Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 146

Entlarvung der falschen Ankläger gegen Jesus.

01] Als Cyrenius diesen Brief ganz aufmerksam ernstesten Angesichtes durchgelesen hatte, wandte er sich mit mitleidig-freundlichem Blicke zu Mir und sagte: »Aber Herr, ist das auch noch möglich, Dich mir auf eine solch allerschändlichste Weise zu verdächtigen?! Was sagst Du dazu? Denn Du weißt es sicher, was darin enthalten ist!«
02] Sage Ich: »Berufe den Raphael und den Roklus; denn es wäre nicht fein, daß Ich Mich bespräche mit diesen Sendlingen des Fürsten der Lüge!«
03] Sogleich berief Cyrenius den Raphael und den Roklus, welch letzteren die Gesandten des Herodes nur zu gut zu kennen schienen: denn sie wandten schnell ihre Angesichter von ihm ab.
04] Als Raphael zum Cyrenius kam, überreichte er ihm ebenfalls eine Rolle und sagte: »Da hast du das Duplikat des angeblich Herodischen Schreibens; lies es und erkenne daraus, daß ich und durch mich auch Roklus schon früher von dieser echt pharisäischen Schändlichkeit unterrichtet waren! Nach der Unterschrift des Herodes, die er aber nicht zu Gesichte bekam, so wie er auch von diesem schmählichsten Plane keine Silbe weiß, befindet sich noch eine ganz kurze Anmerkung, die dich über den ganzen Sachverhalt aufklären wird, und die du darum auch lesen mußt. Hast du aber alles gelesen, dann übergib es den Sendlingen und laß es auch sie lesen! Das Weitere wird sich dann schon von selbst machen.«
05] Cyrenius nahm diese Rolle in die Hand und las sie schnell durch, auch die Anmerkung, über die er sich nicht genug wundern konnte, da sie gerade das enthielt, was er sich selbst sogleich gedacht hatte. Als er dieses alles gelesen hatte, gab er eben diese Rolle auch dem falschen Zenturio und sagte: »Nun lies auch du dieses vor deinen Gefährten!«
06] Der Zenturio nahm mit einer sichtlichen Verlegenheit diese Raphaelsrolle und las sie mit einem stets länger werdenden Gesichte, und beim Durchlesen der Anmerkung überfiel ihn sogar ein förmliches Fieber, und alle die Sendlinge fingen an, ganz bedeutend die Farbe zu wechseln, was natürlich dem Scharfblicke des Cyrenius und aller Anwesenden nicht entging. Als der falsche Zenturio die Rolle ganz durchgelesen hatte - und zwar so laut, daß das Gelesene auch seine Gefährten vernehmen mochten -, gab er unter einer tiefen Verbeugung die Raphaelsrolle dem Cyrenius wieder zurück, sagte aber wohlweislich kein Wort dazu; denn er wie seine Gefährten waren durch diese Erscheinung zu enorm betroffen, und ihr Ochsenfuhrwerk stand diesmal knapp an einer Felswand, über die hinüber auch nicht ein allerschlechtester Fußsteig zu entdecken war.
07] Nach einer kurzen Weile des totalsten Stillschweigens unterbrach Cyrenius dasselbe und fragte den Zenturio: »Also, Herodes rät mir, daß ich alles aufbieten soll, des gewissen Propheten habhaft zu werden, und daß ich ihm, wie auch seinen Jüngern, gleich so mir und dir nichts die Köpfe vom Rumpfe schlagen lassen soll?«
08] Auf diese Frage erfolgte keine Antwort.
09] Da ward Cyrenius erbittert und sagte: »Antwort! - oder ihr sollt mir diesen Frevel auf eine beispiellose Weise büßen! Von wem aus geht der Brief, wer hat ihn verfaßt, wer erfrechte sich, mich mit solch einer kolossalsten Lüge zu traktieren, und welch eine schändlichste Absicht lauert da im Hintergrunde?«
10] Auf diese sehr energische Frage verloren beinahe alle die Sendlinge die Besinnung; denn sie wußten es, daß sie es mit dem unerbittlichsten römischen Oberstatthalter zu tun hatten. Alle fingen an, wie von einem panischen Schrecken ergriffen zu schlottern und zu fiebern, und von einer Antwort war keine Rede.
11] Da sagte Julius: »Hoher Gebieter, wie wäre es denn, so wir diesen Sendlingen gleich den vom Gesetze bestimmten Lohn - für günstigen Verrat - auszahleten und sie dann nach Sidon ins feste Gewahrsam brächten bis zur Zeit, da die Revolution nach ihrem angezeigten Termine losgehen wird, an welchem Tage ihnen dann der ganze Verratslohn ausbezahlt wird, entweder am Kreuze oder auf dem Blocke? Diesen Römern sieht man's etwa doch schon auf eine ganze Stunde Weges nur zu klar an, daß sie nichts als ein Bündel der allerschlechtesten Pharisäer sind, die ums Geld zu allen Schändlichkeiten käuflich sind!«
12] Sagt Cyrenius: »Du hast ganz recht; aber da wir hier nicht allein die Herren sind und hier noch jemand anders eine Bemerkung zu machen hat, so wollen wir das mit der möglichsten Ruhe abwarten!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers