Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 130

Beobachtungen des hellsehenden Mathael bei der Hinrichtung von Raubmördern.

01] (Mathael:) »Als ich ein Knabe von zwölf Jahren war und schon ganz männlich ernst zu denken und zu reden imstande war, da wurden zu Jerusalem mehrere Raubmörder schwerster Art zur Kreuzigung bestimmt. Es waren deren sieben an der Zahl. Das machte damals ein großes Aufsehen nicht bloß in ganz Jerusalem, sondern auch weit und breit in der Umgegend. Es war damals auch ein gewisser Kornelius römischer Oberhauptmann und dazu ad interim Landpfleger (d.h. einstweiliger Landpfleger). Dieser war über diese Erzbösewichter überaus aufgebracht, da sie mit einer wahrhaften Tigernatur die gefangenen Menschen bloß so zum Vergnügen mit allerlei unbeschreibbar gräßlichen Marterungen töteten und eine desto größere Lust hatten, je länger sie einen quälen konnten. Kurz, der Begriff ,Teufel' wäre für sie noch viel zu gut und zu ehrlich!«
02] Hier unterbricht ihn Kornelius und sagt: »Freund, vergiß deine mir überaus werten Worte nicht! Aber ich muß dir hier noch bemerken zugunsten deiner treu angefangenen Erzählung, daß eben ich derselbe Kornelius war! Und nun erzähle du nur wieder weiter; denn bis jetzt war noch keine unwahre Silbe darunter!«
03] Sagt weiter Mathael: »So ganz leise und ahnungsweise habe ich es mir wohl gedacht, weil mir deine Züge von jener Zeit her noch so ziemlich bekannt waren, und es ist für diese meine Erzählung um so besser, daß sich in deiner hohen Person sicher ein sprechender und wahrhaftigster Zeuge befindet! Und also wollet mich denn weiter vernehmen!
04] Weil denn die beschriebenen sieben gar so böse Teufel waren, so beschloß denn auch Kornelius, mit ihnen zu einem abschreckenden Beispiel allergrausamst zu verfahren. Dazu gehörte denn auch, daß sie einmal fürs erste auf vierzehn volle Tage zum Tode ausgesetzt waren, und es wurden ihnen diese Zeit hindurch täglich Martern mit den glühendsten Farben vorgelesen, die sie zu erwarten hatten; übrigens wurden sie in dieser ihrer Schreckenszeit ganz leidlich gut gefüttert, damit ihnen das Leben recht angenehm und der sicherst zu erwartende matervollste Tod desto bitterer vorkäme.
05] Ich habe diese Kerle mit meinem Vater bei fünf Male besucht, erblickte sie aber am Ende stets gleich einem halbverkohlten und noch glühenden Holzscheite dampfen und rauchen; und dieser Rauch und Dampf verbreitete wenigstens für meine Nase einen unerträglichen Gestank, der sonst seinesgleichen auf dieser Welt kaum haben dürfte! Je länger sie schon ausgesetzt waren, und je näher ihr Schreckenstag heranrückte, desto penetranter wurde der Dampf, Rauch und Gestank. Es versteht sich von selbst, daß die sieben Teufel ihre Farbe mehr denn ein Chamäleon zu verändern begannen.
06] Endlich erschien der fürchterliche Schreckenstag. Die Schergen und die Büttel kamen, und den sieben wurden auf offenem Platze bei Anwesenheit von Tausenden die Kleider ausgezogen bis auf ihre Scham, worauf sie blutig gegeißelt wurden. Ich konnte dieser Exekution nur von weitem zusehen, bemerkte aber dennoch, wie während dieser Behandlung eine Menge schwarzer Fledermäuse von den Gegeißelten wie ein Bienenschwarm hinaus- und hinwegflogen; auch wie kleine fliegende Drachen erhoben sich über den Gegeißelten, und diese dampften und rauchten nun schon um ein bedeutendes weniger.
07] Aber bei einem etwas genaueren Betrachten entdeckte ich bald und leicht, daß dieser Dampf und Rauch sich schnell in allerlei gräßlichen Formen ergriff, die dann als die vorbezeichneten schwarzen Fledermäuse auf und davon flogen; auch die kleinen Drachen bildeten sich daraus. Wie viele solche Höllenkreaturen mögen sich schon während der vierzehn Tage von den sieben empfohlen haben!
08] Nachdem aber die sieben so recht skytisch (d.h. barbarisch) durchgegeißelt worden waren, bemerkte ich, daß sich ihre früher ganz teuflisch aussehenden Gesichter ins etwas menschlicher Aussehende umwandelten und die Delinquenten auch schwächer und furchtsamer zu werden begannen; sie kamen mir vor wie Betrunkene, die kaum wissen, was da mit ihnen vorgeht. Die ganze Sache kam mir sehr sonderbar vor, wie diese früheren Wüteriche nun in eine Art Lämmernatur überzugehen begannen.
09] Nach der Geißelung wurden sieben Kreuze herbeigeschafft und jedem Delinquenten eines auf die Schulter gelegt zur Tragung hinaus auf Golgatha, das der allgemeine Scharfrichtplatz der Römer schon seit lange her ist; aber keiner vermochte die ihm auferlegte Todesbürde trotz alles Stoßens, Schlagens und Mißhandelns auch nur einen Schritt weiterzubringen. Man brachte deshalb einen großen Karren herzu, bespannt mit zwei starken Ochsen, legte zuerst die Kreuze und dann über dieselben die Verbrecher auf denselben, band alles mit Stricken und Ketten fest nieder und fuhr dann hinaus auf Golgatha.
10] Dort angelangt, dahin nebst mir und meinem Vater eben nicht zuviel Volkes wegen der zu furchtbaren Grausamkeit gefolgt war, band man alles wieder los, riß die bluttriefenden Delinquenten vom Karren, band gleich einen um den andern mit gröbsten und mit Dornen eingeflochtenen Stricken riesenhaft fest an die Kreuzpfähle und stellte diese dann aufrecht in die schon eigens dazu in den Stein ausgemeißelten Löcher. Nun erst begannen die Delinquenten zu heulen und allergräßlichst zu wehklagen!
11] Es muß ihnen das unerträgliche Schmerzen verursacht haben; denn fürs erste waren sie durch das Geißeln schon ganz zerfleischt, - fürs zweite die mit Dornen eingeflochtenen Stricke, und drittens das grobe und rohe Holzwerk! Denn so ein Kreuz ist zwar fest, aber sonst stets so roh als möglich quer zusammengefügt und muß dem fest an Händen, Füßen und am Mittelleibe daran Geknebelten schon bei einem vorher ganz gesunden Leibe, geschweige bei einem schon über alle Maßen zerfleischten, ohne weiteres die allerunerträglichsten Schmerzen verursachen. Ich habe diese von mir genau beobachtete Sache nur darum beigefügt, damit ihr Brüder im Angesichte des Herrn das Darauffolgende desto leichter fassen möget, zugleich aber auch, um zu zeigen, wie unabänderlich getreu der hohe Kornelius sein Richterwort erfüllt hat.
12] Je länger die sieben an den Kreuzen hingen, desto gräßlicher ward ihr Geschrei und desto schrecklichere Läster- und Fluchworte stießen sie aus, bis sie nach etwa drei Stunden als ganz heiser und völlig stimmlos bloß nur noch einen blutigen Geifer von sich trieben und sich die Zunge und die Lippen klein zerbissen. Nach sieben vollen Stunden wurden sie ruhiger, und es schien sie alle nahe zugleich ein Nervenschlag gerührt zu haben.
13] Ich muß aber offen gestehen, so sehr sie als wahre Teufel in ihrem freien Zustande gewirtschaftet hatten und es sicher nicht einen Menschen in ganz Jerusalem und Judäa gab, der da nur einen aus den sieben irgend bemitleidet hätte, so kam mir die Sache am Ende denn doch eben nicht sehr löblich vor! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, das Gesetz schreibt das vor, und vor den Augen der Welt hatten sie das verdient!
14] Was wir jetzt, o Herr, aus Deinem Munde gehört und gesehen haben, von dem hatte natürlich damals kein Mensch auch nur eine leiseste Ahnung, und so war es recht und billig, diese sieben mit des Gesetzes äußerster Strenge zu bestrafen zum abschreckenden Beispiele für die vielen, die irgend auf ähnlichen Wegen wandelten. Aber so empörend gräßlich die ganze Geschichte bisher auch war, so ist das doch alles rein nichts gegen das, was, als gleich darauf folgend, ich euch erst erzählen werde.
15] Bei diesen sieben fing nun auch eine sonderbare Art ganz kohlschwarzen Dunstes und Rauches über der Brustgrubengegend sich zu entwickeln an und wuchs und wuchs bis zur doppelten Größe der an den Kreuzen Hängenden; ich bemerkte auch die gewisse Dunstschnur, durch die der ausgestiegene Dunst mit dem noch fiebrig und krampfhaft zuckenden Leibe in einer Verbindung stand. Die schwarze Dunstmasse aber entfaltete sich ja nicht etwa in eine Menschenform, sondern in die erschrecklichste eines größten und ganz schwarzen Tigers, der aber wie mit Blut gestreift war. Als diese schwarzen Bestien bald genug ausgebildet dastanden, fingen sie alsbald überaus furchtbar an zu toben und versuchten, sich mit aller Gewalt völlig vom Leibe zu trennen. Aber es ging das nicht; denn die Lebensschnüre waren so hartnäckig, daß sie sich durch gar keine Gewalttat zerreißen ließen.
16] Die Sache sah mir zu toll und gräßlich aus, und da es ohnehin schon gut eine Stunde über die Tagesmitte war, so gingen ich und mein Vater nach Hause, und ich erzählte auf dem Wege erst dem Vater, was bei dem Verlaufe der Kreuzigung alles zu sehen war. Er gestand mir zwar, nichts dergleichen gesehen zu haben, hatte aber fleißig meine Augen beobachtet und nahm aus ihrem fixierten Hin- und Herschweifen genau wahr, daß ich da etwas Besonderes sehen müsse; also nahm er auch aus der Treuheit meiner Worte genau ab, daß ich ihm keine Unwahrheit erzählt hatte. Er, als ein Arzt zur Not und als ein Philosoph und Theosoph zugleich, fand darin sehr viel Denkwürdiges, obgleich er trotz aller seiner Philosophie und Theosophie von meinen Erzählungen ebensoviel verstand als ich selbst; aber er beschloß, gegen Abend dennoch wieder dahin zu ziehen, um durch mich noch weitere Beobachtungen machen zu können, und um bei Gelegenheit den Sadduzäern so recht derb sagen zu können, daß sie die größten Ochsen und Esel seien, wenn sie die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ableugnen.«


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