Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 135

Die Verlegenheit des Essäerinstitutes.

01] Sagt Roklus: »O Herr, da gibt es vielleicht wohl keinen zweiten, der noch lieber bei Dir verweilte denn eben ich! Was es auch sei, alles, von Dir ausgehend, ist meinem Herzen stets die höchste Wonne und Seligkeit! Ich brenne vor Begierde, noch ein mehreres von Dir, etwa gar wegen der Restituierung (Erneuerung) unseres Institutes, zu erfahren!«
02] Sage Ich: »Ja, Freund, du hast es wohl erraten! Da klebt noch so manches, das dir bei deiner Arbeit einige Bedenken erzeugen würde, und dadurch in eurem Rate uneins werden könntet; daher wird es gut sein, wenn Ich Selbst dir darüber einige Winke mitteile!
03] Vor allem gebe Ich dir die einstweilige Zusicherung, daß Mein Diener Raphael zuzeiten zu dir kommen und euch behilflich sein wird mit Rat und Tat. Für die anderen Zeiten hat er schon ohnehin seine allerbestimmtesten Weisungen und weiß, was er in der Zeit Meines Verweilens auf dieser Erde zu tun hat, und wo er sich zeitweilig aufzuhalten hat. Diese Meine dir gemachte Zusicherung gilt aber nur für die außerordentlichsten Fälle, die sich in eurem Institute in der Restitutionszeit ereignen könnten.
04] Was du aber selbst zu tun haben sollst, das werde Ich dir nun noch so in ganz kurz gehaltenen Winken mitteilen. Ihr habt eure unterdessen äußerst pfiffig eingerichtete Totenerweckungsanstalt noch, wie sie war und noch ist; zugleich befinden sich dort jetzt gerade hundertsieben Kinder von drei bis vierzehn Jahren, darunter etwas über die Hälfte Mädchen. Ihr seid nun in einer großen Verlegenheit, da ihr in allen euren Menschenpflanzungsanstalten kaum zwanzig Ähnlichkeiten habt und nun Boten mit gemalten Ebenbildern in alle Weltgegenden ausgesandt habt, daß sie um jeden Preis ähnliche Kinder ankaufeten. Aber diese Boten machen schlechte Geschäfte; denn wenn sie auch irgendwo etwas Ähnliches antreffen, so wird es ihnen um keinen Preis verkauft, und etwas Unähnliches können sie doch nicht brauchen. - Was sagst du zu solch einer Bescherung?«
05] Hier kratzt sich Roklus ganz gewaltig hinter den Ohren und sagt: »Ja, Herr, wenn so - was sehr leicht begreiflich ist -, dann ist das Institut in einer Hauptklemme! Es war freilich eine große Torheit, und zwar wider meinen Willen, auf einmal so viele verstorbene Kinder aufzunehmen; aber unser erster Geschäftsführer, namentlich in der Sphäre der Wiederbelebung der Kinder, gab mir die Versicherung, daß es ganz gut gehen werde. Allein es sah die Geschichte nur zu bald ganz anders aus! Kaum zwanzig Ähnlichkeiten; und die andern?! Die können wir mit der Laterne suchen, mit der dereinst der Zyniker die Menschen am hellen Tage gesucht hat!
06] Der Geschäftsleiter sandte freilich gleich nach allen Richtungen wohldotierte Boten aus; aber wenn die Sache also geht, so sind wir mit unserem ganzen Institute verlesen und müssen zum fröhlichen Hohngelächter der neidischen und allereifersüchtigsten Pharisäer in die größte Verlegenheit geraten, zumal sich eben diesmal mir wohlbewußtermaßen einige Kinder der Pharisäer darunter befinden sollen, mit denen uns die Eifersüchtigen gewiß nur auf den Zahn zu fühlen sich vorgenommen haben!
07] Ei, ei, das ist wahrlich eine sehr schlimme Sache und kann mir in meinen nun fest gefaßten Absichten, fürderhin bloß nur in Deinem Namen zu wirken, sehr hinderlich werden! Was ist da nun vernünftigermaßen zu machen? Mir bleibt da schon der Verstand stillestehen! Du, o Herr, könntest uns da freilich aus der Verlegenheit helfen, so es Dein heiliger Wille wäre, und könntest es auch tun, zumal wenigstens wir mit dem Institut nie wissentlich und mit Willen nur im geringsten irgendeine eigentlich böse Absicht verbunden haben!
08] Unsere unverschuldete Unwissenheit aber kannst Du als ein allerliebevollster Gott, Herr und Meister uns ja doch nicht zur Last legen? Und sollte auch Deine ewig nie ermeßbare Weisheit an uns selbstverschuldete Flecken finden, für die wir wahrlich nicht können, so ist ja Deine noch unermeßlichere Liebe mächtig endlos mehr denn zur Genüge, um dieselben hinwegzufegen! Ich und alle meine Hauptgefährten setzen nun einmal alle unsere Hoffnungen auf Dich und vertrauen festest darauf, daß Du uns dies mal aus der allerriesenhaftesten Verlegenheit helfen wirst, wofür wir Dir aber auch das glühendste Versprechen dahin machen, daß es zu allen Zeiten unsere Sorge sein wird, Dein heiliges Wort für alle Zeit so rein zu erhalten, wie wir es nun von Dir unter der größten Dankbarkeit unserer Herzen vernommen haben!«
09] Sage Ich: »Aber warum nennst du denn das eine gar so große Verlegenheit, da du doch treuwahr genug Meine möglichste Hilfezusicherung auf das allerhandgreiflichste überkommen hast?! Denn was Ich jemandem verheiße, das halte Ich auch gewisser noch, als wie gewiß die Sonne täglich aufgehen muß und stets eine Hälfte der Erde erleuchtet, ob die Oberfläche der Erde heiter oder mit Wolken und Nebeln getrübt ist! - Bis wann sollten denn die hundertsieben Kinder wieder lebend in die Häuser ihrer Eltern zurückkehren?«
10] Sagt Roklus: »Herr, was soll, was kann ich Dir anderes darauf antworten als: O Herr, Dir sind alle Dinge nur zu wohl bekannt und somit gewiß auch unsere Torheiten!«
11] Sage Ich: »Jawohl, da hast du Mir eine ganz gute Antwort gebracht! Da habt ihr wahrlich eine große Torheit dadurch begangen, daß ihr für eure fingierten Wiederbelebungen viel zu kurze Fristen gesetzt habt! Ihr seid dazu wohl durch einige glückliche Versuche ermuntert worden und habt natürlich die Erfahrung machen müssen, daß für euer Institut eine möglichst kurze Wiederbelebungsfrist nicht nur die am wenigsten kostspielige, sondern auch sicher die anzuempfehlendste ist, weil die ganze Sache an Wunderbarkeit gewinnt, - versteht sich von selbst, nur dem Ansehen nach!
12] Hättet ihr der ähnlichen Kinder zur Genüge, so ließe sich nach eurer Art die Sache wohl noch etwa ausführen; aber weil euch zu dem Behufe gerade die Hauptsache zu eurem feinen Betruge fehlt, so ist es wohl begreiflich, daß ihr dadurch in eine riesenhafteste Verlegenheit geraten seid. Ich könnte euch für diesmal freilich wohl aus der großen Verlegenheit helfen; aber dann müßte Ich euch ja doch offenbar betrügen helfen, und sehet, das ginge denn doch wohl nicht an, so überlieb ihr Mir nun alle seid! Es muß da, als der Sache angemessen, ganz etwas anderes geschehen!«


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