Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 85

Die Übergänge im Reiche der Naturgeister.

01] In dem Moment, als Raphael dem Roklus die weitere Konzession erteilt, wie danebst auch seinen Gefährten, ihn, so sie noch etwas auf dem Herzen hätten, noch weiterhin zu befragen, erhebt sich plötzlich ein starker Wind von der Seeseite her und versucht seine Kraft besonders an den nahe am Meere stehenden Prachtzelten des noch unter uns weilenden Ouran. Auch vernimmt man das Geschrei einer Menge von Kranichen, die wüst und in großer Verwirrung in der Luft herumfliegen.
02] Die neuen Schiffe im neuen Hafen fangen auch ganz gewaltig zu knarren an; denn der Wind wird beim sonst heitersten Wetter stets heftiger und heftiger, so daß Cyrenius zu Mir sagt: »Herr, der Sturm nimmt von Minute zu Minute zu, und wenn das so fortgeht, so werden wohl auch wir genötigt sein, unsern Standpunkt zu ändern! Die wüst durcheinanderfliegenden Kraniche bedeuten auch nichts Erfreuliches! Die Tiere müssen durch irgend etwas sehr erschreckt worden sein, ansonst sie nicht ihre nächtliche Ruhestätte verlassen hätten! Nein, nein, es wird bald nicht mehr auszuhalten sein! Der Wind wird immer mächtiger und für das Gefühl auch ganz empfindlich kalt! Sollen wir uns etwa doch in die Gemächer des neuen Hauses begeben?«
03] Sage Ich: »Solange Ich bei euch bin, habt ihr weder einen Wind, noch seine Kühle und auch kein schreiend Getier zu fürchten! In der Luft, wie in der Erde und im Wasser gibt es ja eine Menge von ungegorenen Naturgeistern; diese haben ihre Perioden und Zeiten, sich nach ihrer Art tätig zu erweisen, auf daß sie dadurch in eine neue und höhere Tätigkeitssphäre zu treten imstande sind.
04] Solche naturgeistigen Übergangsperioden sehen dann stets etwas naturstürmisch aus; das ist alles ebenso notwendig zur Erhaltung und Fortpflanzung des Ganzen, wie dir das Atmen zur Erhaltung deines leiblichen Naturlebens im höchsten Grade notwendig ist. Bist du schnell gegangen und hast dadurch deines Fleisches und Blutes Geister in eine größere Erregung gebracht, so vereinen sich dann diese und betreten dadurch schon eine höhere Seinsstufe; aber dafür werden die unteren Tätigkeitsstufen gewisserart arbeiterleer, und würden sie nicht schon im nächsten Moment durch neue Arbeiter besetzt werden, so würdest du alsbald wie ganz ohnmächtig dahinsinken und im schnell fortschreitenden und sich auch sehr schnell vermehrenden Untätigkeitszustande der unteren Naturlebensstufen auch ehest das ganze Leibesleben verlieren.
05] Siehe, durch des Tages Licht und Hitze sind zahllose Myriaden von den aus der Materie erlösten Naturgeistern in der Pflanzen- und in der Tierwelt in eine höhere Seinsstufe übergegangen, und bei sehr hohen Temperaturen des Tages oft mehr, als da aus der groben Materie der unterststufigen Naturgeister frei gemacht werden konnten! Und du wirst es gleich merken, wie dabei alles so träge, so lebensunlustig und die Pflanzenwelt welk und oft ganz dürre wird. Der Grund davon liegt darin, daß da viel mehr der Naturlebensgeister in eine höhere Lebensstufe übergegangen sind, als von unten her ihre Stellen haben in den tätigen Besitz nehmen können.
06] Es geht die Sache ungefähr also wie bei einem Strome, der nichts als eine fließende Wasseransammlung von vielen tausend kleinen Quellen ist. Könntest du also die fünfhunderttausend Quellen des Euphrat versiegen machen, so würdest du sein Bett ganz leer und in kurzer Zeit völlig ausgetrocknet haben. Es treibt da wahrlich ein Keil den andern, und erst im vollendeten Menschen haben alle von unterst aufsteigenden Naturlebensgeister ihre Endbestimmung erreicht, das heißt, was da betrifft des Menschen Seele und Geist; aber das Fleisch ist und bleibt noch lange Materie und zerfällt am Ende in allerlei Lebensformen, die endlich wieder aufsteigen bis dahin, wo ihnen das Ziel gesetzt ist.
07] Wenn du das nun so ein wenig überdenkest und beherzigest, so wird dich dieser nun so ziemlich heftig ziehende Wind durchaus nicht wundernehmen, und auch das Geschrei der Kraniche nicht, die als Vögel auf einer höheren Intelligenzstufe stehen und am ersten wahrnehmen, wenn von unten her zu wenig der prinzipiellen Naturlebensgeister in sie aufsteigen.
08] Des Tages sehr bedeutende Hitze hat gar viele Naturlebensgeister nach höher hinauf befördert, und es ist von unten her im allgemeinen ein bedeutender und fühlbarer Mangel eingetreten, und zwar gerade in dieser Gegend der Erde; dafür ist aber im Nordosten der Erde eben durch den heutigen und auch schon gestrigen und vorgestrigen Tag ein wahres Superplus der Naturgeister von ganz allerunterst her frei geworden aus der Materie. Am Entstehungs- und Freiwerdungsorte haben sie keine Unterkunft zu gewärtigen und ziehen oder ergießen sich hernach in jene Gegenden, die an ihnen einen bedeutenden Mangel verspüren. Die Wandervögel, und namentlich die Kraniche, besitzen in dieser Beziehung ein außerordentlich gefühlvolles und äußerst empfindsames Leben, nehmen am ersten unter allen Tieren sowohl die Überfülle wie auch den Mangel an benannten untersten Naturgeistern wahr, werden unruhig, fliegen auf, und ein jedes sucht in der Luft Schichten, in denen es ein Plus des Abgängigen findet, das es sich dann durch ein fleißiges Einatmen aneignet und durchs Geschrei kundgibt, daß es das Mangelnde gefunden; dies Geschrei der Kraniche ist demnach sowohl ein Zeichen des Behagens, aber freilich auch des Mißbehagens.
09] Dieser Wind zieht nun gerade von Nordosten her und ist durch und durch vollauf gesättigt von jenen hierorts schon sehr in Abgang gekommenen ersten und untersten Naturgeistern, die die Apotheker den Sauer- oder Salzstoff nennen. Seine Kühle ist darum vorderhand niemandem schädlich, weil sie nur belebend wirkt und unsere schon sehr schlaff gewordenen Glieder stärkt und gar lieblich erfrischt. Dieser Wind aber dauert bei einer Stunde lang und wird sich sodann legen, und ihr alle werdet heiter und munter sein, und der Wein und das Brot wird euch schmecken.«


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