Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 122

Jesus enthüllt das Innere des Judas.

01] Auf dies Mein Wort schauen alle wieder mit den Augen des Fleisches und sind voll des höchsten Staunens über alles, was sie gesehen und gehört haben, und alle fangen an, Mich laut zu preisen, bei einer halben Stunde dauernd.
02] Als alle durch ihr lautes Loben und Preisen wohl zu erkennen gaben, daß sie Mich nun in der wahren Lebenstiefe erkannt hatte, kam auch Judas Ischariot zu Mir hin und sagte: »Herr, ich war lange hartgläubig; aber jetzt glaube auch ich in der Fülle, daß Du im Ernste Jehova Selbst bist, oder doch mindestens ein rechter Sohn desselben! Aber etwas kann ich an Dir doch noch immer nicht begreifen, und das besteht darin:
03] Wie konntest Du als Jehova, der unendlich ist, diese Deine Unendlichkeit verlassen und Dich hineinzwängen in diese höchst endliche Form? Bei all dem aber blieb der alte, unendliche Raum noch derselbe, der er von Ewigkeit her war! Du als Jehova bist ja eben der unendliche Raum selbst! Wie kann dieser bestehen in seiner unverrückten, endlosesten Wesenheit und Du als der Unendliche Selbst in dieser engen Menschenform?!
04] Siehe, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage! So Du mir darin ein gehöriges Licht gibst, dann bin ich der Eifervollste aller Deiner Jünger, - ansonst aber wird immer ein kleiner Zweifel meine Seele trüben!«
05] Sage Ich: »Wie ist das möglich, daß nun alle sehen und du allein blind geworden bist?! Meinst denn du, daß Mich diese Hülse einschließt?! Oder ist die Sonne mit ihrem wirkenden Lichte nur allein dort eingeschlossen, wo sie wirkt?! Wie könntest du sie wohl schauen, so sie mit ihrem Lichte nicht weiter reichte als bis zu ihrer äußersten Hautoberfläche?!
06] Ich bin nur der ewige Mittelpunkt Meiner Selbst; von diesem aus aber erfülle Ich dennoch ewig fort unverändert den unendlichen Raum.
07] Ich bin überall der Ewige Ich; aber hier bei euch bin Ich nun in Meiner ewigen Seinsmitte, von der aus die ganze Unendlichkeit ewig fort und fort und unverändert gleich und gleich erhalten wird in ihrer endlosesten, ewigen Ausdehnung.
08] Von Ewigkeit wohnte Ich in Meiner unzugänglichen Mitte und in Meinem unzugänglichen Lichte aus Mir Selbst. Aber Mir hat es der Menschen dieser Erde wegen wohlgefallen, aus Meiner unzugänglichen Mitte und aus Meinem unzugänglichen Lichte derart herauszutreten, daß Ich nun in ebenderselben Mitte und in ebendemselben Lichte, das auch den höchsten Engeln von Ewigkeit völlig unzugänglich war, Mich auf diese Erde begab und nun euch Menschen sogar von allen Seiten her wohl zugänglich bin und ihr Mein Licht wohl ertragen könnet.
09] Als wir aber von Sichar auszogen nach Galiläa herüber und wir nach der Mittagszeit Ruhe nahmen auf einem Berge, da habe Ich mehreren von euch tatsächlich gezeigt, wie Mein Wille auch bis zur Sonne hinlanget. Rufe dir das ins Gedächtnis zurück, und du wirst es dann schon sehen, wie Ich überall daheim bin und sein kann durch den Ausfluß Meines überall gleich mächtig wirkenden Willens!«
10] Sagt Judas Ischariot: »Kann mich wohl erinnern, daß Du dort die Sonne, so ich mich ordentlich besinne, auf einige Augenblicke lichtlos gemacht hast! Nun, das ist allerdings keine Kleinigkeit, - aber doch erzählt man sich, daß solches auch die alten ägyptischen Magier vermochten; wie, das ist freilich eine andere Frage! In der großen Natur gibt es gar sonderbare, geheime Kräfte; Du kennst sie, und die alten Magier haben sie auch gekannt und sie sich dienstbar gemacht. Natürlich hat bisher unseres Wissens wohl niemand solche Taten verrichtet wie Du!
11] Aber ohne alle weltliche Schule bist auch Du nicht! Denn man erzählt sich dennoch verschiedenes von der Geschicklichkeit Deines Vaters Joseph und selbst von Deiner Mutter Maria, die eine Jüngerin des Simeon und der Anna war; und hat ein geistvoller junger Mensch solche Eltern, dann kann er es schon zu etwas bringen. Aber es ist das nur so meine rein weltliche Ansicht; denn ich für mich glaube, daß in Dir Jehovas Geist wohnet und wirket in der Fülle.
12] Was soll mir auch der ewig unsichtbare Jehova nützen, der irgendwo hoch über allen Sternen in Seinem unzugänglichen Lichte sitzt und Sich Seinen Geschöpfen nie zeigt, keine Wunder wirkt außer den stereotypen täglichen, die aber von der Natur selbst ebensogut bewirkt werden könnten?! Du bist darum, für mich wenigstens, ein rechter Jehova, weil Du Dich vor unseren Augen als ein vollkommener Meister aller Natur und Kreatur durch Worte und Taten nur zu offen und zu handgreiflich gezeigt hast. Wir wie Du den Toten das Leben wiedergeben kann, und gebieten den Elementen, und sogar aus der Luft einige ganz nagelneue Esel und Fische ins Dasein rufen und des alten Markus Speisekammern mit Brot und Wein ebenfalls aus der Luft her füllen kann, der ist für mich ein allein wahrer Gott, über den mir alle anderen gestohlen werden können! Hast Du demnach Deine rein göttlichen Fähigkeiten, woher Du willst, so bist Du für mich nun einmal ein rechter Gott! Habe ich recht oder nicht?
13] Gar so auf den Kopf gefallen bin ich ja doch nicht, wie es mein Bruder Thomas gemeint hat. Ich weiß, was ich weiß, und was ich rede; aber wenn der Bruder Thomas in einem fort meint, daß ich ein Esel oder ein Ochse sei, da irrt er sich gewaltig an mir. Wenn ich mit ihm reden wollte, wie ich reden könnte, auf tausend würde er mir nicht eins zu antworten imstande sein! Hätte ich in Dir nicht schon lange den wahren Jehova gewittert, so wäre ich auch schon lange nach Hause zu meiner Töpferei zurückgekehrt; aber weil ich vielleicht am besten weiß, mit wem ich es in Dir zu tun habe, so bleibe ich und lasse meine sehr einträgliche Kunst, trotzdem daß ich eben auch kein Feind des Goldes und des blanken Silber bin, - denn Dein geistiges Gold und Silber ist mir lieber!
14] Aber daß mir zuvor Thomas heimlich ins Ohr raunte, als der Engel nach Deinem Willen eine ganz kerngesunde Eselin ins Dasein rief, dies Wunder sei allein meinetwegen geschehen, um mir zu zeigen in einem lebendigen Bilde, wer und was ich sei, das kann ich denn doch nicht so ganz hingehen lassen! Wenn Thomas sich weiser dünkt, denn ich ihm zu sein scheine, so sei er es; aber mich lasse er ungeschoren! Denn ich lege ihm nichts in den Weg, und heißt er mich auch einen Dieb, so habe ich ihm sicher noch nie etwas entwendet!
15] Du hast doch zuvor uns allen eine gar herrliche und überaus göttlich weise Lehre über die Krankheit einer Menschenseele gegeben und gezeigt vom Grunde aus, wie man mit einer kranken Seele noch mehr Geduld haben solle als mit eines Menschen krankem Leibe! Warum schreibt sich denn solche Lehren ein weiser Thomas mir gegenüber, der ich auch noch seelenkrank sein kann, nicht hinter seine Ohren, wennschon für derlei rein göttliche Lehren in seinem Herzen sich kein Platz vorfinden sollte?! Ich verlange es durchaus nicht, daß er mir darum eine Abbitte leisten soll, weil es seiner Weisheit wohlgefallen hat, mich einen Esel zu nennen - denn so demütig, wie er sich zu sein dünkt, bin ich auch! Aber es drängte mich, hier offen zu bekennen, daß ich zwar ein seelenkranker Mensch bin, aber darum keinen Thomas um seine große Seelengesundheit beneide! Ich will auch darum stets gleich sein Freund und guter Bruder sein, wie ich es immer war, - aber nur das einzige wünsche ich von ihm, daß er in aller Zukunft seinen Korrektionseifer an jemand anderem versuchen solle, und nicht an mir; denn bisher bin ich doch ebendas noch, was er ist, nämlich ein ihm gleich berufener Jünger vor Dir, meinem Herrn und meinem Gott!«
16] Sage Ich: »Es ist zwar eben nicht ganz löblich von seiten Meines Thomas, daß er dich stets auf der Zielmücke seines Zielbogens hat; aber es ist Mir übrigens auch bekannt, daß du bei gänzlicher Vollendung dieser hier noch vor uns weilenden Eselin zuerst einen sehr unzeitigen Witz gerissen hast, und der war der eigentliche Grund, aus dem dich Thomas mit deinen eigenen Worten so ein wenig schlug!
17] Sage Mir, aus welchem Grunde denn du die Bemerkung zu machen hattest, laut der du sagtest und eigentlich meintest: am Ende würden sich alle Meine Wundertaten in der Herstellung von ganz kerngesunden Eseln erweisen! Siehe, diese deine Bemerkung war sehr boshaft und hatte des Thomas Gegenbemerkung sehr verdient! Ich tadle deinen Glauben nicht, nach dem du Mich als deinen alleinigen Gott und Herrn ansiehst, nur tadle Ich an dir das, daß solcher dein Glaube und solche deine Meinung nur mehr in deinen Worten besteht als im Leben deines Gemütes.
18] Denn der Wahrheit nach hältst du Mich denn doch mehr für einen echt altägyptischen Weisen und mit allen geheimen Naturkräften bestens vertrauten Magier, der es wohl versteht, wo er diese Kräfte anzufassen hat, daß sie ihm ihren Dienst nicht versagen. Siehst du, das ist an dir sehr tadelnswert!.
19] Was Hunderte als eine reinste Wahrheit mit den Händen greifen, darüber kannst du noch immer einen Zweifel um den andern erheben und Behauptungen ganz offen aussprechen, die Mich stets bei einigen Schwächeren in ein Zwielicht stellen müssen. Hast du doch, als Ich mehreren total Ertrunkenen das Leben wiedergab, gleich herausgebracht, daß hier der Ort selbst und die Stellung der Sterne ihr Gehöriges beitrügen, und daß es Mir darum ein leichtes wäre, allerlei Wunder zu wirken; auf einem andern Orte würde Mir das bei weitem nicht mehr also gelingen! In Nazareth, Kapernaum und in Kis, in Jesaira und selbst in Genezareth hätte Ich wohl auch große Wunder geleistet, - aber bei weitem nicht so viele denn hier auf diesem Flecke. - Wenn du Mich aber im vollen Ernste für deinen alleinigen Gott und Herrn halten solltest, warum verdächtigest du Mich denn vor den Fremden?!«
20] Sagt ganz keck und resolut Judas Ischariot: »Es scheint aber doch bei einer etwas genaueren Beobachtung der Welt und der Natur, daß Gott denn doch stets sehr Rücksicht nimmt auf die Günstigkeit des Ortes, auf dem Er etwas Besonderes hervorbringen will! Gehen wir auf einen sehr hohen Berg, wie zum Beispiel der Ararat einer ist, und wir werden eben nichts als kahles Gestein und Schnee und Eis antreffen. Warum wachsen denn dort keine Trauben und Feigen, Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen? Da meine ich, daß Jehova dazu den Ort nicht günstig zur Genüge findet, diese Süßwunder auch dort hervorzurufen! Da scheint es denn doch, daß Jehova Selbst auf die Günstigkeit eines Ortes sehr Rücksicht nimmt, ansonst Er sicher auch auf den Ararat die nährenden Süßwunder hingestellt haben würde!
21] Und ich glaube, Dir dadurch von Deiner Gottheit nichts zu nehmen, so ich behaupte, daß Du zum Wirken der Wundertaten immer einen Ort denn doch für günstiger findest als irgendeinen gewissen andern, wie zum Beispiel Nazareth, wo Du Dich mit Wundertaten eben nicht überboten hast. Du könntest als Jehova die große Wüste Afrikas auch leicht in die gesegnetsten und blühendsten Fluren umgestalten, wenn Du dies Territorium geeignet und günstig fändest! Weil aber das erwähnte Territorium noch immer eine Wüste ist und auch höchstwahrscheinlich noch sehr lange bleiben wird, so glaube ich, daß Du dadurch an Deiner Göttlichkeit keine Einbuße erleidest, wenn die afrikanische große Wüste Sahara noch sehr lange das bleiben wird, was sie ist. - Das ist so meine Meinung, obwohl der Bruder Thomas damit vielleicht eben nicht völlig einverstanden sein wird!«
22] Tritt Thomas auf Meinen Wink hinzu und sagt: »Gesprochen hättest du so ganz in der Ordnung, wenn du das auch also in deinem Gemüte fühlen und ebenalso auch als völlig wahr erkennen würdest; aber davon ist in dir keine Spur zu entdecken! Deinem innern Bekenntnisse nach ist der Herr gleichfort fürs erste ein weiser Eklektiker (Auswähler = Philosoph), der es versteht, aus den vielen ihm bekannten Lehren eine allerweiseste herauszuziehen, und fürs zweite sich alle Magie also vollkommen zu eigen gemacht hat, daß ihm bei sicheren Gelegenheiten und günstigen Umständen nichts mißlingen kann. Nur das ist so deine mit dem Satan ziemlich nahe verwandte Idee, daß so ein recht großer Magier, der seinem Willen alle noch so geheimen Kräfte zu unterjochen verstünde, am Ende ein rechter Gott sein müßte!
23] Nun zeigt sich hier, daß der Herr Jesus aus Nazareth solcher deiner Anforderung vollkommen entspricht, und so trägst du auch kein Bedenken, den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gänzlich zu entthronen und dafür diesen deinen Magier vollends darauf zu setzen! Denn daß du den Geist dieses Heiligen aus Nazareth für Ebendenselben hieltest, der dereinst auf Sinai unseren Vätern Seine Gesetze donnerte, von dem hast du in deinem Herzen nicht den allerleisesten Dunst von irgendeinem nur halben Begriffe.
24] Und weil es nun bei dir noch immer also aussieht, so kann ich nicht umhin, dich bei jeder Gelegenheit zu ermahnen, so du irgend bei eben einer solchen Gelegenheit dich hervortun willst und zeigen deine stets verräterische, böse Doppelzunge; denn jeder, der anders denkt und fühlt und anders die Zunge führt, ist ein Verräter am Heiligtume der Wahrheit. Daher solltest da dich hiermit wohl ermahnen lassen und in aller Zukunft nicht anders denken und fühlen, und dabei aber dennoch ganz anders reden! Denn solches ist die Art und Weise der reißenden Wölfe, die in Schafspelzen einhergehen, um desto leichter ein unschuldiges und sanftes Lamm in ihre tötenden Klauen zu bekommen. Verstehe mich wohl; denn ich durchschaue dich ganz und ermahne dich nur dann, wenn du laut auftrittst, weil ich da gleich sehe, wie du allzeit ein Lügner bist, da du anders redest, als du denkst und fühlst. Ich bin dir als einer kranken Seele sicher nicht feind, - aber der Krankheit selbst bin ich es!«


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