Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 174

Simons Ansichten über Jesus.

01] Sagt Simon: »O Herr, da werde ich bald und leicht fertig! Du bist der Sohn aus Gott im Geiste und bist hier vor uns Gott und Mensch zugleich, Du bist aus Dir Selbst der einzige im Himmel, wie auf dieser Erde. Dir ist in der ganzen Unendlichkeit niemand gleich! Ein Engel ordnet sich nie dem Willen eines Menschen unter; so Du ihm aber nur den allerleisesten Wink gibst, so vollzieht er in einem kaum denkbar schnellsten Augenblicke Deinen Willen. Was Du willst, das geschieht unvermeidbar; ein von Dir ausgesprochenes Wort ist eine vollendete Tat!
02] Dein Auge durchschauet in einem Augenblick alle geistige und materielle Schöpfung. Der Engel geheimste Gedanken sind Dir so klar, als hättest Du sie Selbst gedacht, und was wir armseligen, sterblichen Menschen noch so tief in uns denken, das erschauest Du heller, als wir diese noch so herrlich strahlende Sonne. Du kennst alles, was das Meer in seinen tiefsten Gründen verborgen hält, Du kennst die Zahl des Sandes im Meere, jene der Sterne, und was sie fassen und tragen, und die Zahl des Grases auf der Erde, der Kräuter, der Gesträuche, der Bäume und der Geister im ganzen, endlosesten Raume ist Dir bekannter als mir die Zahl Eins! Wenn ich nun das nicht nur lebendigst glaube, sondern es auch allerhellst weiß, da wird es etwa doch nicht schwer sein, nun zu sagen: Herr, dies ist mein innerstes Urteil über Dich, insoweit ich Dich nun durch die drei Tage erkannt habe! Etwas anderes zu sagen wüßte ich kaum mehr!«
03] Sage Ich: »Aber ihr seid ja schon mit heute mehr denn nur drei Tage bei Mir! Wie sprichst du nur von drei Tagen?«
04] Sagt Simon: »Herr, was gehen mich die materiellen drei Tage an?! Ich zähle nur die drei geistigen Erkenntnistage; diese aber sind erstens die wahre Erkenntnis der Materie, zweitens die Erkenntnis des Wesens der Seelen und drittens die Erkenntnis des Reingeistigen. Das sind die wahren drei Tage des Lebens, die wir bei Dir sind!«
05] Sage Ich: »Ah, das ist freilich etwas ganz anderes! Damit bin Ich mit dir auch ganz zufrieden; denn in den Entsprechungen bist du nun ganz wohl zu Hause, - aber noch nicht vollends also mit deiner inneren Selbsterkenntnis! Und so ist denn auch das Urteil, das du über Mich geschöpft hast, nicht ganz aus deinem Innersten; da hockt noch etwas darin, und dessen sollst du dich denn doch auch entäußern! Es ist zwar nur ein kleinstes Körnchen eines nur zeitweilig auftretenden Zweifels über Mich, - und siehe, dieses Körnchen muß auch aus dir, sonst fängt es mit der Weile an zu keimen und kann zu einem Walde voll des finstern Zweifels in deinem Herzen erwachsen, der dann schwer zu vertilgen und auszurotten wäre! Sieh nur so recht tief in dein Herz hinein, und du wirst das böse Zweifelskörnchen schon finden!«
06] Simon sieht Mich und auch alle die andern Tischgenossen ein wenig verdutzt an, denkt über sich nach und sagt nach einer Weile: »Herr, fürwahr, ich kann suchen, wie ich nur immer will, so finde ich dennoch sozusagen nichts! Denn alle noch so leise auftauchenden Zweifel über Dich zerstäube ich in einem Augenblick, und es kann nun völlig keiner mehr stattfinden!«
07] Sage Ich: »Und doch, und doch, - denke nur nach, du wirst ihn schon finden!«
08] Sagt Simon: »Herr, Du machest mich bangen vor mir selbst! Sollte ich denn wohl ganz im geheimen ein Ungeheuer sein? Ich kann tun und denken, wie ich nur immer will, so finde ich dennoch von ferne nichts, das dem nur ähnlich sähe, was Du, o Herr, in mir haben willst. Worin und in welcher Art könnte ich nun wohl noch einen Zweifel haben oder wenigstens einen Grund davon?«
09] Sage Ich: »Aber Freund Simon, sieh Mich an! Sehe Ich denn im Ernste so strafgierig und rachsüchtig aus, daß du dich scheuest, das nun laut und offen zu bekennen, was dir schon sozusagen auf der Zunge liegt?«
10] Auf diese Meine Worte erschrickt Simon förmlich und sagt: »Aber Herr! Muß denn auch diese Kleinigkeit, deren laute Aussprechung ich rein nur für unschicksam hielt, auch laut ausgesprochen werden?
11] Denken kann sich der Mensch ja doch so manches; ja, er denkt es eigentlich nicht einmal von sich selbst willkürlich! Der Gedanke kommt mir von irgendwo ins Herz hineingehaucht und bleibt dann oft einige Zeit hängen; endlich verwehet er, und man erinnert sich dann seiner wohl kaum je mehr. Und so dürfte auch dieser mein kleiner Zweifelsgedanke von irgendwoher in mein Herz hineingeflogen sein, und ich habe ihn gedacht, aber auch gleich wieder verworfen, weil ich dagegen doch Tausende der schwersten Beweise im Kopfe und Herzen trage. Dazu fand ich im Ernste die laute Aussprechung dieses Gedankens für etwas unschicksam. Wenn Du, o Herr, aber schon durchaus darauf bestehst, nun, so will ich ihn ja auch gerne aussprechen. - Liebe, große Freunde des Herrn, nehmet ihn aber also auf, wie ich ihn nun schon total verworfen habe!
12] Also aber lautet dieser Gedanke: Da ich nun schon seit meinem Hiersein gleichfort das ungemein liebliche und überüppige Mägdlein an der Seite des Herrn erblickte, so drängte sich, aber wahrlich wie von selbst, in mir der freilich stark lächerliche Gedanke auf, ob der Herr etwa auch geschlechtlich verliebt sein könnte, wenigstens auf so lange, als Er auf dieser Erde auch im Fleische umherwandelt! Wenn aber das, wie sähe es dann mit Seiner ganz reinen Geistigkeit aus? Gott kann zwar wohl alle Seine Geschöpfe reinst lieben; ob aber ganz besonders irgendein überreizend schönes Mädchen nun auf der Erde auch geschlechtlich, - das zu bejahen oder zu verneinen war für meine Intelligenz etwas schwer, obwohl ich es mir zurief in meiner Seele: 'Bei Dir kann jede Liebe nur im höchsten Grade rein sein, auch eine, die wir unter uns Menschen völlig unrein nennen würden!'
13] Herr, das ist es nun, was Du von mir heraushaben wolltest! Nun aber bin ich wohl fertig mit allen Körnchen und Keimchen, und Du, o Herr, mache nun daraus, was Du willst! Oder ersieht Dein göttlich allsehend Auge noch etwas in mir? Wenn noch irgend etwas darin stecken sollte, dahin ich nicht sehe, so mache, o Herr, mich gnädigst darauf aufmerksam, und ich werde nun gleich ganz ohne alle Scheu damit herausfahren!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers