Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 211

Die Herrschaft der Mohren über das Wasser.

01] Sagte Ich: »Noch etwas weniges, das ihr kennet, zum Beispiel was ihr während eines flammenheißen Windzuges auf dem Wasser tut, und wie ihr Fische fanget!«
02] Der Anführer begibt sich schnellst wieder zu den sechzig und gibt ihnen Meinen Wunsch kund, und auf einmal fallen alle auf ihre Angesichter, respektive aufs Wasser, und liegen einige Augenblicke so ruhig wie trockene Stücke Holz auf demselben. Bald darauf aber werden sie sehr unruhig und fangen an, sich ganz ausgestreckt und überaus schnell um ihre Achse zu drehen.
03] (Der Herr:) »Dieses geschieht darum, daß sie stets gehörig naß an allen Körperteilen verbleiben, um vom glühenden Kam'sim (Wohin fliehe ich?) nicht verbrannt und gebraten oder zu Asche verbrannt zu werden; denn der Kamb'sim (auch Kam beshim = 'Wohin fliehe ich nun?') ist wohl der bei weitem heißeste Wind der Wüsten Nubiens und Abessiniens. Der Samum (fürs Pech = der Wind zum Erdpech schmelzen machen) ist bei weitem nicht so heiß wie der Kamb'sim. Noch weniger heiß ist der Giroukou (der über die Weiden her wehende Südostwind), der in Memphis, weil über die gerade in solcher Richtung von der Stadt aus gelegenen großen Weiden Giri herkommend, schon im grauesten Altertume also benannt worden ist. Aber so warm waren beide Winde außer dem Kamb'sim, daß sich die Menschen in die feuchten Höhlen vor ihnen zurückzogen.
04] Was sie nun machen auf dem Wasser, das tun sie nur bei Gelegenheit des Kamb'sim; und geht er lange, und nimmt er an Heftigkeit zu, dann erst fangen sie an, unters Wasser zu tauchen, also wie sie es nun zeigen. Aber sie können nie zu lange unterm Wasser verbleiben, weil ihre starke Innen- und Außenlebenssphäre ihren Leib spezifisch leichter macht, als da ist das Wasser.
05] Nun aber sitzen sie auf dem Wasser und werden uns in dieser Stellung zeigen, wie sie Fische fangen! Seht, durch die starke Macht ihres Willens treiben sie die Fische von weit her zu sich! Diese nehmen sie mit der Hand aus dem Wasser und legen deren nach ihrem Bedarf in ihre aufgebogenen Vortücher, die sie stets um ihre Lenden gebunden tragen, und fahren damit in der sitzenden Stellung schnell uns Ufer. Ihre Segel und ihre Ruder bestehen allein in ihrem Willen; sobald sie auf dem Wasser eine Bewegung schnellerer Art machen wollen, so wollen sie das in aller ihrer ungezweifelten Glaubensfestigkeit, und es geht alles, wie sie es wollen!
06] Seht, nun haben sie schon gefischt und werden nun damit, in dieser ihrer sitzenden Stellung über des Wassers Oberfläche fahrend, pfeilschnell hier am Ufer sein! Seht, nun fahren sie schon ab und sind aber auch schon am Ufer! Sie stehen nun schnell auf und tragen ihre Beute zu uns her.
07] Markus, sage es deinen Söhnen, daß sie die vielen und sehr edlen Fische sogleich versorgen mit Wasser, sonst stehen sie ab!«
08] Als die Schwarzen die Vortücher voll lebender Fische zu uns bringen, führt sie Markus selbst an einen Fischbehälter, in den sie ihre Fische, bei etlichen hundert an der Zahl, hineinlassen. Sie begeben sich darauf schnell wieder zu Mir hin.
09] Und der Anführer richtet sogleich folgende Worte an die Weißen und sagt: »Das, ihr weißen Brüder, was wir nun ausführten, scheint euch ganz fremd und noch nie dagewesen zu sein? Allein es ist bei uns ganz einfachen Naturmenschen alles das, was wir nun vor euch auf dem Wasser machten, etwas so ganz Natürliches wie bei euch das Schauen, das Hören, das Riechen, Schmecken und Fühlen.
10] Der seelisch verhärtete und verkehrte Mensch wird auch dem Leibe nach um vieles schwerer und gleicht stets mehr und mehr einem Steine, der auf dem Wasser nicht schwimmend bleibt, weil er schwerer ist denn das Wasser. Wir aber gleichen dem Holze, dessen innere Lebensgeister schon um vieles freier sind denn jene stark gerichteten was immer für eines Steines.
11] Habet acht, lasset einen Gemütsmenschen, der aber keinen Hochmut und keine herrschgierige Eigenliebe in seiner Brust gefühlt hat, herkommen; er soll sich dem Wasser überlassen, und ich stehe dafür, daß er nicht untergehen wird! Stellet aber daneben auch einen herrschsüchtigen und sehr selbstliebigen Menschen auf das flüchtige Element, und er wird untergehen wie ein Stein! Er müßte nur sehr fett sein was bei sehr Selbstsüchtigen wohl schwerlich je der Fall ist -,da würde ihn dann das Fett eine Zeitlang so ziemlich bis allenfalls zwei Drittel seines Leibes das heißt, wenn er sehr gemästet fett wäre! - über dem Wasser erhalten; aber im gewöhnlichen Fleischstande sinkt er unter wie ein Stein.
12] Bei uns gilt das Wasser darum auch als eine gute Probe für die innere Echtheit eines Menschen. Den das Wasser nicht mehr so recht füglich trägt, dessen Gemüt hat sicher irgendeinen Schaden erlitten, und es wird ihm das Element nicht freundlich sein und ihm nicht jeden erwünschten Dienst erweisen. Wie wir nun aber sicher mit der ersichtlichsten Ungezwungenheit uns auf dem Wasser umherbewegten und auch gezeigt haben, daß die Tiere im Wasser unserem Willen untertan sind vom Anbeginne unseres Seins, so war es auch bei und mit den Urmenschen der Fall. Für sie waren Ströme, Seen und sogar das Meer kein Hindernis, über die ganze Erde hinzuwandeln; sie benötigten weder der Schiffe noch der Brücken. Ihr aber werdet oft samt euren Schiffen und Brücken vom Wasser verschlungen, und nicht eine Wassermücke gehorcht eurem Willen! Wie weit entfernt seid ihr demnach von der echten Menschheit!
13] Ihr müßt allerlei Waffen haben, um einen Feind in die Flucht zu schlagen; wir haben uns deren noch niemals bedient. Bis auf diese Zeit hatten wir auch nicht ein anderes als nur ein beinernes Schneidewerkzeug, durch dessen Hilfe wir uns unsere Hütten und unsere Kleider auf eine ziemlich mühsame Art bereiteten; aber darum gingen wir doch nie völlig nackt einher, und unsere Mühe ist uns noch nie sauer geworden. Wenn wir von euch die nötigsten Werkzeuge mitbekommen werden, so werden wir uns deren aus desto gesteigerter Nächstenliebe bedienen; aber als irgendeine Waffe werden sie uns nie Dienste leisten, dessen ihr ganz versichert sein könnet!
14] Nun aber machet ihr eine Probe auf dem Wasser, und zeiget, wie lebenstüchtig ihr schon seid!«
15] Es rauchte diese Sprache ganz heimlich den Römern wohl so ein wenig in die Nase, aber sie drückten es, wie man sagt, so ganz gutwillig hinab.


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