Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 201

Der Mohr und Oubratouvishar übergeben dem Cyrenius ihre Schätze.

01] Hier, vom ersten Schreck ein wenig erholt, beugte sich der Mohr hinab und hob den ziemlich großen Klumpen auf den Tisch, löste das Röhricht und die Linnen ab, und in kurzer Zeit lag der Goldklumpen ganz nackt auf dem Tische; und viele gingen hinzu und betrachteten diesen reichen Schatz. Auch unser Judas Ischariot konnte seine Neugierde nicht bezähmen, besah sich den Schatz und bedauerte heimlich sehr, daß nicht er der Besitzer desselben sei.
02] Als der Schatz hinreichend betrachtet und bewundert worden war, da fragte der Mohr den Engel, wem er nun wohl am füglichsten diesen Klumpen schenken dürfte, weil er ihn denn doch wohl nicht mehr den weiten Weg nach Hause tragen möchte.
03] Und der Engel zeigte ihm den Cyrenius an und sagte: »Dort sieh, zur Rechten des Herrn sitzt der Oberstatthalter Roms! Der hat zu gebieten über Asien und einen großen Teil Afrikas; ganz Ägypten steht unter ihm, und somit auch der Oberste von Memphis! Dem gib diesen Schatz! Auch du, Oubratouvishar, würdest besser tun, den Stein diesem Oberstatthalter einzuhändigen, als dem Obersten in Memphis, der auf derlei Schätze wenig oder gar nichts hält! - Übrigens ist das nur mein Rat, und du kannst tun nach deinem Wohlgefallen!«
04] Sagt der Anführer: »Dein weiser Rat ist mir schon ein Gebot, das ich auch um den Preis des Lebens erfüllen würde, weil du mir nur das Weiseste und Beste raten kannst!«
05] Mit dem erheben sich beide - der Zweifler mit seinem Goldklumpen und der Anführer mit seinem großen Diamanten - und begeben sich damit zum Cyrenius.
06] Als sie da anlangen, sagt der Anführer: »Nicht wußte ich früher, wer du bist. Ich erkundigte mich auch nicht um jemand andern, denn allein nur um den Herrn, da ich mir dachte: "Da kann nur einer der Herr und Gebieter sein, und alle andern sind dessen Knechte und Diener!" Aber nun hat mir jener blendendweiße Wunderjunge erst erzählt, daß du, irdisch genommen, auch ein großer Herr und Gebieter bist, und so habe ich nach dem weisen Rate jenes holdesten Wunderjungen mich samt diesem Gefährten frei entschlossen, unsere so wunderbar hierhergebrachten Schätze zu deinem Gebrauche dir zu geben, wofür du uns aber dennoch einige der nötigsten, brauchbarsten Hausgeräte möchtest zukommen lassen, auf daß auch wir mit ihnen unser Haus für die Erzeugung des Brotes, das gar so gut und wohlschmeckend ist, einrichten könnten.
07] Unsere Hau- und Schneidewerkzeuge sind schlecht und werden gleich stumpf; denn sie sind sehr mühsam aus Holz und Tierknochen verfertigt. In Memphis aber haben wir allerlei Schneidegeräte kennengelernt, die sogar der Stein nicht so leicht stumpf macht, - und derlei Werkzeuge könnten wir wohl besser brauchen als unser gelbglänzendes Metall, das weich und unbrauchbar ist! - Nimm somit diese zwei Stücke gütig an!«
08] Sagt Cyrenius: »Gut, Freunde, ich nehme von euch die zwei überaus wertvollen Stücke an; aber nicht für mich, sondern für dies verarmte Galiläervolk, das sich nach Rom schon in einem bedeutenden Steuernrückstand befindet! Mit diesen zwei Stücken ist Rom für dieses Land für zehn aufeinanderfolgende Jahre mit Steuern für alle Fälle zum voraus gedeckt, und das Land kann sich in der Zeit erholen.
09] Wenn ihr wieder heimkehren werdet, werde ich Sorge tragen, daß euch eine gerechte Menge von allerlei nötigsten und wohl brauchbaren Werkzeugen und Gerätschaften mitgegeben werde, und wollet ihr freiwillig unter den römischen Schutz euch begeben, so würdet ihr dann von Jahr zu Jahr mit neuen Werkzeugen und Gerätschaften versehen werden! Sonst müßtet ihr denn wenigstens alle Jahre, natürlich gegen Eintausch für derlei Metalle, euch in Memphis selbst damit versehen!«
10] Sagt der Anführer: »Um das zu verfügen, müßte zuvor ein allgemeiner Volksrat gehalten werden, was bei uns stets eine etwas schwere Sache ist, weil unser Land von einer großen Ausdehnung ist und die Bewohner in gar vielen, oft ganz unzugänglichen Winkeln birgt und es daher sehr schwer ist, einen Volksrat zusammenzurufen. Das Bessere wird daher schon sein, daß wir uns in Memphis von Zeit zu Zeit etwas abholen, was wir am nötigsten brauchen.
11] Eure römischen Gesetze mögen sehr gut sein; aber sie würden für unser Land und Volk dennoch nicht taugen. Es hat uns auch schon der Oberste von Memphis einen gleichen Antrag gemacht, den wir aber ebensowenig wie nun diesen deinen haben annehmen können. Könntet ihr auch in unser Land dringen, so würde euch das wenig nützen! Ihr würdet dort in der glühheißen Wüste umherirren und verschmachten zu Hunderten und würdet doch keine Menschen, wohl aber Löwen, Panther und Tiger finden in Herden zu Hunderten, die euch zerreißen würden; auch würdet ihr den Kampf mit Schlangen und Nattern nicht bestehen!«
12] Sagt Cyrenius: »Wie kommt denn dann ihr mit so vielen reißenden Bestien aus? Ton sie euch denn im Ernste nichts zuleide?«
13] Sagt der Anführer: »Hast doch ehedem aus dem Munde des Jungen und aus dem allerheiligsten Munde des Herrn Selbst vernommen, wie wir beschaffen sind! Wie kannst du darüber hinaus auch noch mich fragen? Also ist es, wie der Herr Selbst es von uns ausgesagt hat; wie, wodurch und warum aber, - das wissen wir selbst nicht! Ich bitte dich darum, mich mit derlei Fragen zu verschonen; denn die Antworten darauf können dir nichts nützen!«
14] Hierauf machten beide eine tiefste Verbeugung vor uns und gingen darauf sogleich wieder zu ihren Gefährten zurück und erzählten, was sie alles bei Mir ausgerichtet hatten.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers