Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 102

Gedanken und ihre Verwirklichung.

01] Sage Ich: »Nichts leichter als das! Ich habe es euch schon gezeigt, wie ein jeder Mensch durch den Weg des Gesetzes wandeln muß, so er zur Freiheit und zur Selbständigkeit seines Seins und Lebens gelangen will. Wenn aber ein Gesetz besteht, das dem Menschen wie von außen her gegeben wird, so muß ja auch eine Anreizung im Menschen sein, dasselbe noch leichter und freudiger, wenn auch nur für den Moment, zu übertreten, als es ganz strenge zu halten. Also wurden vor aller materiellen Schöpfung Geister von Mir aus ins Dasein gerufen, was und wie Ich es euch schon also gezeiget habe, daß ihr es habt verstehen und begreifen müssen; denn ihr selbst beachtet heutzutage, so ihr etwas schaffet, ganz dieselbe Ordnung.
02] Zuerst fasset ihr allerlei Gedanken; aus diesen bildet ihr dann Ideen und Formen. Habt ihr einmal aus den Gedanken und Ideen eine bestimmte Form entwickelt, so wird diese durch den Willen, daß sie bleibe, umhäutet. Ist sie einmal das, so bleibt sie schon in einem geistigen Sein ganz unverwüstbar, und ihr werdet euch ihrer allzeit bildsam gegenwärtig, sooft ihr derselben nur immer gegenwärtig werden wollet. Je länger ihr aber eine derartig geformte Idee in euch schon als einen förmlichen Gegenstand betrachtet, desto mehr Neigung fasset ihr zu der geformten und geistig umhäuteten Idee; es erwacht in euch Liebe zu dieser geistigen Form. Die Liebe zu ihr nimmt zu, es flammet in eurem Herzen für sie, und durch die Lebenswärme und durch das Licht aus der Liebesflamme wird die nun stets bestimmter geformte Idee in sich selbst mehr und mehr ausgebildet, vollständiger, schöner, und ihr fanget an, aus ihrer stets größeren Vervollständigung allerlei Nutzbarkeiten zu entdecken und Entschlüsse zu fassen, die nun stets mehr ausgebildete Idee in ein äußeres Werk zu setzen und zu übertragen.
03] Anfangs machet ihr auf dem Pergamente Zeichnungen, und das so lange, bis die Zeichnung vollähnlich dem schon ausgebildeten Geistbilde in euch wird. Findet ihr an der Zeichnung gegenüber dem Geistbilde in euch nichts mehr auszustellen, so beratet ihr euch mit Sachverständigen, wie dieses ins wirkliche materielle Werk umzugestalten und zu verwandeln wäre. Und die Sachverständigen denken nach, finden sich in der aufgestellten Idee bald zurecht und sagen: "Dieses und jenes brauchen wir dafür, eine Zeit von ein paar Jahren, und soundsoviel wird es kosten!" Ihr machet dann einen Kontrakt, das Werk wird begonnen, und in ein paar Jahren steht eure Idee zur Ansicht, Bewunderung und Benutzung vor euch und Tausenden von anderen Menschen.
04] Sehet, allso erschaffet ihr eure Häuser, Geräte, Städte, Burgen, Schiffe und noch tausenderlei andere Dinge! Und ebenalso erschaffe Ich auch die Himmel, die Welten und alles, was diese fassen und tragen. Freilich wird zur Erschaffung einer Welt mehr Zeit erfordert, als ihr da derselben bedürfet,um eine Hütte, ein Haus oder sonst etwas aufzubauen; denn ihr habt schon die fertige Materie vor euch, - Ich aber muß die Materie erst schaffen und sie nehmen aus der unwandelbarsten Festigkeit Meines Willens.
05] Ich könnte irgendeine Materie auch wohl augenblicklich herstellen, ja sogar ein ganzes Weltenmeer in einem Moment ins Dasein rufen; aber solch eine Welt würde eben darum schwer einen haltbaren Bestand haben, weil sie von Mir früher zu wenig genährt worden ist bis zu ihrer Vollreife. Ist aber eine große Weltenidee bei Mir einmal gehörig ausgereift und genährt worden durch Meine Liebe und Weisheit, so wird sie dann auch stets mehr und mehr an Intensität gewinnen und wird dadurch stets mehr und mehr bestandfähig.
06] Ist es ja doch auch bei euch also, wo ihr schon mit der fertigen Materie zu tun habt! Ein Haus, das ihr zur Not innerhalb eines Tages erbaut habt, wird wahrlich keinem Jahrhundert und noch weniger einem Jahrtausend trotzen! Aber bei Bauten, vor deren Beginne ihr einmal die geformte Idee in euch in einer längeren Zeit habt vollauf ausreifen lassen und dabei erst selbst aus dem Widerstrahlen eurer Idee ins stets klarere gekommen seid, was da alles dazu erfordert wird, um eine solche Form in ein möglichst dauerhaftes und vollendetstes werkhaftes Dasein umzugestalten, da werdet ihr auch etwas Dauerhaftes aufstellen gleich den Pyramiden, die bis jetzt schon, allen gebildeten Sterblichen bekannt, nahe zweitausend Jahre stehen und allen Stürmen trotzen und noch mehr als viermal solange stehen werden, kaum von außen her ein wenig verwittert.
07] Hätten die alten Pharaonen nicht lange genug nachgedacht, solche Gebäude als Bewahranstalten für ihre Geheimkünste und Wissenschaften zu erbauen, die der Zahn der Zeit Jahrtausende hindurch nicht zerstören solle, so ständen diese Pyramiden nimmer als Denkmäler der Urbaukunst; aber weil die Erbauer zuvor ihre einmal gefaßte und in eine volle Form übergegangene Idee jahrelang genährt und auf diese Weise zu einer Reife gebracht haben, so ist es denn auch begreiflich, warum ihre in die Materie übersetzte Idee noch heute den Wanderer mit Staunen erfüllt.
08] In der Folge lernten die Menschen zwar recht schnell denken und konnten aus der Summe ihrer Gedanken schnell eine Idee entwickeln, die manchmal sogar sehr kompliziert war, auch zumeist ins Werk gesetzt ward; aber da die Idee bald und leicht entwickelt war, so wurde sie auch bald und leicht ins Werk gesetzt. Das Werk selbst aber war darum auch ein leichtes und der zu geringen Vorreife der Idee wegen ein bald vergängliches. Kurz, alles Leichte bleibt leicht, und alles Schwere bleibt schwer!«


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