Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 151

Jesu Erklärung der jenseitigen Seelenzustände der beiden Verunglückten.

01] (Mathael:) »Das waren die beiden Historien, die ich erlebt habe. Was mit den beiden weiterhin im Reiche der Geister geschehen ist, weiß ich ganz sicher nicht; also verstehe ich auch trotz Deiner früheren Erklärungen durchaus noch lange nicht, was bei dem vom Baume gefallenen Knaben die beiden Fledermäuse, die später in eine Affengestalt zusammenschmolzen, zu bedeuten und zu besagen haben, und wie und warum mir endlich die Seele des Selbstmörders auf der Oberfläche des Wassers als ein vollkommenes Totengerippe nahe ohne Leben erschaubar vorkam. Woher kamen die zehn schwarzen Enten, und warum plagten sie das Gerippe? Wie konnte endlich des Knaben noch immer affengestaltige Seele der zehn bösen Vögel Herr werden? Was hat die Bekleidung zu bedeuten, woher kam sie, und welche Wirkung übte sie nach ihrer Art auf die beiden verschiedenen Seelen aus?
02] Ja, es gäbe hierbei noch so manches, darüber sich vieles fragen ließe; aber für mich sind vor allem die Punkte wichtig, über die ich meine Unwissenheit kundgetan habe durch die Fragen, und über die mir eine gnädigste Erklärung wohl zustatten käme. So jemand anders aus uns noch über irgendeine Nebenerscheinlichkeit eine Erklärung wünscht, der wird sich wohl auch fraglich äußern dürfen?!«
03] Sagt Cyrenius: »Freund, bei diesen deinen Erzählungen ward es mir ganz sonderbar zumute! Das menschliche Leben kommt mir vor wie ein auf einer Bergebene ganz ruhig und harmlos dahinfließender Strom. Aber am Ende der Bergebene stürzt der früher so ruhige Strom mit dem schrecklichsten Ernste in eine unabsehbare Tiefe, und mit donnerndem Getöse bohrt er sich ein schaurig tiefes Ruhebett, - findet aber keine Ruhe! Denn seines eigenen Falles Gewalt treibt ihn fort und fort aus dem Lager seiner Ruhe mit großem Ungestüm hinaus, und er muß fliehen und fliehen, bis er irgend verschlungen wird von des Meeres Allgewalt und unmeßbarer Tiefe.
04] O Herr, erläutere uns doch zu unserm Troste solch schreckbar ernste Momente des sonst so schönen Lebens! Nehmen wir an unsern Menschen, der nach der Erzählung des Bruders Mathael in den Teich, der mir ganz wohl bekannt ist, gesprungen ist, um seinem verzweiflungsvollen Leben ein Ende zu machen. Welch eine erschreckliche Veränderung gleich nach dem Sprunge! Es scheint wohl bald nachher eine Art Milderung einzutreten; aber wie sieht diese aus! Welch eine Unbestimmtheit, welch ein Elend! Daher gib Du, o Herr und Meister, eine tröstliche Erklärung über alles das vom Bruder Mathael Geschaute und schauderhaft treu erzählte!«
05] Sage Ich: »Allerdings ersehen wir hier ein paar entsetzlich traurig aussehende Lebensmomente, die wahrlich voll Ernstes sind. Aber was willst du tun, um ein durch die Einwirkung der Welt und ihrer höllischen Gelüste total zertragenes Leben, damit es nicht ganz zerrinne und sich verliere, zu retten und es nach und nach in das rechte Geleise zu lenken? Muß solch ein Leben nicht mit allem Ernste ergriffen werden?
06] Ja, es ist wahr, dieser Ergreifungsmoment hat allerdings für den Zuschauer etwas höchst Abstoßendes! Der Übergang durch ein allerengstes Pförtchen ist wohl freilich nicht so angenehm anzusehen wie das Gesicht einer ganz kerngesunden jungfräulichen Braut; aber er führt den eigentlichen Menschen ins Leben ein, und das in ein wahres und ewig unvergängliches Leben! Und aus diesem Grunde hat am Ende solch ein ernstester Lebensmoment für den, der ihn versteht, noch immer mehr Tröstliches als das lachende Frühlingsgesicht einer jungfräulichen Braut. - Nun aber wollen wir denn zu einiger Beleuchtung dessen übergehen, was wir vom Mathael venommen haben!
07] Mathael ersah beim Knaben schon zuvor zwei große Flattermäuse, die um ihn herumschwirrten, als derselbe vom Baume fiel und sogleich völlig tot liegenblieb. Der Knabe war fürs erste ein Abkömmling pur dieser Erde. Die puren Erdkinder aber, wie ihr es aus Meinen Erklärungen schon oft vernehmen und wohl einsichtlich verstehen konntet, sind seelisch und auch leiblich aus der gesamten organischen Schöpfung dieser Erde zusammengesetzt. Dafür liefert schon die höchst verschiedene Nahrung für den Leib, die ein Mensch zu sich nimmt, den Beweis, während ein Tier in der Wahl der Nährkost sehr beschränkt ist. Damit aber der Mensch allen Intelligenzpartikeln, aus denen seine Seele besteht, aus den zu sich genommenen natürlichen Nährstoffen eine entsprechende Seelennahrung zuführen kann, kann er eben auch so verschiedenartige Nahrungsteile aus dem Tier, Pflanzen- und auch Mineralreiche zu sich nehmen; denn der substantielle Formleib der Seele wird gleich wie der Fleischleib aus der zu sich genommenen Naturkost genährt und ausgereift.
08] Nun kommt es aber noch darauf an, aus welcher vorhergehenden Kreatursphäre ein pur diesirdischer Mensch seine Seele nach den aufsteigenden Graden erhalten hat. Und es ist dann, besonders bei Kindern, fürs zweite der Umstand zu erwägen, daß ihre Seele für sich noch immer Spuren jener Vorkreaturgattung in sich birgt, aus der sie zunächst in eine Menschenform überging. Wird ein Kind gleich in eine gute Erziehung gebracht, so geht die Vorkreaturform bald völlig in die Menschenform über und festigt sich stets mehr und mehr in derselben. Wird aber bei einem Kinde die Erziehung sehr vernachlässigt, so tritt in dessen Seele bald mehr und mehr die Vorkreaturform in den Vordergrund und zieht nach und nach sogar den festgeformten Leib in die besagte Vorkreaturform, und man kann bei so manchem rohen Menschen mit leichter Mühe erkennen, welche Form seine Seele sicher ungezweifelt vorherrschend besitzt.
09] Wenn Ich also früher sagte, daß der Knabe pur aus dieser Erde seelisch und leiblich abstamme, so werdet ihr bei seiner verwahrlosten Erziehung wohl nun einsehen, warum seine Seele anfangs auf dem Baume, noch bevor er herabfiel, schon in der Gestalt von zwei Flattermäusen im Augenblicke ersichtlich war, als er, teils durch zu angestrengtes Sich-Festhalten an den Baum und teils durch den dicken Qualm erstickt, in eine krampfhafte Ohnmacht verfiel, die ihn eine Zeitlang wohl noch auf dem Baume erhielt, obschon er von sich aus nichts mehr wußte.
10] Denn solange eine Seele im Momente des Sterbens nicht völlig vom Leibe getrennt sein wird, so lange ist sie infolge ängstlicher Perturbation (Verwirrung) ganz ohne Bewußtsein. Es ergeht ihr wie einem, der mit dem Gesichte nach auswärts auf einer Spindel fest angebunden wäre, die sich in einer ungemein schnellen Umdrehung befindet. Der kann da schauen, wie er schauen will, so wird ihm dennoch kein Gegenstand ersichtlich werden; höchstens wird er einen mattfarbigen Dunstkreis um sich erschauen, der bei erhöhter Schnelligkeit des Sich-Umdrehens und bei dadurch zunehmender Unstetigkeit des Sehorgans in eine völlige Nacht übergehen kann.
11] Wie aber das Sehorgan eine Ruhe haben muß, um ein Objekt als das auszunehmen, was es ist, also benötigt die Seele eine gewisse innere Ruhe, um zu einem sichern und hellen Bewußtsein ihrer selbst zu gelangen. Je mehr die Seele in sich selbst beunruhigt wird, desto mehr verschwindet denn auch ihr klares Selbstbewußtsein; und ist die Seele einmal in eine möglich höchste Unruhe versetzt, dann weiß sie von sich selbst so gut wie nichts mehr auf so lange, bis sie in die Ruhe zurückgekehrt ist. Und dieser Moment tritt bei Sterbenden um so mehr ein, auf einer desto niederen Lebensbildungsstufe eine Seele stand. Ah, bei einer lebensvollendeten Seele tritt dieser etwas traurig aussehende Moment freilich wohl nicht ein, wie Mathael solches beim Sterben des alten Lazarus ganz gut gesehen hat, da dessen Seele keine wie immer geartete Unruhe merken ließ.
12] Der Knabe auf dem Baume war etwa eine Viertelstunde lang leiblich nahe schon völlig tot und wußte von sich nichts mehr; seine Seele wie sein Leib waren sonach schon von der allerdicksten Finsternis umflossen. Und eine Seele, die in eine zu große Unruhe gerät, fängt an, sich ordentlich zu teilen in die früheren, kleineren und unvollkommeneren Vorlebenskreaturen; daher wurden hier auch zuerst zwei Flattermäuse ersichtlich. Erst nachdem der Knabe durch die Zerschmetterung seines Gehirns außer allem Verbande mit seiner Seele trat, kam bald mehr Ruhe in die zerstörte Seele, die beiden seelischen Vorkreaturen ergriffen sich, und bald ward ein Affe als letzte Vorkreatur ersichtlich; er bedurfte aber einer längeren Ruhe bis zum vollkommenen Sich-Ergreifen, und dann noch mehr Ruhe bis zum Sich-wieder-Erkennen und Seiner-selbst-bewußt-Werden. Darum kauerte er auch eine längere Weile an der Stelle, wo sein Leib vom Baume fiel, mehr instinktmäßig als wissend, was da vorgefallen ist.
13] Aber nach und nach kehrte das Bewußtsein und das Sich-wieder-Erkennen stets mehr zurück, und der Affe bekam danebst auch ein stets menschlicheres Aussehen und fing an, sich emporzurichten. Sein seelisches, ständig weiter reichendes Wahrnehmungsgefühl fing an, die Nähe der verunglückten Seele seines irdischen Vaters wahrzunehmen. Er verließ seinen Kauerplatz, bewegte sich nach dem Zuge seiner Wahrnehmung zum Teiche hin und erkannte nun vollkommen seines Vaters mit zehnfachem Menschenfluche belastete und geplagte Seele.
14] Da erwachte in ihm die Kindesliebe, mit ihr aber auch zugleich die Frage nach Gott und Seiner wahren Gerechtigkeit; mit alldem aber erwachte in ihm auch ein ganz gerechter Zorn gegen den Fluch, den die Menschen in ihrem endlosen Hochmut gegen die armen, aber im Grunde viel besseren Mitmenschen zu schleudern sich erkühnen. Mit dem erkannte der nun schon viel vollkommenere Affenmensch in sich aber auch die Kraft, es mit den zehn Fluchteufeln aufzunehmen, die in der Gestalt schwarzer Enten seines Vaters Seele über die Gebühr hinaus plagten.
15] In diesem erhöhten Selbstbewußtsein stürzt sich der Affenmensch in den Teich und fängt, von seiner Kindesliebe zu seinem armen Vater getrieben, unter den zehn Fluchteufeln eine gar üble Wirtschaft an; in wenigen Augenblicken sind sie vernichtet, und der Affenmensch bekommt dadurch schon nahe ein ganz menschliches Aussehen.
16] Seine Liebe aber fängt an, auch in der toten Vaterseele neue Lebenswurzeln zu schlagen. Dies gibt dem Sohne noch mehr Liebe und mehr Kraft, und mit dieser reißt er den Vater aus dem Orte seines Unterganges und seines Verderbens und bringt ihn sonach aufs Trockene, allda durch des Sohnes Liebe auch für des Vaters künftiges Sein ein fester Ruhegrund sich gestaltet und liebtreulich vorfindet. Da aber des Sohnes Liebe wächst, so wird auch stärker sein Licht; aus diesem Licht erkennt er die Unzulänglichkeit seiner Kraft und wendet sich ganz ordentlich an Gott, daß Er helfe seinem Vater. Und die Hilfe bleibt nicht unterm Wege; es kommt Bekleidung und die Kraft zum Fortkommen in eine bessere und vollkommenere Lebenssphäre, allwo des Vaters Seele von des Sohnes stets wachsender Liebe genährt, wieder zu einem geistigen Fleische und Blute gelangt und endlich sogestaltig fähig wird, Gott zu erkennen und einzugehen in Seine Ordnung, - was bei Selbstmördern stets eine ungemein schwere Sache ist.«


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