Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 133

Die Gestaltung der Seelen der Raubmörder.

01] Sage Ich: »Ganz gut und wahr hast du deine Erzählung von dem, was du selbst erlebt hast, vorgetragen. Die bestiale Gestaltung der Seelen der bewußten sieben großen Verbrecher hat ihren Grund eben in einer gewissen freien Ordnung, aber freilich dahin nur, wie sich in einem Leibe die darin wirkenden Seelenspezifikalteile von neuem ergreifen oder umtauschen, was dem gleich ist, als wie ihr einen Knaul Würmer sehet, die da durcheinanderkriechen und -steigen und gewisserart eine ihnen stets bequemere Ruhelage suchen. Haben sie entweder in ihrer guten oder bösen Art eine gefunden, so wird die äußere Form gewiß stets eine der guten oder bösen Art entsprechende.
02] Seht hier mehrere Pflanzen; da steht eine heilsame, da eine giftvolle! Betrachtet bei dem sonnenhellen Lichte unserer Leuchtkugel die Formen! Sehet, wie geschmeidig, lieblich, sanft und bescheiden die heilsame Pflanze in ihrer Form anzusehen ist, und wie eckig, zerrissen und hie und da auch ganz verdächtig glatt die Giftpflanze dagegen in ihrer Form anzusehen ist, und dennoch bestehen beide Gattungen aus einer und derselben Ursubstanz, stehen in gleicher Erde, schlürfen denselben Tau ein, die ganz gleiche Luft und das gleiche Licht! Und dennoch ist in der heilsamen Pflanze alles heilsam, in der Giftpflanze aber ganz und gänzlich Gift! Der Grund liegt allein im Verkehren der Ordnung.
03] Ihr habt ja gesehen, wie zuvor aus den sich ganz ähnlichen Glühzungen oder umherschwebenden Feuerschlangen, die für das Fleischauge vor lauter Kleinheit nicht zu erschauen wären, sich ein vollkommener, ganz gemütlicher Esel herausgeformt hat; glaubt ihr, daß daraus bei einer andern Ordnung der sich zu einer ganzen organischen Form ergreifenden Ursubstanzen nicht ebensogut ein Tiger, ein Kamel, ein Ochse oder Elefant oder sonst etwas hätte entstehen können?! O ganz sicher! Und ein anders geordnetes Sich-Ergreifen hätte aber dann auch eine ganz andere Natur und Eigenschaft in sich, die einer andern ganz feindlich gegenüberstünde, und das darum, weil in jeder anders organisierten eigentümlichen Form fortwährend das Bestreben vorwaltend ist und zum größten Teile auch bleibt, alles andere und etwa Schwächere in seine Ordnung umzugestalten.
04] Aus dieser Eigenschaft gehet hervor die Liebe, die innere Wärme, das Bestreben, die Gier, der Hunger und der Durst. Ist diese Gier, die gleich der Herrschsucht ist, hie und da zu groß und haschet nach zu vielem, um es unter seine ursprüngliche Ordnung zu schieben, so wird das in sich Hineingeschobene nicht selten zu mächtig, ergreift die erste im Wesen schon seiende seelenorganische Ordnung, zieht sie in die eigene gute, bessere, aber gar leicht auch schlechte, schlechtere und am Ende gar allerschlechteste Ordnung!
05] Was geschieht aber dadurch? Mathael, nun komme mit deinen gesehenen tigergestaltigen Verbrecherseelen! Sie sind von jenen zu gierig zu sich genommenen Seelenursubstanzen, die zu ihrer Ordnung nicht taugten, zu übermäßig in sich aufgenommen worden; und diese haben dann erst ihre Seelen in das ihrige Überschlechte verkehrt und somit aus Menschenseelen wahre Tigerseelen gezeugt, und vom selben Ursprunge war auch all das Geschmeiß, das du den geängstigten Verbrechern massenhaft hast entsteigen sehen. Nun aber saget mir alle, ob ihr diese gar reichliche Lehre wohl allseits verstanden habt!«
06] Sagen die meisten: »Jawohl, Herr, wir verstanden diese Lehre jedenfalls so ziemlich; aber daß wir uns rühmen könnten, darin so recht zu Hause zu sein, da würden wir Lügner sein. Aus der früheren Gestaltung der Eselin haben wir wohl wahrgenommen und gesehen, wie aus den geistigen Ursubstanzen ein Ding oder Wesen wird. Wir sahen ja ordentlich das Gras wachsen, und wie sich gewisserart von selbst eine Eselin aus den Feuerzungen erschaffen hatte. Ja, wir wissen durch Deine Güte und Gnade sogar, was, wer und woher kommend diese Feuerzungen sind, und wie sie sich als verwandt zu irgendeiner ausgeprägten Idee und Form ergreifen können. Wir wissen es recht wohl, wie sich diese Deine zahllosesten Urgedanken, von denen die ganze Unendlichkeit strotzt, obschon sich der äußeren Erscheinlichkeit nach gleichsehend, in sich selbst dennoch sehr unterscheiden, leichter und schwerer sind, je nachdem sie in sich irgendeinen Sinn enthalten, der etwas Tieferes, Ernsteres und Gediegeneres in sich faßt, und wie die Verwandteren sich auch zunächst ergreifen und irgendein Organ zu bilden anfangen.
07] Wie gesagt, das alles begreifen wir nun ganz gut; aber etwas ist uns dabei dennoch ein starkes Rätsel, welches Du, o Herr, uns wohl lösen könntest, so es Dir genehm und wohlgefällig wäre. Wir alle aber brauchen es Dir sicher nicht anzugeben, wo es uns noch fehlt; denn Du kennst alle Lücken, die in uns sind, und wirst sie sicher noch ausfüllen mit Deiner Gnade, so Du es für notwendig erachtest! Sollte es für uns nicht von irgendeiner großen Wichtigkeit sein, so sind wir denn auch mit dem, was wir haben und verstehen, mehr als vollkommen zufrieden.«
08] Sage Ich: »Um das Geheimnis des Reiches Gottes zu fassen in aller Tiefe der Tiefen, müßt ihr alle zuvor im Geiste wiedergeboren sein, was für euch jetzt noch unmöglich ist. Erst wenn des Menschen Sohn wird dahin zurückgekehrt sein, von wannen Er gekommen ist, so wird Er dann den Geist aller Wahrheit, der heilig ist, zu euch senden; der wird euch erst völlig erwecken und wird vollenden eure Herzen und erwecken den Geist aller Wahrheit in euch, das heißt, im Herzen eurer Seele, und ihr werdet durch diesen Akt dann wiedergeboren sein im Geiste und im hellsten Lichte alles sehen und verstehen, was die Himmel fassen in ihren.
09] Das aber, was Ich euch nun zeige und erkläre, ist nur ein Vorbau zu dem, was euch in aller Fülle geben wird der Geist. Gar vieles hätte Ich euch noch zu sagen, aber ihr könntet es nun nicht ertragen; wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch führen und leiten in alle Weisheit! Da ihr nun das wisset, so wollen wir gleich wieder einen bedeutenden und weiteren Vorbau an dieser Stätte beginnen, und unser vielerfahrener Mathael wird uns aus seinen Erlebnissen ein anderes Histörchen erzählen.
10] Und so mache du, Mathael, dich wieder uns Werk und erzähle uns die von dir erlebte und wohlgesehene Geschichte aus Bethanien! Wir haben noch vier Stunden bis zum Aufgange und können darum noch so manches erfahren und gleichsam miterleben, und du, Mathael, kannst nun gleich mit deiner Erzählung beginnen!«


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