Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 119

Der Unterschied zwischen einem wahren und einem falschen Führer.

01] Sagt Mathael: »Ja, Herr und mein Gott, nun ist mir schon alles klar, wie auch sehr klar, daß man an einen Gott erst glauben muß, bevor man Ihn lieben kann! Der Glaube aber darf kein blinder, sondern muß ein lichtvoller sein, das heißt, man muß einsehen, wer und was ein Gott ist. Man muß von Seiner Weisheit, Macht und Größe und Dauer einen klaren und vernunftgerechten Begriff bekommen, um dann daraus erst in die volle Liebe zu dem also angenommenen Gott übergehen zu können.
02] Es ist dies freilich kein gar zu leichtes Stück Arbeit bei einem Menschen, der von allerlei Irrtümern schon durch und durch gefangengenommen ist; aber so man selbst ein wahres Licht hat, so kann man dem Lichtbedürftigen auch bald ein wahres Licht geben, und es ist ein ganz anderes Ding, von jemandem etwas erlernen, der das, was er lehrt, vom tiefsten Grunde aus allerbestens versteht, als wie von jemand anders, der sich wohl auch das Ansehen eines Kundigen gibt und von der Sache wohl so ganz weitwendig etwas säuseln gehört hat, aber am Ende als Lehrer von der Sache im Grunde ebensoviel versteht wie sein Jünger.
03] Der tiefkundige Lehrer wird mit allerlei tauglichen und wohlentsprechenden Bildern und Gleichnissen den schwer faßlichen Lehrgegenstand mit leichter Mühe faßlich machen, während der Afterlehrer, um so recht tiefweise zu scheinen, sich nur alle Mühe geben wird, den zu lehrenden Gegenstand in derartig dunkle und mystische Phrasen einzuhüllen, daß dadurch der Jünger nach dem Unterrichte dann noch ums gut Zehnfache verwirrter wird, als er ehedem war.
04] Ich stelle mir die Sache also vor: Der wirklich kundige Lehrer kommt zu seinem Jünger wie jemand mit einer großen, verschlossenen Laterne bei der stockfinstern Nacht zu einem Menschen, der weiterziehen will in der Wüste eben in der Nacht, um nicht am Tage die große Qual der Hitze erleiden zu müssen. Der Reisende fragt dann wohl gleich den Führer mit der verschlossenen Laterne: "Wie werden wir uns bei der Finsternis ohne eine Leuchte in der Wüste zurechtfinden? Unsere Kamele und Saumrosse werden in solcher Finsternis stutzig werden und keinen Schritt vorwärts zu bringen sein!"
05] Da aber sagt der rechte Führer: "Laß dir darum kein graues Haar wachsen! Siehe, in dieser nun noch verschlossenen Laterne befindet sich schon ein Licht, das, sobald ich die Flügel der Laterne öffne, über die ganze Wüste gleich einer aufgehenden Sonne den hellsten Tag verbreiten wird! Keines unserer Lasttiere wird stutzig werden!"
06] Und so wird im besten Vertrauen die Reise angetreten. Am Anfange der Reise macht der Führer nur ein ganz kleines Flügelchen seiner wundersamen Laterne auf und alsogleich kommt daraus so viel Licht zum Vorscheine, daß dadurch schon allen Steinen des Anstoßes auf dem Wege recht gut ausgewichen werden konnte. Da meint der Reisende: "Ja, mit solch einem Lichte läßt sich freilich gut reisen, und die Wüste wird uns keine Sorgen machen!"
07] Aber was macht der Reisende nun erst für Augen, als der Führer alle Lichtsperrflügel der großen Laterne öffnet und ein wahres Sonnenlicht im Augenblick über die ganze Wüste eine vollkommene Tageshelle verbreitet, so daß selbst die wilden und reißenden, hie und da auf eine gute Beute lauernden Tiere die weidlichste Flucht ergreifen und dafür die friedlichen Vögel des Himmels erwachen und ihre heiteren Liedchen zu singen beginnen, als wäre im Ernste schon die Sonne selbst aufgegangen! - Das wäre das Licht des rechten Führers!
08] Aber nun kommt der Afterführer mit einer wahren Nachtlampe in der Hand und sagt zum Reisenwollenden: "Komm und laß uns ziehen durch die Wüste!" Spricht der Reisenwollende: "Werden wir mit diesem deinem Lichte in der stockfinstern Nacht wohl auslangen?" Und der Führer spricht mit einem mystischen pathos: "Freund, wohl einen nur sehr schwachen Schimmer scheint mein Lämpchen zu verbreiten; aber es ist das ein magisches Licht, mit dem man sich in einer noch um vieles finstereren Nacht ganz überaus wohl zurechtfinden kann!"
09] Die Reise beginnt. Die Kamele werden alle Augenblicke stutzig und wollen nicht weiter; denn mit solcher Beleuchtung werden ihre Augen nur noch mehr verblendet, so daß sie darauf erst ganz und gar nichts mehr sehen. Sie legen sich und sind um keinen Preis mehr weiter zu bringen.
10] Da spricht der Reisende: "Aber ich habe es ja zum voraus gewußt, daß es mit solch einem Lichtchen durch die selbst noch so kleine Wüste nicht gehen wird! Was ist nun zu tun? Auf dem traurig aussehenden Wege sind wir einmal!" Sagt wieder gravitätisch der in sich selbst sehr verdutzte Führer: "Die Tiere sind müde und haben - in wenn noch so großer Ferne - Reißwild gewittert und gehen zu unserem Glücke nicht weiter!" Sagt der Führling: "Was dann aber, so die Reißtiere uns auswittern und uns in solcher Nacht einen sehr unliebsamen Besuch abstatten werden?" Da versichert dem ängstlichen Führling der bei sich noch um vieles ängstlichere Führer: "Oh, in solcher Nacht sind wir davor sicher; denn man hat noch nie erlebt, daß je ein Reisender in solcher Nacht wäre von den Reißtieren belästigt worden!" - Es kommt wohl glücklicherweise kein solches Tier, besonders am Anfange der Wüste, zum Vorscheine. Und Führer und Führling harren des beginnenden Tages und vertrösten sich, so gut es geht, bis dahin.
11] Ebenso, scheint es mir, geht es auch bei der geistigen Führung, welche von seiten eines Afterführers unternommen wird. In der Wüste und in der Nacht dieses irdischen Lebens, wo Lehrer und Schüler zugleich nichts sehen, vertröstet auch der weise sich zeigende Lehrer seinen Schüler damit, daß dereinst alle die geheimnisvollen Dinge jenseits werden offenbar werden. Aber dabei fürchtet sich der, weise Lehrer noch mehr vor dem Tode des Leibes als sein unerfahrener Schüler; denn der Schüler hat doch noch zum wenigsten einen blinden Traumglauben, während sein weise sein wollender Lehrer auch diesen schon lange nicht mehr besitzt.«


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