ihr viel mühsamer zum Ziele gelangen.
03] Es gibt aber, wohl von selbst verständlich, einen zweifachen Glauben; der wahre Lichtglaube besteht vor allem aber darin, daß man einem wahrhaftigen und tieferfahrenen Menschen sich ohne welche Zweifel anvertraut im Gemüte und das von ihm Gesagte dann auch als eine volle Wahrheit annimmt, wenn man dessen Tiefen auch nicht auf den ersten Moment überklar einsieht.
04] Denn sieh, wer die höhere Rechenkunde erlernen will, der muß im Anfange seines Erlernens einmal alles glauben; erst nach und nach, wenn er schon so recht in den Wert der Zahlen und Größen eingedrungen ist, fängt ein Beweis um den andern an, ihm so recht hell und klar zu werden. Und sieh, also ist es auch hier!
05] Wenn dir ein überaus wahrhaftiger Mensch etwas aus dem Bereiche seiner Erfahrungen mitgeteilt hat, so kannst du das Vernommene anfänglich nur allein glauben, aber nach dem Glauben auch gleich auf die angezeigte Art tätig werden, und du wirst dann aus der Tätigkeit in jenes Licht selbsterfahrlich eindringen, das dir nie durch eine noch so geordnete mündliche Erörterung hätte erschaulich werden können.
06] Es könnte sich jemand wohl die größte Mühe und Geduld nehmen und dir zum Beispiel die Stadt Rom beschreiben vom Kleinsten bis zum Größten, so würdest du dir dennoch nie von jener großen Weltstadt einen ganz anschaulich wahren Begriff zu machen imstande sein. Aber du hast den Worten des Erzählers einen vollen Glauben geschenkt, sie Erweckten in dir einen gar mächtigen Trieb, Rom persönlich zu sehen, und du suchtest nun mit allem Fleiße und Eifer eine Gelegenheit, nach Rom zu kommen. Die Gelegenheit ergab sich bald, du kamst nach Rom und stauntest nun ganz über die Stadt, sie zwar übereinstimmend mit der dir gemachten Beschreibung gefunden zu haben, - aber wie ganz anders als wie du es dir nach deiner Phantasie ausgemalt hattest, sah hernach das wirkliche Rom aus!
07] Aber hatte der Glaube an die dir früher gemachte getreue Beschreibung Roms bei der nachherigen wirklichen Anschauung dieser Stadt geschadet oder genützt? Offenbar nur überaus genützt! Denn fürs erste würdest du ohne solch eine vorhergehende Beschreibung wohl kaum je den Sinn, Rom zu besuchen, in dir haben wach werden lassen; und wärest du schon so etwa einmal ohne alle Vorkenntnis in diese große Stadt gekommen, so wärest du darin wie ein Blinder umhergegangen, hättest dich kaum jemanden zu fragen getraut, was etwa dieses und jenes sei, und hättest aus lauter Furcht und Langweile nur getrachtet, so schnell wie möglich diese Weltstadt hinter dem Rücken zu haben. Hättest du aber der getreuen Beschreibung gar keinen Glauben geschenkt, nun, da wäre sie ohnehin so gut wie gar keine gewesen, und ein halber Glaube ist um nicht viel besser als gar keiner; denn er belebt niemanden zur wahren und lebendigen Tat.
08] Und so siehst du, daß man beim Anhören einer neuen Lehre den Glauben wenigstens anfangs nicht missen darf. Man kann die Lehren und ihre Gründe wohl sehr prüfen, - aber es gehört dazu, daß man sie zuvor auf Grund der Autorität der Wahrhaftigkeit des Lehrers als Wahrheiten hohen Wertes angenommen hat, auch ohne sogleiches Verständnis bis auf den Grund; denn dieses kommt erst mit der Erfüllung dessen, was die Lehre als Bedingung in sich selbst aufgestellt hat. Kommt es nicht zum Vorschein, da erst könnte man achselzuckend sagen: "Entweder war die Lehre aus der Luft gegriffen, oder die gestellten Bedingungen sind von mir noch nicht völlig erfüllt worden!" Da ist es Zeit, sich mit dem Meister erst näher zu besprechen und Erkundigungen einzuholen, ob die getreue Beachtung der Grundsätze der neuen Lehre auch bei niemand anderm eine gehoffte Wirkung hervorgebracht hat.
09] Hat sie bei einem andern aber doch gewirkt, nur bei dir nicht, so läge die Schuld doch offenbar auch nur an dir, und du hättest dann so manches Versäumte und Unterlassene emsigst nachzuholen, um auch ebendasselbe zu erreichen, was dein Nachbar erreicht hat. Hätte aber durch eine noch so strenge Beachtung der durch die neue Lehre auferlegten Pflichten gar niemand etwas erreicht, nun, so wäre dann erst Zeit, solch einer falschen Lehre den Rücken zuzuwenden.«


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