Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 205

Die Erklärung des Messiasbegriffes.

01] Sagt Hiram: »Nun ja, das ist ja eben auch meine Rede! Die Menschheit muß der vollsten Lebenswahrheit nach ganz vom Grunde aus belehrt und dann zur Tat streng nach der Lehre angeeifert werden, so wird sie dann auch leicht erlöst werden von dem leider größten Erbübel, das den Namen 'Trägheit' führt, und dadurch auch von allen andern daraus entspringenden kleineren Übeln am Leibe und an der Seele.
02] Und dazu wärest eben Du ja ein gar nichts mehr zu wünschen übriglassender Messias, da Du eben das Erbübel von der Wurzel an am besten kennst! Nun, ich mag darin mich vielleicht auch irren; doch aber bin ich wieder der Meinung, daß ein anderer Messias auch keine andere Lehre den Menschen zu geben imstande sein wird als Du, dem wahrlich alle Dinge, Sachen und Verhältnisse aller Menschen und Kreaturen bekannt sind, und dem auch alle Kräfte der Natur und alle Geister und Götter aller Zonen bestens und treu gehorsamst untertan sind. Für uns hier, aufrichtigst gesprochen, bist einmal Du und der junge Mann da ein vollwahrster Messias; was die andern vielen Menschen der Erde betrifft, so gehen sie uns noch weniger als nichts an. Bist Du ihnen nicht genügend, so mögen sie sich einen aus Indien, Persien oder Ägypten herüberbringen lassen!
03] Was aber so Deine Lehre als eine wahre Hauptlebensmaxime für den Fleisch- und Seelenmenschen dieser Erde anbelangt, so glaube ich diese in ihrem Grundelemente so hübsch herauszuhaben! Liebe zu Gott, respektive zu Dir, und daraus die wahre, uneigennützigste Liebe zum Nächsten, die keine Ausnahme finden darf, in welcher Sphäre irgendeines Bedürfnisses auch immer ein Mensch einer reellen Hilfe bedarf, ist und bleibt ewig der Grundstein, auf dem das ganze System des Lebens zu beruhen scheint. So man auf diesem Grunde unverwandt stehenbleibt und danach aus allen Kräften tätig wird, so kann's ja durchaus nicht fehlen, in kürzester Zeit wenigstens von dem Haupterbübel erlöst zu werden! - Habe ich recht geredet oder nicht?«
04] Sage Ich: »Ich wußte es ja, daß du dich zurechtfinden wirst; denn ein rechter Weiser ist dem unweisen Naturmenschen sicher stets ein wahrer Messias, das heißt, er ist ein Mittler (Mesziaz) zwischen der puren Menschenvernunft und der göttlich-geistigen Weisheit, und die Vernunft findet sonach erst durch den Mesziaz den Eingang in die göttliche Weisheit und wird eins mit ihr.
05] Je weiser nun der Mittler ist, desto bessere Erfolge wird er auch sicher bei seinem Führlinge erzielen. Und wandelt dann der Führling unverwandt die Wege des inneren Geistlichtes, so wird er auch im Lichte verbleiben und das Leben des Lichtes sich aneignen, dem kein Tod folgen kann, weil das Leben des Geistlichtes die ewige, unwandelbare und unvergängliche Wahrheit ist, die als das, was sie ist, auch ewig bleiben muß; denn zwei und abermals zwei wird in alle Ewigkeit die Summe vier geben.
06] Wie es sich aber mit dieser nur beispielweisen Wahrheit verhält, so verhält es sich mit allen göttlich-geistigen Wahrheiten aus den Himmeln. Sie sind und bleiben ewig, und sie selbst sind allein das eigentlich wahre Leben, weil sie ohne Leben auch keine Wahrheiten wären. So kann eine Seele, die einmal ganz in solche Wahrheiten eingegangen ist, nimmer in den Tod gelangen und hat als selbst Licht und Wahrheit auch das Leben in sich und für sich ganz zu eigen, und das ist dann natürlich eine Folge eines wahrhaftigen Mittlers.
07] Da hast du, Mein lieber Hiram,denn schon auch ganz recht, daß du Mich für einen rechten Mittler und Erlöser hältst. Aber in der Schrift steht es, daß der verheißene Mittler ein Sohn des allerhöchsten Gottes sein werde! Demnach könnte also zum rechten, großen Mittler zwischen der gefallenen Menschheit der Erde und dem allerhöchsten Geiste Gottes denn doch nicht ein pur noch so weiser Erdensohn genügen! Er müßte da etwa doch eine volle Gottesnatur und -eigenschaft in sich bergen und solche, wo es not täte, auch offen zur Schau tragen! - Was wäre da deine Meinung?«


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