Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 147

Die Verhandlung mit den Pharisäern.

01] Hier trat Roklus vor und sagte: »Hoher Gebieter, erlaube mir, daß auch ich diesen Unholden und Kobolden etwas ins Ohr raunen darf; denn in dem Briefe ist auch mein Institut sehr arg angegriffen, was ich als ein Vorsteher desselben unmöglich auf sich beruhen lassen kann! Ich muß sie fragen, wie und wann der von ihnen so berüchtigte und ruchloseste, böse Prophet aus Nazareth die Zauberkünste, mit denen er nun das Volk berücke und verführe, von uns erlernt hat! Bei Gott, wenn sie mir hier auf dieser Stelle diese kolossale Verunglimpfung nicht gutmachen, so vergreife ich mich an ihnen und drehe ihnen allen die Hälse ab, so wahr mir Gott der Herr sicher helfen wird!«
02] Hier tritt einer der beiden Pharisäer vor und sagt: »Was können denn wir darum, so etwa die ganze Sache nur eine böswillige Erdichtung sein sollte?! Wir haben sie ja nicht geschrieben und noch weniger irgend verfaßt! Sehet diese an, die uns gesandt haben; wir, als pure Boten, sind ja etwa doch wohl niemandem eine Rede und Antwort schuldig! Wir erwarten bloß eine rechte Antwort, die wir denen zurückzubringen haben, die uns hierher gesandt haben. Das, glaube ich, sollte der langen Rede kurzer Sinn sein!«
03] Sagt Roklus, durch Raphael animiert: »Gut; aber was hat denn dann zu geschehen, so wir's euch an den Fingern erweisen können, daß eben nur ihr die Verfasser eures schnöden Briefes seid, und daß ihr, so euch dies Werk gelänge, aus der großen Goldkasse des Tempels eine Vergütung von tausend Pfunden Goldes ad personam (für die Person) zu gewärtigen habt?«
04] Sagt der Pharisäer, laut aufschreiend: »Wer kann uns einer solchen Schändlichkeit zeihen? Der Brief ist von Herodes unterfertigt!«
05] Hier beruft Roklus den Zinka und sagt: »Wie kein zweiter in der Welt kennst du deines Gebieters Schrift. Sage, ist das sein Namenszug?«
06] Zinka betrachtet den Brief und sagt: »Nicht von der allerweitesten Ferne! Denn Herodes kann eigentlich gar nicht schreiben, sondern zur Not nur griechisch lesen. Für die Unterfertigung seines Namens hat er eine Art Siegel, das er den Urkunden aufdrückt; somit muß diese Unterschrift falsch sein! Dafür meinen Eid bei allem, was ihr nur wollt!«
07] Sagt darauf Roklus: »Nun, du weiser, gottesgelehrter und allerwahrhaftigster Pharisäer im Namen Mosis und Aarons, wie wird's dir denn nun zumute? Gelt, jetzt wäre es dir schon lieber, du säßest daheim bei einem fetten Mahle, als hier unter so glorreichen Auspizien (Vorzeichen)! Ja, ja, es ist schon nicht anders: Wenn der Mensch mit dem nicht zufrieden ist was ihm Gott der Herr beschert hat, da muß er sich dann schon fügen in das Schicksal und seine Tücken!
08] Ja, ja, der verruchte Prophet aus Nazareth will euch denn schon durchaus nicht gefallen, weil Er durch Seine heiligsten Wahrheitslehren euch einen starken Eintrag zu machen droht! Da steckt der Faun begraben! Aber es ist nun einmal also geworden und wird schon ewig nimmer anders werden, auch dann nicht, so es Ihm einmal wohlgefiele, um euch dadurch einen Gefallen zu erweisen, Sich von euch so ganz gemütlich töten zu lassen, wenigstens pro forma (zum Schein), denn Er, als das Leben Selbst von Ewigkeit, kann unmöglich je getötet werden. - Ich habe nun geredet; jetzt ist die Reihe an dir! Was sagst du nun zu allem dem?«
09] Der Pharisäer stand nun wie versteinert da, und niemand von den Sendlingen getraute sich mehr, auch nur eine Silbe zu reden.
10] Nach einigen Augenblicken beschied Cyrenius, der dazu geheim einen Wink von Mir erhielt, die beiden Erzpharisäer allerschlauestermaßen zu sich und sagte zu ihnen: »Beruhiget euch nun! Der Sturm ist vorüber; stoßet euch nicht an unserem anfänglich stets gleichen römischen Ernst! Es kommt nun die zweite Besprechungsphase, in der ich von euch nicht Fiktionen mit falschen Unterschriften, sondern die reine, volle Wahrheit vernehmen will. Nur durch die Wahrheit könnet ihr aus meiner sonst unerbittlichen Gewalt befreit werden, - sonst ist Kerker, Kreuz und das Beil unfehlbar so gewiß euer Los, als wie gewiß ich Oberstatthalter von allen asiatischen Provinzen Roms bin.
11] Redet ihr aber die Wahrheit, wie sie auch lauten mag, und welchen Sinnes sie auch sei, so möget ihr auf mein römisches vollstes Ehrenwort rechnen, daß ich euch ganz frei und unbeanstandet abziehen lasse. Wählet nun, was ihr wollet! Wollt ihr bei dieser Lüge beharren, so wisset ihr's nun aus meinem Munde, was euch unfehlbar erwartet; denn hier in Asien bin ich im Namen des Kaisers vollkommen unumschränkter Gebieter, und zweihundertsechzigtausend Krieger harren jede Stunde des Tages auf meine Befehle. So euch das früher etwa noch fremd war, da wisset ihr es nun, wie die Sachen stehen. Wer wird mich zur Verantwortung ziehen, so ich bloß aus Laune alle Juden durchs Schwert hinrichten ließe?! An Macht und Gewalt fehlt es mir nicht! - Wo kann sich in ganz Asien eine Verschwörung anzetteln, von der ich nicht binnen längstens acht bis vierzehn Tagen die vollste Kunde hätte?! Dann aber das schrecklichste 'Wehe!' den Aufständischen!
12] Wäre nach euren Aussagen irgendeine noch so geringe Emeute (Meuterei) noch so geheim vorbereitet, so wüßte ich wahrlich darum, und meine vielen Büttel würden sogleich vollauf zu tun bekommen.Es ist demnach solche eure mir hier gemachte Denunziation ebenso wie die Unterschrift des Herodes, eine arge Lüge, durch die ihr mich, wenn ich ein Blinder wäre, zu einem ganz andern Zwecke benutzt haben würdet. Allein, daß das bei mir durchaus nicht angeht und nie angehen wird, davon habt ihr nun hoffentlich schon eine ganz gediegene Überzeugung. Darum heißt es nun: mit der Wahrheit heraus, auf daß ich allerklarst sehe, auf welchem Grunde und Boden ich mit euch stehe! Aber nur ganz wohl gemerkt: Seht, so rein, wie nun die Sonne über den Bergen jenseits des Meeres aufgeht, ebenso rein muß die Wahrheit dessen sein, was ihr mir nun sagen werdet, - so werde ich euch auch mein Wort halten! Redet nun!«
13] Hier machten die beiden Pharisäer, sowie auch die falschen Römer, die auch zur Hälfte Pharisäer und zur Hälfte Herodianer waren, ganz entsetzlich verzweifelte Gesichter; denn nichts kommt einem Menschen verwünschter vor, als so er sich selbst anklagen und offen seine allerschnödest bösen Absichten bekennen muß. Und so war es nun auch mit diesen Pharisäern der Fall. Aber was wollten sie tun? Des Cyrenius Unerbittlichkeit, wie auch seine strengste Gerechtigkeit, war bekannt, und es ließ sich demnach hier offenbar nichts machen, als die volle Wahrheit zu beichten.


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