Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 174 Inh.-Verz.

Der wunderwirkende Glaube.

01] Sage Ich zum Fischer: »Aziona, hast du doch einen neuen Krug in deiner Wohnung; laß ihn mit Wasser füllen und hierher bringen!«
02] Aziona macht, als Ich ihn also anrede, große Augen und sagt ganz erstaunt: »Meinen Namen konntest du wohl irgend erfahren haben, - aber woher weißt du denn, daß ich einen neuen Krug, der mein wahrlich größter Reichtum ist, besitze? Das wissen nicht einmal meine Nachbarn, und du als ein total Fremder weißt es? Ah, erlaube mir, das geht bei mir nun schon ins Fabelhafte über! Hat etwa eines meiner Kinder euch geheim meinen Krug verraten? Es liegt weiter gar nichts am ganzen Kruge, - er ist von Stein, wie es bei uns in diesem Lande zahllos viele gibt; aber an dem liegt ungeheuer viel, daß du es weißt, daß sich ein neuer Krug wohlverwahrt in meiner Wohnung befindet!«
03] Sage Ich: »Auch daran liegt nichts, da man so etwas ja doch erfahren kann! Aber daran liegt mehr, daß du gehst und Mir Durstigem Mein Verlangen erfüllst!«
04] Jetzt geht Aziona schnell und bringt den Krug voll frischen Wassers. Der Krug aber war einer von der größten Gattung und faßte gut einen viertel Eimer Wassers, daß man zu heben hatte, um ihn zum Munde zu bringen. Als der gefüllte Krug vor uns auf einer Steinplatte stand, segnete Ich das Wasser, und es ward zu Wein.
05] Ich trank daraus, reichte ihn dann den Jüngern, und als diese getrunken hatten, reichte Ich den Krug auch dem Aziona und sagte: »Trinke auch da daraus, auf daß du auch wahrnimmst die Güte des Wassers, das du uns in deinem neuen Kruge hierhergebracht hast!«
06] Sagt Aziona: »Sollte es schlecht und faul sein?! Den Krug habe ich dreimal ausgeschwemmt, und meine Felsenquelle liefert das reinste und beste Wasser im ganzen Orte! Will es aber dennoch verkosten, ob's nicht etwa einen Geschmack vom neuen Kruge angenommen hat!« - Er kostet es, macht mehrere starke Züge und sagt dann ganz erstaunt: »Ja, aber was ist denn das schon wieder für eine Hexerei?! Das ist ja kein Wasser, das ist ja ein allerbester Wein, wie ich noch nie einen bessern auf meiner Zunge hatte! Sagt mir doch, wie ihr das angestellt habt! Nein, Wasser zu Wein machen, ah, das ist ja noch nie dagewesen! Ihr seid wahrlich keine Galiläer, sondern entweder Ägypter oder Perser; denn unter allen Juden hat es noch nie irgendeinen solchen Zauberer gegeben, daß er es vermocht hatte, Wasser in den besten Wein zu verwandeln. O sagt mir es doch, wie solches möglich ist! Ich will darum zwanzig Jahre euer Sklave sein!«
07] Sagt Johannes, dem Ich den Wink zu reden gab: »Mein Freund, dazu ist gar nichts nötig als allein der festeste Glaube und Wille! Wer einen solchen Glauben hat, der keinen Zweifel zuläßt, der kann auch zu jenem hohen Berge dort sagen: "Hebe dich und stürze dich ins Meer!", und es wird geschehen, was er geglaubt und gesprochen hat! Da hast du die ganze kernwahre Erklärung und Anweisung, wie und durch welche Mittel derlei Dinge bewerkstelligt werden können! Eine andere zu geben ist darum unmöglich, weil es durchaus keine andere gibt.«
08] Hier macht Aziona noch größere Augen und sagt: »Freund, ich weiß gar nicht, was der Glaube ist, - wie könnte ich dann etwas glauben?! Was nennt ihr denn Glauben?«
09] Sagt Johannes: »So wir irgendeinen wahrhaftigsten Mann vor uns haben, und er sagt uns bald dies und bald jenes, von dem wir früher nie etwas gehört und erfahren haben, und wir nehmen seine Aussagen als völlig wahr an und zweifeln an der Wahrheit keines seiner Worte, so glauben wir dem wahrhaftigsten Manne; und weil das, was wir glauben, sicherst eine vollste Wahrheit ist, so werden wir auch das, was wir glauben, ins Werk übertragen, und das ist dann eben der werktätige, wundervolle Glaube, dem kein Ding unmöglich ist, was sich in der Sphäre seiner in sich selbst ausgesprochenen Wahrheit befindet, das allzeit realisierbar sein muß. - Weißt du nun, was der Glaube ist?«
10] Sagt Aziona: »Ja, wissen würd' ich's nun wohl, - aber wie anstellen, daß ich wisse, daß derjenige, der mir etwas zu glauben vorstellt, auch im vollsten Ernste ein wahrhaftigster Mann ist? Bloß zu glauben, daß er es sei, weil er ungefähr also aussieht, wäre unklug und verriete eine sträfliche Leichtgläubigkeit, die nach meiner Meinung noch um vieles schlechter wäre als gar kein Glaube! Wie stellt man hernach das an, um seinen Mann, dem man glauben soll und möchte, so zu erkennen, daß er ein vollendetst Wahrhaftiger ist und man ihm alles vom Munde allerungezweifeltst glauben kann?«
11] Sagt Johannes: »Dazu hat ja jeder Mensch von nur einigem besseren Willen Vernunft und Verstand zur Genüge, um eine geziemende Prüfung mit seinem Manne vorzunehmen; denn nur ein Tor kann eine Katze im Sacke kaufen! Du fragst mich nach dem Probemittel - und wendest es selbst soeben an mir an! Von dir bin ich schon lange zum voraus überzeugt, daß du keine Katze im Sacke kaufen wirst!«
12] Sagt Aziona: »Ja, ja, Freund! Das ist schon wohl alles sehr wahr und sehr schön, und es hat ein Mensch wahrlich sonst nichts als seinen Verstand, mit dem er seine Umgebung prüft; aber wo liegt der Maßstab, mit dem ich vorher meinen Verstand selbst als zu einer Prüfung der Umgebung für tüchtig und scharf zur Genüge erkennen könnte?«
13] Sagt Johannes: »Da sind wir eben auf den allerkitzligsten Punkt geraten! Wer da meint, daß er einen hellsten Verstand besitze, der geht überall am meisten hohl aus; wer aber da einsieht, daß seinem Verstande noch gar manches abgeht, der wird es durch Übung bald dahin bringen, daß er mit großer Schärfe alles wird beurteilen können, was um ihn her ist und geschieht!
14] Ein eingebildet hoher Verstand gleicht einer Bergspitze, die sehr prunkt in ihrer schwindelerregenden Höhe, und je höher sie in die eitle Luft hinaufragt, desto öfter wird sie von allerlei Wolken und Nebeln umhüllt. Die kleine Spitze einer Nadel, mit der man die Kleider zusammenheftet, ist, was die Größe und das Ansehen betrifft, nahe soviel wie nichts; aber sie dringt überall durch, und man könnte mit ihr so viele Matten zusammenheften, daß man damit die größten Bergspitzen tief herab bedecken könnte. - Mit den großen und stolzen Bergspitzen wird sich sicher nie ein Gewand zusammenheften lassen!
15] Es ist dieses Gleichnis wohl etwas extrem; aber es bezeichnet dir dennoch ganz das Verhältnis eines sich über alles hoch und weise dünkenden Verstandes und eines demütigen, der ganz unscheinbar vor den Augen der hochweisen und weltklugen Menschheit erscheint. Während aber der hohe Verstand weit in die Lüfte hinausstarrt und bei seiner reinsten Aussicht gleich dick umnebelt wird, da wirkt der demütige Verstand in einem fort Gutes und wird nach einer jeden Arbeit heller und feiner und für die Folge immer brauchbarer. Bei euch, wie es mir so vorkommt, scheint der Verstand eine große Ähnlichkeit mit den allerhöchsten Bergspitzen zu haben, die nur höchst selten wolkenfrei sind, und da dürfte es dir denn auch etwas schwerfallen, die volle Wahrhaftigkeit dessen genau prüfen zu können, von dem du eine Wahrheit als volle und ungezweifelte Wahrheit annehmen sollst! - Welcher Meinung bist du da?«


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