Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 172

Gabi bekennt seine Dummheit und Eitelkeit.

01] Gabi erhebt sich, macht eine tiefste Verbeugung und sagt dann mit einer sehr wackeligen Stimme, die sogar den sonst höchst ernsten Römern ein gewisses Schmunzeln abnötigte: »O Herr und Meister! Ich habe nie Ruhm gesucht; denn das ist meine Sache nie gewesen, und darum suche ich auch hier um so weniger einen Ruhm und will eigentlich schon in meinem ganzen Leben keinen Ruhm, und weil ich keinen Ruhm suche und will, so rede ich lieber nichts und bleibe still! Bin nun mit meiner Rede auch schon zu Ende!«
02] Sagt unwillkürlich darauf Simon: »Oho, ja was ist denn das? Du hast sonst ja gerne viel geplaudert, hast dich überall als ein Hauptredner hervortun wollen und gerade eine Berührung nicht verschmäht?! Merkwürdig!«
03] Sagt Gabi: »Was ich tue, das tue ich, und du brauchst dich darum eben gar nicht zu bekümmern! Unter Menschen allein ist leicht reden; hier aber ist Gott und sind Engel gegenwärtig, und da soll keines Menschen Stimme irgend zu vorlaut werden, sondern ganz demütig und bescheiden schweigen! Ich heiße Gabi, der Stille, und nicht Simon, der Vorlaute!«
04] Sagt lächelnd Cyrenius: »Aha, hinc iliae lacrimae (Daher jene Tränen!)! Schau, schau, der junge Mann sucht keinen Ruhm und scheint darob aber doch sehr ungehalten, weil sein Gefährte Simon mit der Erklärung des Hohenliedes, o Herr, Dein Wohlgefallen erworben hat! Wahrlich, das gefällt mir vom Gabi durchaus nicht!«
05] Sagt sogar die Jarah: »Mir gefällt das auch nicht! Denn ich habe nur darum nun eine große Freude, so ich bei jemandem merke, wie des Herrn Liebe und Gnade in seiner Seele sich wundersam zu offenbaren beginnt; aber die Duckmauserei einer Seele ist etwas Widriges. Wer vom Herrn aufgefordert wird zu reden, will aber etwa aus falscher Scham nicht und sagt, daß er keinen Ruhm suche, der lügt sich und alle andern an, und das Lügen ist etwas sehr Häßliches!«
06] Sagt nun abermals Simon: »So erhebe dich und rechtfertige dich vernünftig, und gib dem Herrn Antwort auf Seine heilige Frage!«
07] Hier erhebt sich Gabi wieder und bittet um Entschuldigung, daß er ehedem so dumm seinen Mund vor dem Herrn geöffnet habe. Er wolle nun antworten, wenn es dem Herrn noch genehm wäre.
08] Sage Ich: »Nun, so rede! Denn Ich habe Meine an dich gerichtete Frage noch lange nicht als ungültig zurückgenommen; im Gegenteile harren wir noch alle auf irgendeine bescheidene Antwort von dir! Rede du demnach, und gib kund, was du weißt!«
09] Sagt Gabi: »Da mir die Frage in bezug auf meine Liebhaberei des Hohenliedes Salomos, trotzdem ich es auch nicht verstehe, gegeben ward, so will ich den Grund von solch meiner Liebhaberei hier wohl offen kundtun, obwohl ich am Ende selbst der Wahrheit gemäß bekennen muß, daß ich dafür eigentlich gar keinen Grund hatte, das heißt, ich meine, einen guten Grund, sobald ich von einem Grunde rede; denn etwas Dummes und eigentlich Schlechtes kann nie als ein eigentlicher Grund zu einem Sichverhalten als geltend angesehen werden, weil etwas Schlechtes ein purer Sand ist, der nie als ein haltbarer Grund zu einem Hause, geistig oder naturmäßig genommen, dienen kann. Nun, was war denn hernach der eigentliche Urgrund zu meiner Salomonischen Hohenliedsliebhaberei? Nichts als eine heimliche, nun mir ersichtlich große Dummheit und Eitelkeit!
10] Ich wollte als ein weiser und der Schrift bestkundiger Mann nicht nur bei meinen Gefährten, sondern auch bei all den übrigen Menschen gelten und hatte mir darum aus der ganzen Schrift gerade das als eine Lieblingsbetrachtung auserwählt, von dem ich überzeugt war, daß es von der ganzen Schar der Schriftgelehrten ebensowenig wie von mir selbst verstanden wurde. Ich war aber sehr pfiffig und tat zum Scheine so ganz klug, ernst und weise.
11] Man fragte mich oft, wenn man mich im Hohenliede mit falschfröhlicher Miene herumlesend fand, ob ich denn wirklich des Liedes unentwirrbare Mystik verstehe. Meine Antwort lautete ganz kurz: 'Welch ein Narr liest wohl anhaltend, was er unmöglich verstehen kann?! Verstünde ich die höchste Mystik des Liedes nicht, würde ich wohl auch der Narr sein, sie zu lesen, und rührete das Gelesene mein Gemüt, so ich's gleich euch nicht verstünde?!' Man drang in mich, man beschwor mich, ja man kam mir mit Drohungen, daß ich mein Verständnis wenigstens dem Hohenpriester kundgäbe. Aber es half all das nichts; denn ich verstand mich auf Ausreden und Entschuldigungen aller Art und war daher durch nichts zu bewegen, von meinen Geheimnissen irgend etwas zu verraten, was um so leichter war, weil ich wirklich keine besaß.
12] Nur Simon, als mein intimster Freund, wußte, aber nur zum Teil, wie es mit meiner Salomonischen Weisheit aussah. Er hielt es mir oft vor und bewies es mir, daß ich mit Salomos Hohemliede entweder mich selbst oder die Welt für einen. Narren halte. 'Denn', sagte er mir oft, 'mit deinen sonst in allen Dingen beschränkten Kenntnissen und Erfahrungen, wirst du darum etwa das Hohelied verstehen, weil du es höchst mühsam auswendig gelernt hast?!' Allein, ich suchte ihn aber dennoch dadurch auf einen halben Glauben zu bringen, daß ich sagte, daß ich eben für jene tiefsten, unklarsten und verworrensten Geheimnisse darum die höchste Vorliebe habe, weil ich mir dahinter etwas ungeheuer Großes vorstelle. Das glaubte mir Simon doch am Ende; aber er irrte sich dennoch ganz gewaltig. Denn bei mir selbst war ich ein Feind der Salomonischen Weisheit, durch die er am Ende ein Götzendiener ward.
13] Nun wollte ich zwar wohl niemanden mehr täuschen, aber ich wollte mich gerade auch nicht unnötigerweise dahin enthüllen, als habe ich ehedem die Menschen nur stets zu täuschen gesucht, um, offen gestanden, dereinst ein tüchtiger Pharisäer zu werden, was denn für meinen erst jetzt seit drei Tagen ganz aufgegebenen Sinn sicher nichts Kleines war; denn je pfiffiger und verschlagener ein Pharisäer ist, in einem desto größeren Ansehen steht er nun beim Tempel.
14] Ich wollte der ganzen Dummheit eigentlich schon ohnehin nimmer gedenken und wollte sie so ganz im stillen total fallen lassen; aber da ich von Dir, o Herr, nun aufgefordert worden bin, mich zu entäußern, nun, so habe ich mich denn jetzt auch der Wahrheit gemäß entäußert und es weiß nun ein jeder, wie
es mit mir gestanden ist, und wie es nun mit mir steht. Ich war in diesem Falle wohl höchst eigensinnig, und es war mit mir da eben nicht viel anzufangen; aber jetzt bin ich ganz vollkommen in der besten Ordnung, erkenne das allein wahre Licht alles Lebens und werde auch nie je wieder jemanden zu täuschen versuchen.
15] Habe ich mich aber nun in des Herrn Gegenwart etwas ungeziemend benommen, so bitte ich zuerst Dich, o Herr und Meister, wie auch alle Deine Freunde groß und klein, aus dem tiefsten Lebensgrunde um Vergebung! Denn ich wollte durch mein erstes Schweigen ja doch niemand schaden, sondern bloß nur so ein wenig meine alte Schande zudecken. Es ging dieses aber hier vor Deinem heiligen, allsehenden Auge nicht an, und also habe ich mich denn gezeigt, wie ich war, und wie ich nun bin. Und damit wäre ich aber auch mit meiner Rede wider mich vollkommen zu Ende und weiß nun von nichts weiterem mehr.«


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