Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 209

Verstandes- und Gemütsbildung.

01] (Oubratouvishar:) »Bei uns besteht eine wahre Zucht darin, daß wir zuerst das Gemüt unserer Kinder soviel als möglich nach unserer Art und Weise veredeln; und ist das Gemüt einmal in der Ordnung, so bekommt dann auch der Verstand diejenige Bildung, die wir selbst besitzen. Aber die Weißen fangen an, ihre Kinder, sobald sie nur zu lallen anfangen, beim Verstande zu bilden, und meinen, wenn das Kind nur einmal einen vollkommen ausgebildeten Verstand habe, so werde dann schon dieser für das Gemüt Sorge tragen!
02] O Herr, wie dumm die vielen Weißen in dieser Hinsicht doch sind, daß sie das nicht einsehen, daß ein vorausgebildeter Verstand stets ein Mörder des Gemütes ist! Denn der pure Verstand macht das Kind einbilderisch und hochmütig; wo aber Einbildung, Eigendünkel und Hochmut einmal das Gemüt in den Besitz genommen haben, da soll dann nur jemand versuchen, dasselbe umzugestalten, und er wird sich ehest überzeugen, daß sich ein alter, krummgewachsener Baum nimmer gerade machen läßt.
03] Wir haben bei uns keine Gerichte, keine Gerichtshäuser und keine Gefängnisse und keine Kerker, aber auch keine anderen Gesetze als die, die ein wohlgebildetes Gemüt dem Menschen vorschreibt. Darum aber gibt es bei uns keine uns irgend bekannte Sünde und kein irgendeinen Namen habendes Verbrechen und somit auch keine Strafe, denn wie ein jeder von uns für sich denkt, geradeso und eher noch besser denkt er für seine Nebenmenschen.
04] Bei den weißen Verstandesmenschen aber haben wir gerade das Gegenteil gefunden. Nahe die meisten halten nur auf sich alles und auf die Nebenmenschen nur so viel, als sie der Selbstsucht des einen irgend nützen können. Sieht der selbstsüchtige Eine, daß ein oder der andere Nebenmensch keinen Nutzen schaffen kann oder will, so ist dem einen jedes Tier lieber denn ein solcher Nebenmensch!
05] Bei uns aber schätzt man den Menschen zuerst als Menschen. Kann ein Nächster mir nichts nützen, so kann doch ich ihm nützen, und so hebt sich das auf. Ich habe auch einen Diener; aber ich habe ihn nicht durch was immer mir zu dienen gedungen, sondern es ist das sein vollkommen freier Wille. Wir dienen uns gegenseitig sicher mehr, als sich je die Weißen gedient haben um den elenden Verpflichtungssold; aber keines Menschen Wille ist durch irgendein äußeres Mittel zum Sklaven eines andern gemacht worden, sondern was er tut, das tut er frei und vollkommen ungebunden!
06] Wir haben darum keine Paläste und große, gemauerte Wohnhäuser, sondern ganz einfache Hütten von ganz gleichem Aussehen. Wer da noch keine hat und hat auch nicht Raum,in einer oder der andern Hütte untergebracht zu werden, der muß sich nicht etwa selbst aus seinen Kräften und Mitteln eine neue Hütte erbauen oder zu einer weit entlegenen Gemeinde darum betteln gehen, sondern wir erbauen ihm freiwillig aus Liebe und Achtung vor seiner uns ganz gleichen Menschheit sogleich eine gleiche, wie die unsrigen sind; und so besteht Friede und Einigkeit stets im gleichen Maße unter uns.
07] Diese unsere Hausordnung ist den Weißen, soviel wir sie leider kennen gelernt haben, ganz fremd, und einige haben sie uns ins Gesicht geradewegs als eine aller Kultur widerstrebende Narrheit erklärt. Aber wie ist es denn hernach, daß unserem Einwillen alle Tiere und sogar die Elemente gehorchen, während die Weißen bei aller ihrer Verstandeskultur sich keiner Löwenherde nahen dürfen?! Wehe dem verwegensten Kämpfer mit dem Schwerte! Er soll es nur versuchen; schon ein Löwe wird es ihm zeigen, daß er sein und nicht der Kämpfer des Löwen Herr ist!
08] Wir aber können unter Löwen und Panthern umhergehen wie unter unseren Kamelen, Rindern und Schafen und Ziegen und wissen um keinen Fall, daß sich eine solche Bestie je an einem Menschen vergriffen hätte, - aber auch an unseren Herden nie; denn sie bekommen deren Fleisch erst dann zum Fraße, wenn Tiere unserer höchst zahlreichen Herden vor Alter umgestanden (verendet) sind. Da hat eine jede Gemeinde in einer gewissen Ferne einen Ort, an den sie nahezu täglich ein oder auch mehrere umgestandene Tiere hinbringt, und da kommen dann auch gleich die scharfzähnigen Kostgänger und verzehren die toten Tiere samt Haut und Haaren und Knochen. Denn niemand bei uns ißt ein Fleisch, außer daß der Fische und der Hühner, solange sie noch jung und mürbe sind; die alten werden auch den wilden Tieren überlassen.
09] Was vermag ein Weißer, so er ins Wasser gefallen ist, bei aller seiner Verstandesbildung? Er sinkt unter und ertrinkt! Wir aber können, wann und wo wir wollen, über einen Wasserspiegel ebenso hinwegwandeln wie über ein trockenes Land. Nur so es jemand will, kann er auch untertauchen; aber es kostet ihn so etwas stets eine rechte Mühe und Anstrengung.
10] Alle Schlangen, die da giftig sind, fliehen unsere Nähe; Mäuse und Heuschrecken haben wir erst in Ägypten kennengelernt; die bösen Ameisen scheuen unsere Nähe und unsere Hühner, und Geier und Adler sättigen sich mit dem Fleische krepierter Löwen, Panther und Füchse.
11] Und so scheint bei uns Schwarzen bis jetzt noch eine solche Ordnung zu bestehen, wie sie unter Menschen, welcher Hautfarbe sie auch seien, nach dem Willen des Schöpfers von Uranbeginn sicher bestand und hatte bestehen müssen; denn wäre das erste Menschenpaar in der schlechten Ordnung der gegenwärtigen Weißhautmenschen auf diese Erde gesetzt worden, so möchte ich denn doch wissen, wie es sich gegen den Anfall von allerlei wilden und reißenden Tieren verteidigt hätte!
12] Denn bevor das erste Menschenpaar diese Erde betrat, hat es von allerlei reißenden und grimmigen Tieren gewimmelt, wie uns solches der weise Oberste in Memphis ganz klar gezeigt hat. Wäre also das erste Menschenpaar nach der Lehre des Obersten so schwach in allen seinen Lebenselementen gewesen, wie da nun sind die jetzigen Weißhäute, wie oftmals wären denn sie von ganzen Herden der wildesten Bestien zerrissen und aufgefressen worden?! Sie hätten nur in den massivsten ehernen Kleidern und mit den schärfsten Waffen versehen, als überaus kräftige Riesen, etwa gleich jenen, die vor Shivinz Ägypten heimgesucht haben, aus der Luft auf diese Erde kommen müssen, so sie es in natürlicher Kraft mit diesen Bestien hätten aufnehmen wollen, - und selbst da hätten sie noch genug zu tun bekommen, um mit den riesenhaften Ungeheuern einen Kampf glücklich zu bestehen!
13] Aber wenn die Urmenschen dieser Erde mit all ihren inneren Lebenselementen uns glichen, dann natürlich bedurften sie keiner Waffen und waren mit ihrer Gemütskraft Herren und Regenten aller Tier-, Pflanzen- und Elementenwelt!
14] Ich meine denn, weil wir alle also sind, so dürften einige Deiner an uns gerichteten Worte des Lebens in unserem Leben ganz tiefe Wurzeln fassen! Und gibst Du, o Herr, uns irgend Gesetze oder Regeln des Lebens, so werden wir sicher ganz streng danach leben; denn darauf verstehen wir uns, eine einmal als gut und wahr erkannte Ordnung zu halten, wie vielleicht nur selten einer der Weißen.
15] Da wir denn nun schon das außerordentliche Glück haben das selbst Deinen größten Engeln ein Wunder aller Wunder sein muß -, bei Dir, o Herr, Du Ewiger, Du Schöpfer aller Geister- und Sinnenwelt, zu sein, so bitten wir Dich durch meinen Mund, eines Herzens und in allem vollkommen eines Sinnes, zu all dem Wunderbaren, das wir hier in kürzester Frist zu Gesichte bekamen, noch das Wunder hinzuzufügen, daß Du mit uns einige Worte reden möchtest!«


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