Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 116

Die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis. Trost in der göttlichen Liebe.

01] Sagt Mathael: »Ich danke Dir, o Herr, für diese weitere Erklärung; denn durch sie allein bekam ich nun erst einen so ziemlich hellen Begriff von einer Hülsenglobe, und ich bin vorderhand ganz damit zufrieden. Was die zahllos vielen anderen ähnlichen Nachbarn im weiten Schöpfungsraume betrifft, so kümmern sie mich nun eigentlich gar nicht; denn ich bin der Meinung, daß ein Menschengeist mit der einen schon auf alle Ewigkeiten der Ewigkeiten völlig genug haben wird.
02] Ich supponiere (nehme an) nun nur diese unsere kleine Erde. Wie lange hätte ein Mensch zu tun, um sie nur von Punkt zu Punkt nach der ganzen Oberfläche zu Land und zu Wasser zu bereisen?! Ich glaube kaum, daß man es damit in fünf- bis sechstausend Jahren dahin brächte, um sagen zu können: "Nun gibt es auf der ganzen, weiten Erde keinen Punkt mehr, den mein Fuß nicht betreten hätte!" Wenn man dazu dann auch die Zeit der ernstlichen Nachforschungen rechnen würde und zugleich die damit notwendig verbundenen Ruhe- und Vergnügungsstunden mit in Anschlag brächte, die wahrlich doch auch nicht ausbleiben können bei der stets hocherbaulichen Betrachtung Deiner großen Wunderwerke, der hie und da himmlisch reizend schönen Gegenden und Landschaften, und da man zu oft in einer gar zu anmutigen Gegend auch gerne jahrelang verweilte, - ja, da brauchte man schon für diese Erde allein mehrere Hunderttausende von Jahren!
03] Wie lange aber würde man sich erst dann bei dieser Erde allein aufhalten, so es einem möglich wäre, alle die zahllos vielen inneren Gemächer dieser Erde zu durchschauen?! Oh, dazu würde eine ganze Million von Jahren nicht hinreichen, besonders wenn man sich in den inneren großen Werkstätten der Natur und ihrer Geister beobachtend hinstellen und bei den zahllos vielen Werken die Einsicht nehmen könnte, wie sie prinzipiell bis zu ihrer ganzen Entwicklung entstehen, werden und dann wieder in ganz andere Dinge und Formen übergehen!
04] Ja, wenn man das auch in Anschlag nähme, da hätte man ja schon mit dieser Erde allein - um nach arabischer Art zu zählen - viel über tausend Millionen von Erdenjahren, natürlich als ein durch Zeit und Raum beschränkter Mensch, zu tun, um dann mit gutem Gewissen sagen zu können: "Die Erde ist mir von Punkt zu Punkt wesenhaft und allerverschiedenartigst tatkräftig allerbestens bekannt von Organ zu Organ!"
05] Der Erde zunächst müßte dann vor allem der Mond berücksichtigt werden. Der nähme zu seiner Totalbekanntschaft auch wieder einige Hunderttausende von Erdenjahren in Anspruch. Darauf kämen dann erst die anderen und oft um sehr vieles größeren Planeten an die Beschauungs- und Erforschungsreihe, von denen, weil sie ganz fremdartig und sicher noch wundervollere Weltkörper denn diese Erde sind, man sich am Ende schon wegen ihrer Großwunder eine Unzahl von Jahrtausenden gar nicht trennen könnte.
06] Jetzt käme dann erst die große Sonne mit allen ihren zahllos vielen allergroßartigst wundervollst herrlichsten Lichtgefilden! Ich meine, da verbliebe man dann schon gleich eine Ewigkeit hindurch und bekäme sicher fort und fort etwas Neues zu schauen und zu erforschen. Nimmt man noch dazu an, daß ihre Menschen etwa höchst schöne, weise und freundliche Menschen sind, ja, ja, so wäre da von einem Weiterfortkommen keine Rede mehr! Das ganze, große arabische Zahlensystem hätte da wahrlich keine Ziffern mehr, mit denen man die Aufenthaltszeiten aussprechen könnte, die man bei dem Durchforschen und Durchkosten der großen Sonne vonnöten hätte!
07] Nun, da wäre man dann erst mit einer kleinen Planetarsonne fertig! Es blieben einem dann noch äonenmal Äonen Sonnen übrig, und darunter noch die übergroßen Zentralsonnen. Hören wir auf! Nur um eine volle Bekanntschaft mit dieser einen Hülsenglobe zu machen, gehörten schon ganze und volle Ewigkeiten dazu! Wer möchte und könnte nun noch der Durchforschung irgendeiner zweiten Hülsenglobe gedenken?! Ich habe daher an der einen mehr als für ewig genug und überlasse die zahllos vielen andern gewiß sehr gerne den anderen höheren Geistern zur Durchforschung! Mich wenigstens fängt es stets mehr zu schwindeln an, so ich nur der einen so recht gedenke!
08] O Herr, Deine Liebe ist mir der größte Trost, und ich finde mich in ihr zurecht; aber Deiner Macht und Weisheit Größe verschlingt mich wie der ungeheure Rachen eines Walfisches ein winzigstes Würmchen, das da war und gleich darauf nicht mehr ist! In Deiner Größe bist Du, o Herr, ein allererschrecklichstes Feuermeer; aber in Deiner Liebe bist Du ein Honigseim! Daher bleibe ich bei Deiner Liebe; Deine Macht- und Weisheitsgröße aber ist für mich wenigstens so gut wie gar nicht da. Denn ich fasse sie nicht und werde sie auch nimmer und nimmer erfassen; aber die Liebe erfasse ich, und sie erquicket gar wonniglich mein Herz und machet angenehm mir mein Leben.
09] Ich begreife nun freilich gar viele und große Dinge; aber wer wird sie nach mir wieder fassen?! Da ich aber sehe, daß alle diese vielen, von Dir, o Herr, uns erklärten großen Dinge für tausendmal tausend und abermals tausendmal tausend Menschen völlig unbegreiflich sein müssen, so habe ich nicht einmal eine rechte Freude daran, daß ich nun so manches Übergroße recht wohl verstehe und einsehe, es aber wohl niemandem wieder verständlich machen kann, weil die Menschheit im allgemeinen auf einer zu niederen Stufe der geistigen Entwicklung steht!
10] Ich sehe es wohl so mehr dunkel ein, daß es gerade nicht zu den unmöglichen Dingen gehört, die Menschen zum größten Teile dahin zu stimmen, daß sie Dich zur Not nur so weit- und auswendig hin erkennen, daß Du als ein Gott bist, der alles erschaffen hat und nun alles erhält, und daß sie Dich dann auch zu lieben, zu fürchten und anzubeten anfangen werden; aber Dich ihren verkrüppelten Begriffen näher anschaulich zu machen, das kommt mir nun so gut wie rein unmöglich vor.
11] Denn wo man etwas bauen will, muß man doch irgendeinen festen Grund haben; denn auf einem lockersten Sandboden oder gar auf einem Sumpfe läßt sich keine feste Burg erbauen. Daher will ich in der Folge, sowohl für mich als für mein Volk, nur allein bei der Liebe verbleiben; was diese mir geben und enthüllen wird, das soll in den Bereich meiner Weisheit für immer aufgenommen werden! - Habe ich da nicht recht?«


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