Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 161

Eindruck der Wunderwerke Jesu auf die Pharisäer.

01] Sage Ich: »Einen außerordentlichen ganz gewiß, aber sie finden das für unmöglich, daß so etwas bloß durch eine Gott ähnliche Willensmacht in einem Augenblicke könnte zustande gebracht werden. Sie beraten demnach nun, ob da dennoch nicht irgend ganz verborgen gehaltene natürliche Mittel seien angewendet worden.
02] Und der Hauptanführer sagt darum zum schon etwas ärgerlich gewordenen Markus: "Ja, wir waren einmal nicht dabei, und alle Hierseienden können als Einverstandene uns ganz leicht einen allergrößten Bären anhängen! Wir wissen es recht gut, wie die Essäer ihre großartigsten Wunder zustande bringen, können aber gegen den einmal breitgeschlagenen Aberglauben oder Glauben des Volkes nichts mehr ausrichten. Tausend miteinander Einverstandene können die größten Wunder zuwege bringen und zehnmal tausendmal tausend Menschen breitschlagen. Ihr könnt in diesem verborgenen und abseitigen Erdenwinkel an diesem Wunderwerke, von niemand als nur von euch selbst beobachtet, zehn Jahre gebaut haben! Als es fertig war, ludet ihr dann Fremde ein und sagtet dann verabredetermaßen, dies Gebäude hätte dieser oder jener Wundermann in einem Augenblicke werden lassen, und so den Garten und den Hafen. Und aufs ernste Zeugnis von Tausenden muß der Fremde das Wunder zu glauben anfangen, will er's oder will er's nicht. Es muß ein Wunder vor unseren Augen geschehen, - dann erst werden wir auch an dieses glauben!"
03] Sieh, so äußert sich nun der Fuchs von einem Pharisäer! Ich sagte dir das nun darum, auf daß bei seiner Hierherkunft du ihm das gleich wörtlich vorhalten kannst, was er wenigstens dreihundert Schritte von uns entfernt zu Markus geredet hat, und das wird ihn und seine Kollegen ganz entsetzlich stutzen machen, weil das als ein offenbares Wunder gegen seine Behauptung wie ein scharfes Schwert zeugen wird. Er wird zwar noch ein Wunder verlangen; aber es soll ihm kein anderes zuteil werden als dieses, daß wir ihm einige seiner ganz geheimen Sachen hier enthüllen werden, was ihn sehr betroffen machen wird. Sei darum gefaßt, Ich werde nicht reden, sondern dir alles eingeben und dich reden und verhandeln lassen! Und nun halte dich gefaßt; denn er wird nun sogleich hier sein!«
04] Cyrenius macht sich nun vollends mit vielem Eifer gefaßt und freut sich, den Pharisäer so recht zu verarbeiten.
05] Die Pharisäer nähern sich nun mit großehrerbietigen Mienen dem Cyrenius, und der Anführer, sich tief verneigend, sagt: »Hoher Gebieter! Wir haben alles in Augenschein genommen und konnten uns darüber nicht genug verwundern; denn da ist Pracht mit der zwecklichsten Brauchbarkeit so eng verbunden, daß man nahe geradewegs davon sagen muß: Das ist nicht mit Menschenhänden gemacht, sondern das ist erschaffen worden! Leider hat die Menschheit aus gar keiner Zeitperiode irgendein Beispiel, daß je irgend auf der ganzen bis jetzt bekannten Erde so etwas stattgefunden hat. Zudem sind in dieser unserer Zeit die Menschen namentlich in der Baukunst zu weit vorgeschritten, als daß man es ihnen nicht zumuten sollte, auch so ein wahres Baukunstwerk herzustellen. Seit das Wunderland Ägypten vielfach seiner Baukunstwerke wegen bis tief nach Nubien den Griechen und Römern bekannt sein soll, ist es eben kein zu außerordentliches Wunder, wenn sie auch mit ihren vereinten Kräften so etwas zustande brächten. Denn ob das alles, was da zu sehen ist, wirklich in einem Augenblick oder dennoch zeitweilig entstanden ist, ist immerhin auch eine Frage, die sich stellen und anhören läßt. Denn gar vieles können viele vielerfahrene Menschen zustande bringen und mit mächtig gewappneter Hand sagen: "Dies und jenes ist so und so geworden!" Und die kleinen, ohnmächtigen und schwachen Menschen müssen es dann glauben, weil ein zu lauter Widerspruch ihnen sehr bedeutende Unannehmlichkeiten unfehlbar bereiten würde.
06] Sehen wir die feinen Essäer an! Da gibt es rein gar nichts mehr, was sie nicht zu machen imstande wären. Man sage es nur, daß das alles kein Wunder ist, sondern alles auf dem natürlichsten Wege zustande gebracht wird, und man wird bald einen Bescheid bekommen, der einem wahrlich keine Freude machen wird! Ich will aber damit freilich nicht sagen, daß es also auch hier der gleiche Fall sei, obwohl er mit jenen essäerischen Wundern eine sehr bedeutende Ähnlichkeit hat. Übrigens sei ihm nun, wie ihm wolle; du hast uns dieses Werk als ein reinstes Wunder zur Betrachtung anempfohlen, und wir glauben es, weil uns der Unglaube ganz unglaublich teuer zu stehen kommen dürfte. Wenn du, hoher Gebieter, es uns befehlen würdest, an den Zeus und seine wunderbaren Göttertaten zu glauben, so würden wir's auch äußerlich sogleich völlig glauben; ob auch innerlich, das ist dann freilich wieder eine ganz andere Frage. Vergib, hoher Gebieter, mir diese meine ganz offene Sprache!«


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