Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 62

Die Liebe und ihr Erkenntnislicht.

01] (Der Herr:) »Du wirst daraus nun wohl entnehmen können, daß der Mensch mit seiner puren Vernunft und mit seinem noch so klaren und scharfen Verstande von all dem, was geistig ist, nichts fassen kann. Er kann nicht begreifen das Leben und dessen Grund-Endzweck; denn die Vernunft und der Verstand haben ihren Grundsitz im Gehirne und im Blute, das das Gehirn in einer gewissen tätigen Spannung erhält, wodurch dieses die Fähigkeit beibehält, die Eindrücke und Bilder der materiellen Außenwelt aufzunehmen, sie zu vergleichen in ihren Formen und Wirkungen und sich endlich daraus einen Kreis von allerlei Schlüssen zu bilden.
02] Aber alles das sind Dinge und Abbilder der Materie, in der des Kopfes Sinne nimmer etwas Geistiges zu entdecken imstande sind. Weil aber das Leben doch nur etwas Geistiges sein kann, so kann es auch nur in und durch sich selbst begriffen werden.
03] Es müssen im Menschen sonach noch andere Sinne vorhanden sein, durch die er auch das geistige Lebenselement in sich erfühlen und erschauen und also nach und nach auch begreifen kann in allen seinen Tiefen, Verbindungen und Beziehungen.
04] Welches sind aber solche inneren Sinne? - Siehe und höre! Da gibt es eigentlich nur einen einzigen Sinn, und der heißet Liebe, die da wohnt im Herzen. Dieser Sinn muß vor allem gestärkt, gebildet und geläutert werden, und alles, was der Mensch tut, was er will, was er denkt, und was er urteilt, muß von der lebensheißen Lichtflamme aus dem Feuer der reinen Liebe erleuchtet und durchleuchtet sein, damit da alle Geister erwachen am Morgen des im Menschenherzen werdenden Lebenstages.
05] Werden alle Lebensgeister in den Gedanken, Worten, Taten und Werken wach, so werden sie sich zu regen anfangen, und der des innern geistigen Lichtes volle Mensch wird bald und leicht ihrer gewahr, weil sie schon in dem ersten Beginne ihrer Regungen sich unter allerlei Formen zu äußern beginnen. Diese Formen aber sind keine zufälligen und leeren, sondern alle entsprechen irgendeiner sehbaren geistigen Tätigkeit aus der Sphäre der Ordnung aus Gott.
06] Solches aber kann der Mensch mit seinem Verstande und mit seiner eitlen Vernunft nimmer erschauen, sondern nur mit den lebensflammenden Augen seines Geistes, der die Liebe ist.
07] Darum kannst du das als eine feste Norm annehmen und demnach sagen: Kein äußerer Weltverstand kann es je ergründen und erschauen, was im Menschen ist; das kann allein nur der Geist im Menschen. Und also kann auch niemand Gott erkennen als nur der erweckte und vollauf tätig gewordene Geist Gottes im Menschenherzen, der gleich wie Gott Selbst die reinste Liebe ist und ein ewiger Sabbat im Menschenherzen.
08] Siehe, diesen alleredelsten Teil in deinem Herzen hast du noch nie gepflegt und hattest auch keine Ahnung von seinem Werte, und es ist darum sehr begreiflich, wie du ein festester Gottesleugner geworden bist und alles deines Suchens ungeachtet der ewigen, alles erschaffen habenden, alles durchdringenden und erhaltenden Gottheit nimmer auf die Spur kommen konntest!
09] Nun aber wird es auch nicht gar so leicht sein, daß du die Gottheit in ihrem wahren Sein und Walten so ganz aus dem Fundamente erkennen werdest, weil dein Gehirn mit all seinen Gebilden schon zu verhärtet ist. Du müßtest nur ein gar gewaltiges Liebefeuer in deinem Herzen anfachen, dein Essäertum ganz aufgeben und dich demütigen in allen deinen Lebenssphären und - verbindungen und müßtest total ein ganz neuer Mensch werden; denn alle deine bisherigen Lebenstheorien und Lebensanschauungen sind der inneren und einzigen Wahrheit nach grundirrig und falsch, so daß du mit denen niemals auch nur in den Vorhof des innersten Gottlebens in dir gelangen wirst!
10] Aber es ist an dir noch nicht alles verloren, ja du könntest sogar noch Großes erreichen; aber du müßtest da aus deinem freiesten Willen heraus als selbsttätig und ganz selbst wollend ein neuer Mensch werden und aus deiner innern Überzeugung nach deinen Kräften dazu beitragen, daß eures Institutes loses Treiben ein Ende nehme, ansonst es dir unmöglich würde, je zum wahren Leben deines innern Geistmenschen zu gelangen. Denn das innerste Leben im Menschen ist die höchste Wahrheit, in die du ganz überzugehen hast; diese aber kann nicht, nie und nimmer gedeihen, wenn sie durch die Tätigkeit der Lüge und des dicksten Betruges genährt werden soll.
11] Jeder Schritt und Tritt von dir muß von der höchsten und tiefsten Wahrheit im Denken, Wollen, Reden und Handeln begleitet sein, wenn das wahre, innerste Leben in dir selbst zur lichtesten Wahrheit werden soll; ist aber das nicht der Fall vom Alpha bis zum Omega, so, merke es wohl, ist das innerste Leben in dir selbst eine barste Lüge!
12] Nun weißt du so ungefähr, wie es mit deiner reinen Vernunft und mit deinem scharfen Verstande steht! An dir liegt nun die freie Wahl, ob du erreichen willst das ewige Leben oder den ewigen Tod! Ich aber bin Der, der Ich bin! Ich kann dir geben das ewige Leben, aber dir auch belassen den ewigen Tod!
13] Von dem aber, was Ich dir nun gesagt habe, wird nicht ein Häkchen je nachgelassen werden! Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen in dieser Gestalt, Form und Wesenheit, diese Meine Worte jedoch ewig nimmer! Tue nun, was du willst! Ich bin noch da eine kurze Zeit!«


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