Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 70

Das Wesen Satans und der Materie.

01] Sage Ich: »Wie alles dies dir nun noch Unverständliche zu verstehen ist, wirst du finden in dem Buche, das dir der Junge durch Ruban gegeben hat; im übrigen dürften dir die Gegensätze, als da sind Geist und Materie, Leben und Tod, Liebe und Haß, Wahrheit und Lüge, doch schon einen kleinen Fingerzeig geben, daß alles das irgendeinen Entstehungsgrund haben muß, ansonst es nimmer in irgendeine fühlbare Erscheinlichkeit kommen könnte!
02] Wenn das Böse nicht irgendeinen Entstehungsgrund hätte, woher sollte es dann wohl kommen in den Sinn der Menschen? Du wirst daraus etwa doch bei deiner geübten Denkkraft wahrzunehmen anfangen, daß sich alles - wie: Wahrheit und Lüge und dergleichen Gegensätze mehr - dem höchsten und besten Gottwesen nicht in die Schuhe schieben läßt!
03] Oder kannst du das annehmen, daß Gott, als die höchste, tiefste Wahrheit Selbst, dem Menschen einen lügenhaften Sinn ins Herz gelegt hat, auf daß er dann sündige wider die Ordnung Gottes und unflätig würde in allen seinen Reden und Handlungen? Oh, das sei ferne! Gott schuf den Menschen geistig nach Seinem Ebenmaße, also rein, wahrhaft und gut.
04] Da der geistige Mensch aber auch zu seiner ferneren Existenz bedinglich den Weg des Fleisches durchzumachen bekam, so mußte er dieses aus der Materie der Erde entlehnen nach der Anordnung des allerhöchsten Geistes Gottes; und in das Fleisch ist für den Geist des Menschen ein denselben probendes Gegengewicht gelegt und heißet Versuchung!
05] Diese rastet aber nicht nur im Fleische des Menschen, sondern in aller Materie; und weil die Materie das nicht ist, als was sie dir erscheint, so ist sie dem sich selbst probenden Menschen gegenüber Lüge und Trug, also ein Scheingeist, der da ist und nicht ist. Er ist da, weil die verlockende Materie da ist fürs Fleisch des Menschen; er ist aber auch nicht da, weil die Materie nicht ist, was sie zu sein scheint.
06] Und sieh und fasse es recht! Dieser Truggeist, als durch und durch Lüge in sich selbst, ist eben der Geist aller Welt der Materie und eben das, was da 'Satan' oder 'aller Teufel Oberster' heißt. Die 'Teufel' aber sind die Spezialbösgeister aus dem dir nun gezeigten allgemeinen Bösgeiste.
07] Ein Mensch, der sonach allerlei Materie mit der Liebe erfaßt und sich darin tätig begründet, der sündigt wider die Ordnung Gottes, die ihm nur darum die Materie zeitweilig unter sein Dasein legte, daß er mit ihr kämpfe und sich zur Unsterblichkeit kräftige mit dem Gebrauche des ganz frei gestellten Willens. Und die Folge der Sünde ist der Tod oder das Zunichtewerden alles dessen, was sich des Menschen Seele aus der Materie angeeignet hat, weil alle Materie, wie Ich dir's gezeigt habe, in dem, als was sie erscheint, nichts ist.
08] Liebst du demnach die Welt und ihr Getriebe und willst dich bereichern mit ihren Schätzen, so gleichest du einem Narren, dem ernstlich eine wohlgeschmückte Braut vorgestellt ist, die er aber nicht will und nach ihr auch kein Verlangen trägt; wohl aber wirft er sich mit aller Glut eines blindesten Fanatikers auf den Schatten der Braut und koset denselben über alle Maßen! So aber dann die Braut den Narren verlassen wird, so wird etwa ja auch ihr Schatten mit ihr ziehen! Was aber wird dann dem Narren übrigbleiben? Offenbar nichts!
09] Wie wird dann wehklagen der Narr, daß er verloren hat, was er so sehr liebte! Aber da wird man zu ihm sagen: "Blinder Tor, warum erfaßtest du denn nicht die volle Wahrheit anstatt deren Schatten, der doch offenbar nichts war?!" Was kann der Schatten auch irgend anderes sein als ein Lichtmangel, den eine jede dichte Form geben muß nach irgendeiner dem Lichte gegenüberstehenden Seite, weil der Lichtstrahl nicht durch den festen und dichten Körper dringen kann?
10] Was aber dein Schatten ist zu dir, so du irgend im Lichte stehest oder gehest, dasselbe ist alle Materie und ihre Schätze gegenüber dem Geiste! Sie ist ein notwendiger Trug und in sich selbst eine Lüge, weil sie das nicht ist, als was sie den Sinnen des Leibes erscheint.
11] In dem aber liegt eben ein Gericht der Lüge und des Truges, daß sie vor den Augen des Geistes als etwas Vergängliches und nur als ein äußeres, entsprechendes Schattenbild einer inneren tiefen Wahrheit sich offenbaren muß, während sie nach der blinden Weltliebe der Seele lieber das in einer Realität verbliebe, was sie zu sein scheint.«


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