Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 104

Die Selbstsucht als Ursache der Materie.

01] (Der Herr:) »Wenn ihr nun diesen Fortgang ein wenig näher betrachtet, so wird es euch wahrlich nicht schwer werden, in richtiger Wahrheitstiefe zu erkennen, woher das Unkraut auf den reinen Acker des Lebens kommt.
02] Alles, was Welt und Materie heißt, ist ein Verkehrtes, der wahren, geistigen Ordnung aus Gott stets und notwendig Widerstrebendes, weil es ursprünglich als eine Gegenreizung zum Erwecken des freien Willens in der belebten und als Selbstwesen aus Gott hinausgestellten und wohlgeformten Idee in sie gelegt werden mußte, und ist darum als das wahre Unkraut auf dem allein wahren und geistreinen Lebensacker anzusehen.
03] Ist das Unkraut ursprünglich auch eine Notwendigkeit zur Konstatierung eines völlig freien, geistigen Lebens, so muß es aber endlich von dem frei geschaffenen Menschwesen doch als solches erkannt und freiwillig hinausgeschafft werden, weil es mit demselben unmöglich fortbestehen kann. Es ist wohl ein notwendiges Mittel zum Zwecke, kann aber nie mit dem Zwecke selbst eins werden.
04] Das Netz ist auch ein notwendiges Mittel zum Fange der Fische; aber wer wird es darum ins Wasser tauchen, um es statt der Fische um seiner selbst willen wieder herauszuziehen, es dann am Feuer zu rösten und als eine Speise zu genießen?! Das Netz ist also nur zum Fange der Fische notwendig; und hat man damit die Fische aus dem Wasser gehoben und sie in die Speisekammer gebracht, so legt man das Netz weg und benutzt den damit gemachten Gewinn.
05] Es muß sonach ja der Reiz zum Übertreten des Gebotes dasein; denn er ist ein Wecker des Erkenntnisvermögens und ein Wecker des freien Willens. Er erfüllt die Seele mit Lust und Freude auf so lange, als sie den Reiz gar wohl erkennt, ihm aber nicht huldigt, sondern ihn stets mit demselben freien Willen bekämpft, der eben durch den Reiz in ihr erweckt und belebt wurde, und die freie Seele gebraucht ihn dann als ein Mittel, nicht aber als einen in ihm erreichten Zweck.
06] Der Schlauch ist ja doch nie der Wein selbst, sondern nur ein Gefäß für die Erhaltung des Weines. Wer wird aber so dumm sein und möchte des reizenden Geruches wegen gleich in den Schlauch sich verbeißen und ihn beschädigen, da er doch wissen kann, daß er den Schlauch nur an der rechten Stelle zu öffnen hat, um den puren Wein aus dem Schlauch zu bekommen?!
07] Das Unkraut oder der Reiz zum Übertreten des Gesetzes ist daher ein Untergeordnetes und darf nie und nimmer zu einer Hauptsache werden; wer immer das höchst Untergeordnete zur Hauptsache macht, der gleicht einem Narren, der sich mit den Töpfen, in denen gute Speisen gekocht werden, sättigen will, die Speisen aber wegwirft!
08] Worin aber besteht das Unkraut, durch dessen Verwesung das Leben gedüngt werden soll? Welche Namen hat denn hernach der in die belebte Form gelegte gegengesetzliche Reiz? Er heißt Eigenliebe, Selbstsucht, Hochmut und am Ende Herrschsucht. Durch die Eigenliebe geht die belebte Form zwar in sich, aber mit einer Habgier, alles in sich zwar aufzunehmen, aber es dann in sich für immer also zu verschließen und zu verwahren, daß es da nie außer sich jemandem zugute kommen solle, und das aus Furcht, ja selbst nie in irgendeinen Mangel zu geraten! Durch solches In-sich-selbst-Verschließen alles dessen, was es von der alles ernährenden und erhaltenden Gottesordnung stets in sich aufnimmt, muß in dem Wesen eine stets wachsende Verdichtung entstehen und eine gewisse zeitweilige Gediegenheit und Präpotenz (Übermacht, Überlegenheit) und dadurch ein besonderes Wohlgefallen an sich selbst, - und das ist im vollwahren Sinne des Wortes und der Bedeutung nach die Selbstsucht, die ihr Selbst als etwas fühlbar Vollgewichtiges über jedes andere Selbst mit aller Kraft und Gewalt zu erheben bemüht ist durch alle ihr zu Diensten stehenden Mittel, und wären sie schon gleich auch von der allerschlechtesten Art.
09] Hat die Selbstsucht das, was sie wollte, erreicht, dann erhebt sie sich über alles ihr Ähnliche und blickt gewisserart wonnetrunken auf alles mit einer Verachtung herab; und diese Verachtung gleicht dem Ekel eines überfüllten Magens gegen vor ihm stehende Speisen und ist dann das, was man den Hochmut nennt. Darin ist schon sehr viel Materie und ein ganzes Feld voll des schlechtesten Unkrautes.
1O] Der Hochmut aber ist in sich selbst von der größten Unzufriedenheit, weil er noch immer die Wahrnehmung macht, daß ihm noch immer nicht alles zu Diensten steht, wie er es haben möchte. Er prüft nun alle seine Mittel und sonstigen Kräfte und findet, daß er sich alles dienstfertig machen könnte, so er politischermaßen einen Flotten und Freigebigen spielen würde. Gedacht, geprüft und getan! Da es der Hungernden stets mehr gibt als der Gesättigten, so hat der flott gewordene Hochmut ein ganz leichtes Spiel. Bald sammeln sich alle die hungernden Kleinkräfte um ihn und lassen über sich ganz strenge gebieten, weil nun auch sie von dem Reichtume des Hochmutes etwas zu schnappen bekommen. Sie gehorchen nun schon sklavisch dem Hochmute, vermehren dadurch seine Kraft, und der Hochmut trachtet nun schon gleich, sehr vieles oder lieber alles sich dienst- und zinsbar zu machen. Und dies unersättliche Trachten ist dann das, was man im wahrsten Sinne die allerverderblichste Herrschsucht nennt, in der keine Liebe mehr waltet.
11] In solcher Herrschsucht aber spricht sich dann schon die allerdickste Materie aus; mit ihr ist ein ganz zu Granit verhärteter Planet mit allen möglichen bösen Elementen allerbestens versehen. Daß aber die Herrschsucht und mit ihr die wirkliche Herrscherei der allerdichtesten Materie gleich ist, beweisen die überaus festen Burgen und Festungen, hinter denen sich die Herrscher verschanzen. Mehrere Klafter dick müssen die Mauern sein und bestellt mit starken Kämpfern, auf daß da ja niemand imstande sein soll, je zu durchbrechen die allergröbste Materie und zu schmälern den Herrscher in seiner allerhochmutsvollsten Ruhe. Wehe dem Schwachen, wenn er es wagete, nur einen Stein zu rütteln an des Herrschers Feste; der wird alsbald zermalmt und vernichtet werden!
12] Ich meine aber hier ja nicht jene Herrscher und Regenten, die hier die Ordnung Gottes zur Verminderung der Herrschsucht jedes einzelnen Menschen gesetzt hat zu Pfeilern und Aufrechthaltern der Demut und Bescheidenheit, der Liebe und der Geduld; denn diese von Gott bestellten Regenten der Völker müssen das sein, was sie sind, und können nicht anders, als wie sie zur Besserung der Völker vom Willen des allmächtigen Gottes getrieben und geleitet werden. Es ist hier nur von der allgemeinen wahren Herrschsucht jedes einzelnen Geistes und Menschen die Rede, und ist gezeigt, was sie an und für sich selbst ist. Ja, es gab wohl Herrscher, die man arge Tyrannen nannte! Diese haben sich aus dem Volke erhoben, rebellierten gegen die von Gott gestellten Herrscher, wie dereinst Absalom gegen seinen eigenen Vater David. Solche Herrscher sind nicht von Gott bestellt, sondern durch sich selbst, und sind darum schlecht und ein wahres Unkraut und entsprechende Formen der allerdicksten Materie.
13] Aber du, Mein Cyrenius, und dein Kaiser seid das nicht, sondern das nach Meinem Willen, was ihr seid, - obgleich noch Heiden! Aber Mir seid ihr als Heiden lieber denn viele Könige, die als sein sollende Führer der Gotteskinder nur wahre leibliche und noch mehr geistige Mörder derselben waren, darum ihnen die alten Throne und Kronen und Zepter aber auch für immer genommen und euch weisesten Heiden überantwortet wurden. - Ich machte hier notwendigerweise diesen Beisatz, auf daß du, Mein Cyrenius, etwa ja nicht meinen sollest, als säßest du und dein Neffe als ein Usurpator vor Mir auf dem Herrscherthrone. - Und nun weiter in unserer Betrachtung übers Unkraut auf dem guten Acker!«


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