Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 61

Materialistische Irrtümer.

01] Mit diesen Worten verläßt der in seine sehr elenden Lumpen gehüllte Zorel den Zinka und tritt zu Mir hin, sagend: »Hoher Herr und Meister der Heilkunde, dies Kleid, das da bedeckt meinen elenden Leib, sind Lumpen von gar elender Art; aber sie decken wenigstens die Scham eines Menschen, dem es wirklich leid tut, unter diesen vielen sein wollenden oder sollenden Menschen leider auch ein Mitmensch zu sein! Form haben wir zwar bis aufs Kleid dieselbe; aber zwischen dem Sein scheint ein himmelhoher Unterschied obzuwalten.
02] Ich bin ein Mensch, der da wohl zu unterscheiden versteht, daß zwei und zwei zusammen nicht sieben, sondern vier ausmachen! Zinka sagte mir, daß du der Mann wärest, der mir noch ein helleres Lichtchen anzünden könnte, als da ist das meinige, das mir wenigstens unter meinen Glaubensgenossen den Stempel der Menschheit aufdrückte; aber ich habe mir darauf nie was zugute getan und will mir noch weniger zugute tun, wenn du mir ein anderes Lichtlein anzünden willst. Zinka sagte mir, daß du allein solches zu tun imstande wärest.
03] Meine eben sicher nicht aus der blauen Luft gegriffenen Grundsätze hast du gehört. Sie waren für mich leider eine nur zu handgreifliche Wahrheit; kannst du mir aber dafür etwas Besseres geben, so tue das, und ich lasse gerne augenblicklich meinen ganzen Wahrheitsplunder von ganzem Herzen fahren! Ich weiß zwar nicht, mit welchem Ehrentitel ich dich begrüßen soll, - aber ich denke, daß auch du ein Mensch der Wahrheit bist, und solchen Menschen ist es wohl eins, welchen Titel man ihnen beilegt. Ich nenne dich 'Hoher Meister' und ehre dich als solchen, obwohl ich dich bloß nur vom Hörensagen kenne. Wirst du mir aber auch in der Tat genügen, da sollst du von mir angebetet werden!
04] Sage mir denn, so es dir genehm ist, inwieweit ich mit meinen Wahrheitsgrundsätzen wohl oder irrig daran bin! Sind wir nun mehr oder weniger Menschen, als jene es waren, die als erste vernünftige Wesen diese Erde bewohnt haben? Darf ich nun, weil die Menschen einmal ein Besitzschutzgesetz erfunden haben, von dem sie sagen, daß es ein Gott gegeben habe, als ein armer Faun, der schon oft drei Tage keinen Bissen zu essen hatte und durchs Bitten auch nichts bekommen konnte, mir nicht so viel nehmen von irgendeines andern Menschen Überflusse, um mich nur zur Not vor dem Hungertode zu schützen, da doch ein jeder Erdwurm das Recht hat, sich mit einem Fremdbesitze zu sättigen, ohne ihn kaufen zu müssen, weil auch er ein Bewohner dieses Erdbodens ist und leider sein muß, da es einmal die mächtige Natur also eingerichtet hat? Oder soll ein Mensch weniger Recht haben, sich mit den seiner Natur zusagenden Erdfrüchten zu sättigen darum, weil er sich kein gutes Stück Erdreich kaufen konnte -, als ein Vogel in der Luft, von denen doch ein jeder ein ausgemachter Dieb ist?! Ich bitte dich, daß du mir darüber einen rechten Bescheid geben möchtest!«
05] Sage Ich: »Freund, solange du deine Menschenrechte denen der Tiere gleichstellst, hast du mit deinen Naturgrundrechten auch vollkommen recht; da kann Ich dir durchaus nichts einwenden, und jedes Eigentum schützende und jedes andere Moralgesetz ist da eine allerabsurdeste Lächerlichkeit! Wie dumm müßte der sein, der den Vögeln in der Luft, den Tieren auf der Erde und den Fischen im Wasser Eigentumsschutzgesetze und andere sittliche Vorschriften geben wollte; denn ein nur einigermaßen vernünftiger Mensch, oder gar ein Gott, muß es ja wissen, daß diese Wesen ihre Natur zum einzigen Gesetzgeber haben! Du hast demnach ganz recht mit deinen Ansichten, wenn der Mensch vorderhand nichts anderes ist und zu erwarten hat als irgendein Tier, wie es so in seiner Natur dasteht.
06] Aber wenn der Mensch irgendeines sehr wohl möglichen höheren Zweckes wegen da ist oder da sein dürfte, wovon dir freilich bis jetzt wohl noch nichts in deinen Sinn hat kommen können, was deine nur für die untersten Bedürfnisse streitende Weisheit nur zu deutlich zu erkennen gibt, so dürften deine mathematischen Grundsätze wohl auf sehr schwachen und wankenden Füßen stehen!
07] Daß aber ein jeder Mensch für einen höheren Zweck auf diese Erde gesetzt wurde, solltest du ja schon daraus erkennen, daß er als ein neugeborenes Wesen tief unter jedem Tiere steht und erst nach einigen Jahren tüchtiger Pflege anfängt, ein Mensch zu werden. Er muß in irgendeine Ordnung treten und mit allerlei gerechter Mühe und rechtlichem Kampfe sich sein Brot erwerben. Darum hat er aber denn auch Gesetze überkommen, damit er sie als erste Wegweiser zu einem höheren Ziele hin betrachten soll und sie auch halten aus seinem freien Willen heraus wegen der ferneren Selbstbildung und Selbstbestimmung, durch die allein er am Ende seine hohe Bestimmung erreichen kann, - aber nie als ein noch so beißend vernünftiger Tiermensch, sondern als ein vollkommener Menschmensch.
08] Solange du dich nur kümmerst um das, was dem Fleische gebührt, wirst du als Mensch nicht weit kommen; ah, wenn du aber dahinterkommen wirst, daß in dir noch ein Mensch wohnt, der ganz andere Bedürfnisse als dein Leib hat und auch für etwas ganz anderes bestimmt ist, da wird es dir nimmer schwer werden zu erkennen, wie sehr du mit deinen Grundsätzen im lockersten Sande herumwühlst!
09] Siehe, Ich kenne deinen sonst guten Willen und dein Forschen nach Wahrheit und nach dem Grund all des Bösen, mit dem nun die Menschheit auf Erden wahrlich bis über die Ohren behaftet ist! Deine Gedanken, dieweil du am Stehlen von jeher eine besondere Freude hattest, haben dir das Schutzgesetz für Eigentum und rechtlichen Besitz als deine Pandorabüchse bezeichnet; und weil du in deinen jüngeren Jahren zugleich ein großer und genußsüchtiger Freund der Weiber warst, so genierte dich auch stets ein Moralgesetz, das dir wie jedermann den Mißbrauch des Beischlafs als eine Sünde bezeichnet hat.
10] Ja, als ein Tiermensch hast du auch da mit deinen Grundsätzen ganz vollkommen recht, wie auch damit, daß vor den anderen Gesetzen dahin ein Vorgesetz bestehen sollte, demnach alle Kinder eine solche Erziehung erhalten sollten, durch die ihnen die gesellschaftliche Ordnung so eingebleut werden müßte, daß es ihnen im männlichen Alter zur blanksten Unmöglichkeit würde, je irgendein Gesetz zu übertreten, was dann eine nachträgliche Gesetzgebung ganz natürlich überflüssig machen würde.
11] Ja, siehe, diese Ordnung hat der Schöpfer der Welten und aller Wesen ja auch bei den Tieren eingeführt! Jedes Tier bekommt schon im Mutterleibe deine verlangte Vorerziehung ordentlich in seine ganze Natur und bedarf für späterhin gar keines Gesetzes mehr; denn es bringt mit der Vorerziehung im Mutterleibe schon alles mit sich, was es fürs ganze Leben braucht! Der aber, der die Engelsgeister, die Himmel, die Welten und die Menschen erschuf, wußte sicher recht wohl, was dazu erforderlich ist, um den Menschen zu einem freien Menschen und zu keinem gerichteten Tiere zu erschaffen und nachher zu erziehen.
12] Wenn du deine mathematisch richtigen Lebensgrundsätze noch etwas genauer untersuchst, so wirst du bald auch finden, daß die Sprache für den Menschen ein großes Übel ist, da die Menschen sich durch sie in allen schlechten Dingen und Sachen unterweisen können. Auch wäre die Lüge nie unter die Menschen gekommen, so sie nicht reden könnten, weder durch Zeichen noch durch Worte; ja sogar das Denken ist gefährlich, weil die Menschen durch dasselbe auf allerlei Bosheiten und Hinterlistigkeiten geraten könnten! Am Ende sollten sie auch nicht klar sehen, rein hören, nicht schmecken und nicht riechen dürfen; denn alle diese Sinne im klaren und reinen Zustande könnten den Menschen ja noch gar leicht auf irgend etwas gierig und lüstern machen, was zufälligerweise schlecht wäre! Jetzt betrachte du deinen Menschen nach deinen mathematischen Grundsätzen und frage dich selbst, ob zwischen ihm und einem Meerespolypen, mit Ausnahme der Form, irgendein Unterschied obwaltet!
13] Was willst du aber dann für den hohen Zweck, für den ein jeder Mensch erschaffen ist, mit solch einem Menschen machen? Welche Bildung wirst du ihm geben können? Wann wird so ein Mensch zur Erkenntnis seiner selbst und zur Erkenntnis des wahren Gottes, des Urgrundes aller Dinge und alles Lichtes und aller Seligkeiten, gelangen? Siehe an die Einrichtung eines gesunden Menschen, betrachte und durchforsche sie mit deinem kritischen Verstande genau, und du wirst finden, daß ein so weise und überaus kunstvoll eingerichtetes Wesen am Ende ja doch noch eine andere Bestimmung haben muß als bloß die nur, sich täglich den Bauch zu füllen, um hernach recht viel Unrates von sich lassen zu können!«


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