Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 188

Von der übertriebenen Demut.

01] Als der Schwarze solch eine recht würdige Rede an seine Gefährten gehalten hatte, berief Ich den Anführer und fragte ihn, ob er und seine Gefährten etwa keinen Hunger und Durst hätten, und, so sie hungrig und durstig wären, was sie wohl zu essen und zu trinken wünschten. Denn die Reise am Meere zehre, und sie würden sicher des Essens und Trinkens bedürftig sein, und darum sollten sie ihre Stimme nur vernehmen lassen, und es solle ihnen sogleich geholfen werden!
02] Sagt der Oubratouvishar: »O welche Gnade! Du Alles in Allem berufst einen elenden Erdwurm, daß er seine Not äußern dürfe vor Dir, Du allererhabenster, ewiger Geist! Aber der sich vor Dir im Staube der vollsten Nichtigkeit wälzende Wurm getraut sich vor zu übermächtiger Ehrfurcht vor Deiner Göttlichkeit kein Wort zu äußern, um nicht gar leicht durch ein zu ungeschicktes Wort Dir, ewig Allerheiligster, zu mißfallen und hernach von Dir mit zornigen Augen angesehen zu werden. Wir haben wohl noch von Ägypten einige Säcke voll gedörrter Feigen und Datteln, auch etwas zweimal gebackenen Brotes, das für unsern kurzen Aufenthalt hier wohl bei unserer Mäßigkeit auslangen wird! Daher bringe ich Dir mit dem dankbarsten und zerknirschtesten Herzen meinen wenig oder auch wohl gar nichts sagenden Dank für Deine uns gewähren wollende übergroße Gnade dar!«
03] Sage Ich: »Ja Freund, wenn du stets in einer solch ungeheuren und mehr denn zu Dreiviertelteil unnötigen Ehrfurcht vor Mir dich bewegen wirst, da wird es Mir Selbst kaum möglich sein, dir irgendein Licht mit in dein Heimatland zu geben! Übrigens tust du Mir als dem Schöpfer durchaus keine zu große Ehre dadurch an, daß du dich als doch offenbar Mein Werk für gar nichts schätzest und es tief unter die Würde eines sich im Staube aller Nichtigkeit wälzenden Wurmes setzest! Denn durch solch eine Geringstachtung deiner selbst vor Mir, deinem Schöpfer, setzest du ja auch Den, der dich aus Seiner höchsten Weisheit und Liebe geschaffen und gestaltet hat, ganz kurios herunter!
04] Siehe, wenn dir ein Mensch ein Kunstwerk zeigt, das er gemacht hat, und du es ihm dann für dich ab- und ankauftest, weil es dir sehr wohlgefallen hat, wirst du dann dadurch dem weisen Künstler wohl eine Ehre erweisen, wenn du alle seine anderen Werke und über alles den Künstler selbst lobst, aber für das von dir ihm abgekaufte gleich herrliche Kunstwerk darum nicht genug des Tadels schlechteste Worte finden kannst, weil es nun dein eigen ist?
05] Siehe, diese Art Demütigung vor Mir ist darum durchaus nicht weise, sondern läppisch und närrisch! Denn wenn du dich für zu schlecht und wertlos hältst, so sagst du dadurch ja doch leicht begreiflich Mir ins Gesicht, daß Ich ein elender Pfuscher mit Meiner ganzen Schöpfung bin.
06] Ah, wenn du aber gerechtermaßen Meinen Wert auch in dir anerkennst und dich selbst nicht für zu unendlich gering, elend und schlecht hältst, um mit Mir über dies oder jenes dich zu bereden, so ehrest du in dir selbst Mich und erkennst Meine göttliche Vortrefflichkeit auch auf deinem eigenen Grund und Boden; und also gestellt, kannst du aus Meiner Gegenwart jenen wahren und lebendigen Nutzen ziehen, dessentwegen du eigentlich hierher gezogen bist. Es ist übrigens deine übergroße Demütigung vor Mir keine Sünde von deiner Seite Mir gegenüber; denn sie ist begründet in deiner erzfrommen Erziehung von Kindheit an.
07] Aber nun hast du auch in dieser Sache eine rechte Ansicht bekommen; denn mit dieser deiner gegenwärtigen könnten wir beide wohl gar nicht auskommen; denn du hättest in einem fort eine unbegrenzte Frommscheu vor Mir, und diese würde dich nötigen, diesen für dein Frommgefühl zu unerträglich heiligen Ort nur sobald als möglich zu verlassen, um dann in Memphis und endlich daheim recht ungeheuer vieles und Außerordentlichstes von Meiner für dich unaushaltbaren Heiligkeit zu schwätzen! Und das wäre dann aber auch der ganze Nutzen, den du hier für dich, für dein Volk und deines Volkes Nachkommen abgeholt hättest! Wärest du damit wohl zufrieden?
08] Sicher nicht! Denn du müßtest so bei einem helleren Augenblicke deines Lebens dir denn doch selbst laut zuzurufen anfangen und sagen: "Ja, was ist denn das nun?! Bin ich denn wohl nur darum auf eine so weite und beschwerliche Reise eingegangen in meinem Rate mit mir selbst, um am erreichten Orte der mühsamst aufgefundenen Bestimmung vor lauter allertiefster Ehrfurcht in einem fort nahe verzweifeln zu müssen? Nein, das war eine fürchterliche Wonne und Seligkeit, von der ich mir in meinem ganzen Leben sicher keine Wiederholung wünsche!" Siehe, das hättest du am Ende deiner Reise bis hierher!
09] Daher heißt es auch hier, die Vernunft ein wenig vorwalten lassen und denken, was in jedem Lebensverhältnisse recht und billig ist, und du wirst dann überall gut und ehrlich durchkommen und allzeit fürs Leben den lebendigen Nutzen schöpfen können. Hinweg daher mit deiner übertriebenen Ehrfurcht vor Mir! Liebe Mich als deinen Schöpfer, Vater, Meister und Herrn aus allen deinen Lebenskräften, und liebe auch deine Brüder wie dich selbst, so tust du mehr als genug! Und so du Mich anredest, da heiße Mich ganz einfach Herr und Meister, was Ich denn auch bin, - alles andere aber gehört wohl schon lange nicht hierher!«


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