Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 209

Aziona und Hiram im Gespräch mit ihren Nachbarn.

01] Aziona aber kam wieder zu den Nachbarn, die sich unterdessen zum größten Teile schon auf den Rasen gelagert hatten. Hiram fragte ihn, ob das Mahl schon bald fertig sein werde, und ob man zu den noch Schlafenden etwas dergleichen tun solle, daß sie aufwacheten und sich zum Morgenmahle begäben.
02] Sagt Aziona: »Ich meine, daß dies bei diesen Menschen rein unnötig sein wird; denn ihr über alles wacher Geist schläft sicher ewig nie und weiß um gar alles, was da ist und geschieht, und so wird es ihm auch sicher nicht entgehen, wenn das Mahl vollends bereitet sein wird!«
03] Sagt Hiram: »Ja, ja, da hast du recht; die wachen im Schlafe mehr denn wir, so wir am Tage noch so wach sind! Warten wir daher nur, bis sie wach werden; Zeit haben wir ja zur Genüge dazu!«
04] Sagt ein anderer Nachbar: »Meinst du, Hiram, daß diese nun im Schlafe auch alles hören und sehen, was um sie herum geschieht?«
05] Sagt Hiram: »Nicht nur, was hier ist und geschieht, sondern auch, was nun in der ganzen Welt, ja was nun in der ganzen Unendlichkeit ist und geschieht, vor Ewigkeiten geschehen ist und nach Ewigkeiten geschehen wird!«
06] Sagt der Nachbar: »Freund Hiram, hat nicht etwa die Sonnenhitze zu stark auf dein Gehirn eingewirkt? Diese deine Worte sind ja doch so ganz außerordentlich verwirrter Art, daß wir alle dich im Ernste sehr zu bedauern anfangen. Wer von allen sterblichen Menschen kann sich je einen Begriff von der Unendlichkeit des Raumes, wer von der ewigen Dauer des Zeitenstromes machen? Diese Menschen sicher ebensowenig wie wir, - und im Schlafe schon sicher am allerwenigsten! Ja, sie mögen recht weise und willensmächtig sein; aber die volle Erkenntnis der Unendlichkeit des Raumes, der ewigen Zeit, der Kräfte, des Lichtes und des Lebens Wesen erfaßt kein begrenzter Weiser auf dieser Erde, und so auch diese Fremdlinge sicher nicht!
07] Ob es aber im Ernste irgend ein solches Gottwesen gibt, das in seinem Erkennen über diese Begriffe vollends im klaren ist, das ist eine große Frage, die bis jetzt auch sicher noch gar kein sterblicher Weiser beantwortet hat zur genügenden Einsicht der anderen Menschen, auf daß sie von sich sagen können: "Nun haben wir auch davon wenigstens einen Dunst!"
08] Ja, lieber Hiram, über diese Begriffe ist in Athen auf der hohen Schule, die auch ich besucht habe, viel gesprochen worden, aber stets ohne das geringste nur irgend genügende Resultat! Was kam am Ende der vielen Besprechungen und Reden heraus?: Dies sei eines Weisesten größter Siegestriumph, daß er einsieht, daß er gar nichts wisse und als selbst Weisester nicht einmal an der untersten Stufe jenes Tempels stehe, in dem die große Göttin der Weisheit ihre Schätze unter starken Schlössern und Riegeln verwahre!
09] Ja, du mein liebster Freund, mit mir ist in diesem Punkte etwas schwer reden! Aber lassen wir nun das; die Fremden fangen an sich zu rühren, und sie sollen uns bei ihrem Erwachen nicht beim Verhandeln über die Begriffe des Unmöglichen antreffen!«
10] Sagt Hiram: »Du bist nun zwar der steinfeste alte Grieche und meinst, daß mein Gehirn an der Sonne Schaden genommen habe; aber da irrest du dich gewaltig! In zwei Stunden wirst du hoffentlich anders urteilen und reden! Denn was da hinter diesen Menschen alles steckt, von dem wirst du dir erst dann einen etwas bessern Begriff zu machen anfangen, so du mit ihnen selbst einige Zeit verkehrt haben wirst. Ich bin doch auch keine Wetterfahne, und ebensowenig unser Direktor Aziona; aber wir sind nun beide ganz andere Menschen geworden und haben den ganzen Diogenes über Bord geworfen. Dasselbe wird auch sicher bei dir und bei allen andern der Fall werden. - Aber nun erhebt sich der Meister und auch Seine Jünger, und es heißt, Ihn sogleich befragen, ob Er schon das Morgenmahl will.«
11] Sage Ich: »Wartet noch, bis die Sonne über den Horizont herauftauchet, dann setzet das Mahl auf!«
12] Hierauf fangen auch die Jünger an, sich zu rühren und sich von dem Rasen und von den Bänken aufzurichten. Einige steigen gleich zum See und waschen sich; Ich aber tue das nicht, und Aziona eilt zu Mir und fragt Mich, ob Ich ein Waschwasser benötige.
13] Ich aber sage zu ihm: »Freund, aus Mir kam all dies Gewässer; wie sollte Ich es nehmen, um Mich zu waschen? Aber damit man niemandem ein Ärgernis gebe, so bringe mir einen Krug voll Quellwassers!«
14] Aziona beeilt sich nun und sucht einen leeren Krug, findet aber keinen; denn alle Krüge und anderen Gefäße sind bis an den Rand voll des besten Weines!
15] Ganz verlegen kommt er wieder und sagt: »O Herr, vergib es mir! Nicht ein Gefäß ist in der ganzen Hütte, das da nicht bis oben mit Wein gefüllt wäre!«
16] Sage Ich: »Nun, so bringe mir ein mit Wein gefülltes Gefäß, und Ich werde Mich einmal auch mit dem Weine waschen!«
17] Schnell war Aziona mit einem Gefäße Weines da, und Ich wusch Mich damit.
18] Da drang aber der köstliche Weingeruch in die Nasen der Gäste und es sagten einige: »Na, das heißen wir doch herrlicher denn ein Patrizier Roms leben! Denn das ist uns noch nicht bekannt, daß sich je einer in einem so köstlichen Weine gebadet hätte, obschon sonst in andern wohlriechenden Ölen und Wässern!«
19] Als Ich aber dem Aziona das Gefäß wieder in die Hände gab, war es ebenso voll, wie es früher war, obschon es beim Waschen den Anschein hatte, als hätte Ich daraus jeden Tropfen verbraucht. Aziona zeigte das gleich den Nachbarn, und diese wurden stumm vor lauter Verwunderung.


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